Ist das wirklich sinnvoll?

TikTok-Therapeutin rät: Kinder nur nach deren Erlaubnis umarmen

Pädagogin Jessica McNair im Video
Pädagogin Jessica McNair sorgt mit ihren Erziehungstipps für Aufsehen.
TikTok/strongtherapy

von Katrin Koster

Kindererziehung, dieses Thema sorgt immer wieder für rege Diskussionen. Denn jeder weiß, wie es richtig geht und hält seine Methode für die einzig wahre. Während die einen Eltern strenge Regeln und einen geordneten Alltag für sinnvoll erachten, setzen andere auf antiautoritäre Erziehung. Tiktok-Therapeutin Jessica MacNair aus Virginia in den USA ist Mutter von zwei Kindern, zehn und dreizehn Jahre alt. In einem populären Video erklärt sie ihre Erziehungsregeln und verrät fünf Themen, über die sie mit ihren Kindern nicht spricht. Auch was sie niemals ohne deren Erlaubnis tun würde, zeigt sie.

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Follower empört: "Du fragst, ob du deine Kinder umarmen darfst? Wow"

„Ich lehre, wie wichtig körperliche Autonomie und das Eintreten für sich selbst sind, wenn sie (Jessicas Kinder, Anmerkung der Redaktion) sich unwohl fühlen“, beginnt Jessica MacNair, die nach eigenen Angaben seit zwanzig Jahren als Psychologin arbeitet, ihr Video. Sie erklärt fünf Punkte, auf die sie penibel achtet. Das Video auf ihrem Tiktok-Kanal „strongtherapy“ wurde bereits über 1,4 Millionen mal angeschaut.

Jessica würde ihre Kinder niemals umarmen, ohne sie vorher um deren Zustimmung zu bitten. Eine Aussage, die einige ihrer Follower irritiert: "Du fragst, ob du deine Kinder umarmen darfst? Wow", lautet einer der Kommentare. Jessica MacNair rechtfertigt ihr Verhalten und erklärt im Gespräch mit „Today“: „Es ist der früheste Weg, ihnen Einwilligung beizubringen. Kinder müssen nicht alle Verwandten küssen und umarmen. Wenn es Zuneigung oder ein echtes Gefühl ist, das sie teilen möchten, sollen sie das selbst entscheiden."

Das sieht auch Diplom-Pädagogin und Familientherapeutin Elisabeth Elsner aus Berlin so. Es spreche alles dafür, Kinder erst um die Erlaubnis zu fragen, bevor man sie in den Arm nimmt: „Sie möchten ja auch nicht einfach so umarmt werden, wenn sie eigentlich keinen Körperkontakt wollen“, sagt Elsner im Interview mit RTL.

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Thema Körper: "Kommentiere alles, was in drei Sekunden geändert werden kann, ansonsten schweige“

Auch bei einem anderen Thema hält sich McNair gegenüber ihren Kindern zurück. „Ich kommentiere ihre Körper nicht“, sagt sie. „Wir diskutieren die Bedeutung von körperlicher Bewegung und Ernährung, aber wir sprechen einfach nicht über Körper.“ Deswegen macht die Pädagogin auch keine Bemerkungen über ihren eigenen Körper.

Dazu sagt Elsner: „Es geht hierbei wahrscheinlich um das Gewicht und das sollte jeder Mensch sich verkneifen zu kommentieren. Es verursacht ein blödes Gefühl und Unwohlsein.“ Zudem rät sie einen Tipp besonders zu verinnerlichen. „Es gibt grundsätzlich eine Regel, die Körper zu kommentieren: Kommentiere alles, was in drei Sekunden geändert werden kann, ansonsten schweige.“

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Tabuthema Finanzen - oder doch besser: Früh übt sich?

Da wäre aber noch ein weiteres Tabuthema, das in Gegenwart der Kinder nicht angesprochen wird: das Thema Geld. „Ich rede nicht darüber, wie viel Geld ich verdiene oder wohin mein Geld fließt, das ist nicht ihre Sache“, so Jessica.

Auch mit dieser Aussage stößt sie auf Unverständnis und erklärt auf Nachfrage: "Viele Leute scheinen ein Problem damit zu haben. Was ich meinte, war, dass ich nicht über unsere Hypothek oder ähnliches spreche, weil das verheerende Folgen haben kann. Wenn Sie zum Beispiel davon sprechen, kein Geld für Essen zu haben, könnte ein Kind in Panik geraten und nichts mehr essen. Sie neigen dazu, Dinge zu verinnerlichen.“

Elisabeth Elsner empfiehlt Eltern hingegen, ihre Kinder bereits frühzeitig mit dem Thema Geld vertraut zu machen. „Von Anfang an muss der Umgang mit Geld geübt werden, auch bei Kindern. Taschengeld, Kinder-EC-Karte und so weiter. Auch beim Einkaufen schon erklären, was wie vielleicht günstiger zu haben ist oder auf was man achten sollte“, so die Diplom-Pädagogin.

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Keine Vergleiche

Die zweifache Mutter lehnt es außerdem ab, Vergleiche zu ziehen. „Ich vergleiche meine Kinder nicht miteinander oder bitte sie, sich so zu ändern, dass sie lieber wie die Geschwister werden“, sagt McNair.

Dieser Meinung ist auch Elsner im RTL-Interview: „Jeder Mensch ist individuell, wieso sollten sich Kinder vergleichen? Ich halte davon nichts, statt zu vergleichen und damit dem Kind zu sagen, dass andere besser sind, sollte eine Mutter oder ein Vater eher dem Kind sagen, was es gut kann und ihm zur Selbstreflexion helfen.“

Keine Strafe oder Belohnung mit Essen

Ein weiterer Punkt in Jessicas Erziehung ist es, ihre Kinder nicht mit Essen zu „belohnen oder zu bestrafen“. Das erscheint durchaus sinnvoll, da Nahrung eine Lebensnotwendigkeit ist, die der Körper braucht. Ihm Essen zu entziehen, weil das Kind etwas falsch gemacht hat oder eben mit bestimmten Lebensmitteln zu belohnen, weil etwas ausgesprochen gut gemacht wurde, setzt falsche Signale.

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Insgesamt bewertet Elisabeth Elsner die Erziehungstipps der Tiktokerin Jessica McNair als vollkommen okay. „Es gibt ja Eltern, die eine freie Erziehung wollen, aber da schon beim Windelwechseln anfangen, das ist etwas übertrieben, bis hin sogar zur fahrlässigen Körperverletzung.“ Lediglich beim Thema Geld hat die Diplom-Pädagogin eine klar andere Meinung als die mit Mutti-Tipps erfolgreiche US-Tiktok-Therapeutin.