Ärzte warnen vor Schäden des Nervensystems

Aerotoxisches Syndrom: Kann die Luft im Flugzeug krank machen?

Wie gefährlich sind die Abgase und Dämpfe, die in die Flugzeugkabine gelangen?
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11. Februar 2020 - 16:07 Uhr

Aerotoxisches Syndrom: Aktueller Fall wirft Fragen auf

Kann die Luft im Flugzeug krank machen? Ja, behauptet ein ehemaliger Condor-Pilot, der an den Folgen einer Vergiftung leidet. Hervorgerufen worden sei sie durch schlecht gefilterte Abgase in der Kabinenluft. Experten sprechen dabei vom "Aerotoxischen Syndrom". Was verbirgt sich dahinter? Und sind auch Passagiere in der Flugzeugkabine gefährdet?

"Fume Events" gefährden die Gesundheit

Den Geruch nach Abgasen, der sich meist kurz vor Start des Fliegers bemerkbar macht, kennt wohl jeder, der schon einmal geflogen ist. Grund für den Kerosingeruch in der Kabine ist, dass hin und wieder Abgase durch die Lüftungsanlage eingesaugt werden. Dass passiert vor allem bei starkem Wind. Dies ist zwar unangenehm, stellt aber keine Gesundheitsgefahr dar.

Anders sieht es bei einem sogenannten "Fume Event" aus. Dabei handelt es sich um eine Verunreinigung der Kabinenluft durch Triebwerksöl. Dies passiert, wenn Öl im Triebwerk austritt und sich stark erhitzt. Dadurch entstehen giftige Dämpfe, die eingesaugt werden können. Das passiert vor allem bei Defekten in den Luftzufuhrleitungen oder in den Dichtungen.

Da die Atemluft für die Flugzeugkabine direkt aus einem Luftverdichter in den Triebwerken entnommen und ungefiltert in die Kabine eingeleitet wird, gelangen auch die Dämpfe des giftigen Chemikalien-Gemischs in die Kabine. Nach Schätzungen der Vereinigung Cockpit kommt es bei durchschnittlich einem von 2.000 Flügen zu einem "Fume Event". Bekannt sind sie seit den 1950er Jahren. Dennoch gibt keine regelmäßigen Messungen.

Wie äußert sich das Aerotoxische Syndrom?

Gelangen die in den Dämpfen enthaltenen Giftstoffe wie beispielsweise das Nervengift TCP (Tricresylphosphat) oder Kohlenmonoxid (CO) über die Atemluft ins Blut, kann dies ernste gesundheitliche Folgen haben. Ärzte sprechen vom Aerotoxischen Syndrom. TCP ist ein starkes Nervengift und kann Haut- und Augenirritationen auslösen. Der Umweltmediziner Manfred P. Müller-Kortkamp erklärt, dass Gleichgewichtsstörungen, Lungenschädigungen oder Schäden im Nervensystem, die sich in Form von Gedächtnisstörungen äußern, typische Symptome des Aerotoxischen Syndroms sein können. Erkannt werden können sie unter anderem an einem süßlichen Geruch. Kurzzeitfolgen sind Schwindel oder Übelkeit.

Aerotoxisches Syndrom nicht als Krankheit anerkannt

Obwohl Experten und Mediziner seit Jahren über das Phänomen berichten und es einige Studien dazu gibt, ist das Aerotoxische Syndrom bis heute keine anerkannte Krankheit. Dies liegt auch daran, dass es kein eindeutig definiertes Krankheitsbild gibt. Hinzu kommt, dass manche Menschen mehr Symptome zeigen als andere, was genetisch bedingt ist. Vermutlich sind einige Betroffene in der Lage, die Giftstoffe besser abzubauen als andere. "Wer die Veranlagung zum Abbau des Giftes nicht hat, bei dem bleiben die Gifte im Körper und führen zur Zellzerstörung", erklärt Müller-Kortkamp.

Passagiere brauchen sich keine Sorgen zu machen

Zu einem Fume Event kommt es bei einem von 2.000 Flügen.
Wie gefährlich sind die Abgase, die in die Flugzeugkabine gelangen?
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Für Passagiere stellen "Fume Events" und auch das daraus folgende Aerotoxische Syndrom aufgrund des seltenen Auftretens keine generelle Gefahr dar. Bei Piloten oder dem Kabinenpersonal hingegen, die über Jahre oder Jahrzehnte hinweg regelmäßig fliegen und folglich öfter mit "Fume Events" konfrontiert werden, kann dies zum Verlust der Flugtauglichkeit und damit zur Berufsunfähigkeit führen. Das betrifft inzwischen in Deutschland mehr als 100 Menschen, wie die "Ärztezeitung" berichtet. Daher sollte jedes "Fume Event" protokolliert werden.

Wer Symptome feststellt, sollte auch diese dokumentieren und möglichst umgehend Blut- und Urinproben abgeben, da die eingeatmeten Stoffe nur wenige Stunden nachweisbar sind. Solche Proben sind auch deswegen ratsam, um für den Fall der Fälle Nachweise und bessere Chancen vor Gericht zu haben, wenn ein "Fume Event" als Arbeitsunfall und Grund für eine Berufsunfähigkeit anerkannt werden soll und es folglich zu einem Verfahren kommt.

Flugzeughersteller rüsten nach oder um

Immerhin: Immer mehr Airlines gehen das Problem an, indem sie bessere Filter in die Maschinen einbauen, welche die Schadstoffe zum größten Teil aus der Luft herausfiltern können. Einen 100 prozentigen Schutz vor "Fume Events" verspreche derzeit nur ein eigener Verdichter, der die Luft für die Kabine am Rumpf entnehme, wie Professor Dieter Scholz vom Department Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau der Hamburg University of Applied Sciences erklärt.