Erneuter Organspende-Skandal: "Es wird noch mehr ans Licht kommen"

Patientenschützer: "Es besteht ein System"

Göttingen, München, Regensburg und nun Leipzig - wieder gibt es einen Transplantations-Skandal in einer Klinik. Die Vorwürfe ähneln sich: Patienten sollen kränker geschrieben worden sein, als sie waren, um sie in Wartelisten nach oben zu hieven. Staatsanwaltschaften ermitteln, warum Ärzte das gemacht haben. Das Bundesgesundheitsministerium spricht von Einzelfällen. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagt dagegen: "Es besteht ein System." Das Vertrauen in die Organspende in Deutschland ist erschüttert.

Organspende Skandal Leipzig
Laut Ärztepräsident Montgomery könnten noch mehr Ungereimtheiten ans Licht kommen.
dpa, Bodo Marks

Das Leipziger Universitätsklinikum (UKL) verspricht eine lückenlose Aufklärung der Manipulationen. Die drei suspendierten Mediziner hätten ihre Kooperationsbereitschaft erklärt, sagte der medizinische Vorstand des UKL, Prof. Wolfgang Fleig. Das Transplantationsprogramm am UKL gehe unterdessen weiter. "Es wird keine Abstriche an Qualität und Quantität geben", so Fleig.

Anfang nächster Woche werden Sonderprüfer der Bundesärztekammer am Klinikum erwartet, die die unlauteren Machenschaften rund um Lebertransplantationen weiter erhellen sollen. Auch die personell verstärkte Innenrevision der Klinik werde die Manipulationen der Krankendaten mit aufrollen. "Wer als Transplantationsmediziner immer noch nicht begreift, dass er sein eigenes Fach durch Schummeln und Manipulieren kaputt macht, der hat in diesem Fach nichts mehr zu suchen", sagte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery der 'Passauer Neuen Presse'. Montgomery erwartet, dass noch weitere Unregelmäßigkeiten entdeckt werden. "Die Prüfkommission untersucht etwa 140 Transplantations-Programme, was etwa drei Jahre dauern wird. Deshalb rechnen wir damit, dass noch mehr ans Licht kommt", sagte er der 'Bild'-Zeitung.

CDU: Korrupte Ärzte öffentlich an den Pranger stellen

Patientenschützer Brysch beklagt, dass das Transplantationssystem in Deutschland nicht in staatlichen Händen, sondern in denen privater Akteure liege. Damit meint er die Bundesärztekammer, unter deren Federführung jetzt alle 47 Transplantationszentren in Deutschland überprüft werden. Je mehr kontrolliert werde, desto mehr Mauscheleien kämen ans Licht, sagt Brysch. Er fordert deshalb, noch in diesem Jahr die Hälfte der Transplantationszentren zu schließen. Dieser Schritt solle den schädlichen Wettbewerb zwischen den Kliniken vermeiden. "Organspende braucht Offenheit und Vertrauen statt Profit und Eitelkeit", sagte der Patientenschützer der 'Bild'.

Am Transplantationszentrum des UKL sind nach dem bisherigen Ergebnis einer Prüfung 38 Patienten fälschlicherweise zu Dialyse-Fällen erklärt worden. Dadurch stieg ihre Dringlichkeit für eine Lebertransplantation. Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat sich in die Affäre eingeschaltet und will Hinweise auf einen Straftatverdacht prüfen. Fleig sagte, man werde sich mit den Sonderprüfern abstimmen, um abzuwägen, ob das Klinikum selbst Anzeige erstattet. Das Motiv der Ärzte für die Falschangaben in den Krankenakten liegt noch im Dunkeln. Klinikvorstand Feig zufolge könne nicht ausgeschlossen werden, dass Geld geflossen ist.

Montgomery regt indes eine Verschärfung des Berufsrechts an. "Die Ärzteschaft benötigt zum Beispiel Ermittlungskompetenzen, um selbst gegen schwarze Schafe vorgehen zu können und relevante Dokumente und Beweise sicherstellen zu können." Eine weitere Möglichkeit könne sein, in Korruptionsfällen schneller die Kassenzulassung abzuerkennen. "Das hätte im Zweifel mehr Wirkung als Änderungen im Strafrecht", sagte er der 'Passauer Neuen Presse'.

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn geht noch weiter und will korrupte Ärzte öffentlich an den Pranger stellen. Er plädierte in einem Interview dafür, bestechliche Mediziner öffentlich zu ächten. Spahn sagte, die Ärzteorganisationen hätten in den "nächsten Wochen" Zeit selbst aktiv gegen die Missstände vorzugehen. Wenn sich nichts tue, könne die Bundesregierung aktiv werden. Es sei möglich, noch vor der Bundestagswahl eine Verschärfung der entsprechenden Gesetze durchzusetzen.