Sie soll selbst daran Schuld sein

Gefängnis nach Fehlgeburt: Kommt Sara Rogel (30) nach zehn Jahren endlich frei?

Hier wird Sara Rogel zum Gerichtsgebäude in der Stadt Cojutepeque.
Hier wird Sara Rogel zum Gerichtsgebäude in der Stadt Cojutepeque.
© CNN

03. Juni 2021 - 10:25 Uhr

Sara Rogel ist seit über zehn Jahren im Gefängnis

Im Oktober 2012 war Sara Rogel, damals hochschwanger, beim Wäschewaschen gestürzt. Die 20-Jährige aus El Salvador wurde ohnmächtig, ihr ungeborenes Kind starb. Zeit zum Trauern blieb nicht. Ein Gericht verurteilte die junge Frau wegen Mordes zu 30 Jahren Gefängnis, weil sie die Fehlgeburt angeblich selbst herbeigeführt habe. Mehr als zehn Jahre später gibt es Hoffnung, denn das zuständige Gericht hat bestimmt, dass Rogel freikommen soll.

El Salvador: Bei Fehlgeburt drohen bis zu 40 Jahre Haft

Seit 1998 ist Abtreibung in El Salvador verboten – selbst dann, wenn die Schwangerschaft eine Gefahr für das Leben, die körperliche oder geistige Gesundheit der Frau oder des minderjährigen Mädchens darstellt. Auch, wenn sie die Folge von Vergewaltigung, sexualisierter Gewalt oder Inzest war oder der Fötus außerhalb des Mutterleibes nicht überlebensfähig wäre. Eine Kriminalisierung, die in dem zentralamerikanischen Land fatale Konsequenzen hat. "Seitdem steht jede Frau, die eine Früh- oder Totgeburt erleidet, unter dem Verdacht, ihr Kind absichtlich geschädigt oder umgebracht zu haben", berichtet "Amnesty International".

Eine Abtreibung wird mit Haftstrafen zwischen zwei und acht Jahren bestraft. Frauen, die ihr Kind nach der 22. Schwangerschaftswoche durch eine Fehlgeburt verlieren, erwarten noch heftigere Strafen: Sie werden häufig wegen Mordes angeklagt und müssen im Falle einer Verurteilung bis zu 40 Jahre ins Gefängnis. Einen fairen Prozess dürfen sie dabei nicht erwarten. "Agrupación Ciudadana por la Despenalización del Aborto en El Salvador" ("Bürgergruppe zur Entkriminalisierung von Abtreibungen in El Salvador") hat seit 2000 insgesamt 181 solcher Fälle dokumentiert, viele sitzen derzeit noch im Gefängnis. Eine von ihnen ist Sara Rogel.

Vater von Sara Rogel: "Wir haben zehn Jahre gewartet, zehn Jahre ohne sie"

Angel Rogel, father of Sara Rogel, who was sentenced to 30 years in prison for a suspected abortion, reacts as his daughter attends a hearing in Cojutepeque, El Salvador May 31, 2021. REUTERS/Jose Cabezas
Sara Rogels Vater Ángel vor dem Strafgericht in Cojutepeque. Als er erfährt, dass seine Tochter nach über zehn Jahren womöglich freikommt, bricht er in Tränen aus.
© REUTERS, JOSE CABEZAS, JAC

Mehr als zehn Jahren sitzt sie nun schon in einem Gefängnis für Minderjährige in der Stadt Zacatecoluca ein, am 31. Mai hat das zuständige Strafgericht in Cojutepeque entschieden, dass sie freikommen soll. Die 30-Jährige habe einen Teil der Strafe verbüßt, zudem stelle sie "keine Gefahr für die Gesellschaft dar". Doch die Freude währte nur kurz, denn die Staatsanwaltschaft will gegen das Urteil Berufung einlegen. "Wir haben zehn Jahre gewartet, zehn Jahre ohne sie", sagte ihr Vater Ángel Rogel der Zeitung "El Pais". Er hatte zusammen mit einer Gruppe von Aktivisten vor dem Gerichtsgebäude Gerechtigkeit und die Freilassung seiner Tochter gefordert.

Bis über eine mögliche Berufung entschieden ist, könnte ein weiterer Monat vergehen, so Rechtsanwältin Abigail Cortez. Bis dahin muss Sara Rogel hinter Gittern ausharren, kommt nicht auf freien Fuß.

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Der Fall Evelyn Hernández: Vergewaltigung, Totgeburt, Gefängnis

2018 hatte ein ähnlicher Fall internationale Empörung ausgelöst. Die 19-jährige Evelyn Hernández aus der Stadt San Salvador war für eine Totgeburt vom Gericht der Stadt Cojutepeque zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Die Schülerin war 2016 infolge einer Vergewaltigung schwanger geworden – und hatte im achten Monat unter starken Schmerzen eine stille Geburt erlitten. Die Staatsanwaltschaft unterstellte ihr damals, sie habe nicht genug für ihr ungeborenes Kind gesorgt.

Nach 33 Monaten in Haft war der Fall im Februar 2019 neu aufgerollt worden. Die Staatsanwaltschaft forderte 40 Jahre Haft wegen Kindsmordes. "Amnesty International" machte Hernández' Schicksal weltweit publik, auch ausländische Botschaften verfolgten den Prozess. Im August 2019 wurde sie dann tatsächlich vom Vorwurf des Mordes an dem neugeborenen Kind freigesprochen. Im Video spricht die 21-Jährige über ihre Zeit im Gefängnis und ihre Erwartungen an die Justiz in El Salvador.

Der Fall Imelda Cortez: Vom Steifvater vergewaltigt

Imelda Cortez hat Tränen in den Augen, als ihre Mutter sie nach dem Freispruch vor dem Gerichtsgebäude in den Arm nimmt.
Imelda Cortez hat Tränen in den Augen, als ihre Mutter sie nach dem Freispruch vor dem Gerichtsgebäude in den Arm nimmt.
© Reuters, JOSE CABEZAS, JAC

Auch Imelda Cortez aus Usulután in El Salvador saß 18 Monate lang in U-Haft, weil die Staatsanwaltschaft überzeugt war, dass sie versucht hatte, ihre neugeborene Tochter umzubringen. Obwohl "es keinerlei Beweise dafür gibt, dass Imelda ihr Kind habe töten wollen, entschied der Richter – unter Missachtung der Unschuldsvermutung – auf Eröffnung des Verfahrens", erklärte "Amnesty International". Während dieser Zeit durfte sie weder ihr Baby im Arm halten, noch bekam sie psychologische Hilfe.

Die hätte sie dringend gebraucht, denn die schwer traumatisierte junge Frau war seit ihrem zwölften Lebensjahr von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden. Über Jahre hinweg hatte er sich immer wieder an dem Mädchen vergangen. Mit 18 wurde Imelda schwanger von ihm. Sie brachte das Baby auf der Toilette zur Welt und kam blutend und mit Schmerzen ins Krankenhaus. Dort bedrohte ihr 70 Jahre alter Stiefvater sie. Er würde ihre Mutter und ihre Geschwister zu töten, wenn sie irgendjemandem von dem Missbrauch erzählte. Zum Glück hörte eine andere Patientin alles, sodass die Sache ans Licht kam.

Trotzdem lief der Vergewaltiger noch monatelang frei herum, weil die Staatsanwaltschaft dachte, Imelda hätte die Vergewaltigungsgeschichte nur erfunden. Erst als ein DNA-Test zweifelsfrei belegte, wer der Vater des Babys ist, wurde der 70-Jährige verhaftet. Imelda aber verließ das Gerichtsgebäude im Dezember 2018 als freie Frau.