Giftige Luft in Flugzeugen

Ex-Condor-Pilot klagt an: Krank durch giftige Cockpit-Luft

12. Februar 2020 - 15:58 Uhr

Krank durch vergiftete Kabinenluft

Piloten, Flugbegleiter und Vielflieger klagen seit Jahren über die giftige Luft in der Flugzeugkabine, die sie krank mache. Es geht um einen gefährlichen Stoff, der bei der Verbrennung von Triebwerköl entsteht, und in die Kabine eindringen soll. Die Inhalation kann laut einigen Medizinerin zu schweren Erkrankungen führen. Experten sprechen vom sogenannten "Aerotoxischen Syndrom". Die meisten Fluggesellschaften bestreiten das. Die RTL-Reporter Bastian Schlüter und Luisa Graf haben Willi Jahnke getroffen. Der Ex-Pilot hat seinen ehemaligen Arbeitgeber, den Ferienflieger Condor, verklagt. Sein Arzt geht davon aus, dass das jahrelange Einatmen der vergifteten Kabinenluft den 65-Jährigen schwer krank gemacht hat.

Ex-Pilot ist sicher: Krankheit kam durch giftige Stoffe

Familie: Die Ursache für diese schweren Erkrankungen waren die giftigen Stoffe in der Luft im Cockpit.
Familie: Die Ursache für diese schweren Erkrankungen waren die giftigen Stoffe in der Luft im Cockpit.
© Privat, Orlovic, Marko [RTL Interactive GmbH]

Willi arbeitete mehr als 40 Jahre lang als Pilot. Unzählige Passagiere flog er von 1996 bis 2015 mit Condor in den Urlaub. Er sei immer fit und lebenslustig gewesen, beschreibt ihn seine Ehefrau Sabine. Seit rund fünf Jahren ist der 65-Jährige auf eine 24-Stunden-Betreuung durch seine Frau und eine Pflegekraft angewiesen. Damals bemerkte Sabine eine Veränderung bei ihrem Ehemann. Er sei immer unkonzentrierter geworden und habe immer wieder Dinge verlegt, erzählt sie im Gespräch mit RTL.

2015 ging der Ex-Pilot schließlich in Rente. Kurz darauf bekam er die Schock-Diagnose: Parkinson und Demenz. Für seine Familie und einige Ärzte war klar: Die Ursache für diese schweren Erkrankungen waren die giftigen Stoffe in der Luft im Cockpit. Umweltmediziner Dr. Manfred Müller-Kortkamp erklärt: Diese Stoffe "kumulieren dann im Körper, zirkulieren auch und führen dann zu einem Zelltod, oder einem Zellumbau." So könnten sie für Gehirnerkrankungen wie Parkinson verantwortlich sein.

RTL-Luftfahrtexperte Ralf Benkö: Für Urlaubsreisende besteht kaum Gefahr

RTL-Luftfahrtexperte Ralf Benkö
RTL-Luftfahrtexperte Ralf Benkö
© RTL, Orlovic, Marko [RTL Interactive GmbH]

Diese giftigen Stoffe in der Kabine werden "Fume Events" genannt, also Dämpfe in der Maschine. Diese können - wenn zum Beispiel eine Dichtung nicht hält - durch das Triebwerk in den Innenraum des Fliegers gelangen, denn von dort wird die Atemluft abgesaugt. Verschmutzungen und damit giftige Stoffe, wie zum Beispiel aus dem Triebwerksöl, gelangen so in die Atemluft von Crew und Passagieren. "Aerotoxisches Syndrom" nennen die Ärzte das.

Für Urlaubsreisende besteht kaum Gefahr, da sie den Dämpfen nur kurzzeitig ausgesetzt sind. "Aber wenn jemand eben über lange Zeit als Crewmitglied immer wieder dieser Dosierung ausgesetzt ist, dann gehen manche Mediziner davon aus, dass es sehr wohl Krankheiten auslösen kann", erklärt RTL-Luftfahrtexperte Ralf Benkö.

540 Fälle von gesundheitlichen Beschwerden gemeldet

ARCHIV - 25.09.2019, Düsseldorf: Eine Maschine der Fluggesellschaft Condor rollt über das Vorfeld am Düsseldorfer Flughafen. (zu dpa «Käufer für Ferienflieger Condor gefunden») Foto: Marcel Kusch/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Willi Jahnke arbeitete von 1996 bis 2015 für Condor.
© dpa, Marcel Kusch, mku tba wst rho

Allein 2018 wurden der Berufsgenossenschaft Verkehr 540 Fälle von gesundheitlichen Beschwerden nach sogenannten "Fume Events" gemeldet. Trotzdem gehen die Fluggesellschaften davon aus, dass die giftigen Dämpfe in der Kabinenluft nicht ausreichen, um dadurch zu erkranken. Ihr Argument: Wissenschaftlich sei nichts bewiesen. Das meint auch Willis ehemaliger Arbeitgeber Condor.

Gegenüber RTL teilt die Fluggesellschaft mit: "Wir führen seit vielen Jahren umfangreiche Luftmessungen durch (…) Eine weitere Studie des SGS Instituts Frensenius zeigte, dass bei keiner der umfangreichen Luftmessungen Belastungen in der Kabinenluft nachgewiesen werden konnten."

Andere Fluggesellschaften haben bereits gehandelt. So hat der Billigflieger Easyjet vor zwei Jahren bekannt gegeben, Filter in ihre Maschinen einzubauen, die die Kabinenluft von chemischen Rückständen wie Triebwerk-Öl befreien. "Wir werden das System ab nächstem Jahr an unseren Flugzeugen testen", hieß es damals in der Mitteilung.

Familie des Ex-Condor-Piloten fordert Aufklärung

Willi Jahnke leidet seit Jahren unter Parkinson und Demenz.
Willi Jahnke leidet seit Jahren unter Parkinson und Demenz.
© RTL

Von Condor fordert Familie Jahnke nun unter anderem Schadensersatz und die Anerkennung der Erkrankungen als Berufskrankheit. "Das wird im Endeffekt nicht gemacht, um Condor, oder sonstigen Fluggesellschaften eins auszuwischen, uns wäre es auch lieber, wenn es die Betroffenen gar nicht gäbe, wir wollen einfach eine ordnungsgemäße Aufklärung", sagt Alexandra Glufke-Böhm, die Rechtsanwältin der Familie. Vor allem den Angehörigen des 65-Jährigen würde das sehr helfen, denn auch ihr Leben hat sich durch die Krankheit grundlegend verändert.