Wurde ihm eine Schachplattform zum Verhängnis?

Drohschreiben von "NSU 2.0": So kam die Polizei Alexander M. auf die Schliche

05. Mai 2021 - 18:16 Uhr

Drei Jahre Jagd nach einem Phantom

Drei Jahre nach den ersten verschickten Morddrohungen, die mit "NSU 2.0" unterzeichnet waren, hat die Polizei in Berlin einen 53 Jahre alten Mann festgenommen. Nach RTL-Informationen heißt er Alexander M. Er steht unter dringendem Verdacht, der oder einer der Verfasser zu sein. Inzwischen sind erste Details bekannt geworden, wie ihm die Ermittler auf die Spur gekommen sind.

Beleidigungen im Netz mit ähnlicher Handschrift - und identischer Comicfigur

Alexander M. sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Der Absender der Drohschriften hatte seine Spuren stets geschickt verschleiert. Zum Beispiel, indem er ausländische Server nutzte. Am Ende könnte ihm ausgerechnet sein Benutzerprofil auf einer Schachplattform zum Verhängnis geworden sein, wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main und das Hessische Landeskriminalamt mitteilten.

An den Ermittlungen waren neben IT-Experten auch Sprachwissenschaftler des Bundeskriminalamts beteiligt. Als sie relevante Blogs und rechtspopulistische Foren im Internet überwachten und auswerteten, wurden sie auf der Plattform "PI-News" auf einen User aufmerksam, dessen Beiträge in Form und Sprache Ähnlichkeiten mit den "NSU 2.0"-Drohschreiben hatten. Auf einer Schachplattform stießen sie dann auf ein Profil, das namensgleich auch in "PI-News" aktiv war. In beiden Fällen verwendete der Nutzer dieselbe Comicfigur als Profilbild.

Alexander M. für Polizei kein Unbekannter

Aufgrund der Nutzung der gleichen IP-Adresse sowie wortgleicher Beleidigungen im Chat der Schachplattform konnten den Angaben zufolge weitere Profile ermittelt werden. Auch einen Berlin-Bezug leiteten die Ermittler aus den Kommentaren ab. Anfragen bei dem Betreiber der Schachplattform und bei Kommunikationsanbietern hätten schließlich zur Identifizierung des nun festgenommenen Mannes und seiner Anschrift geführt. Die über die Schachplattform in Erfahrung gebrachten IP-Adressen der relevanten Profile konnten den Angaben zufolge einem Anschluss zugeordnet werden. Eine Anschlussinhaberfeststellung habe zu Alexander M. geführt.

Der ist für die Polizei kein Unbekannter: Er sei bereits in der Vergangenheit wegen zahlreicher - unter anderem auch rechtsmotivierter - Straftaten rechtskräftig verurteilt worden, teilten die Ermittler mit. Im Jahr 1982 habe er sich als Kriminalbeamter ausgegeben uns sei unter anderem wegen Amtsanmaßung verurteilt worden. Bereits am 23. April 2021 habe die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl unter anderem wegen Volksverhetzung, Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Bedrohung sowie Beleidigung beantragt.

"NSU 2.0": Zugriff bei Arbeitslosem in Berlin

Schreckgespenst "NSU 2.0"

Den Behörden erscheint es naheliegend, dass der festgenommene Mann unter der Behauptung, Bediensteter einer Behörde zu sein, telefonisch bei Polizeidienststellen personenbezogene Daten in Erfahrung gebracht hatte. Dies lasse die in der Folge festgestellten Datenabfragen auf Polizeirevieren in Frankfurt, Wiesbaden und Berlin plausibel erscheinen.

Mitte März hatte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) von insgesamt 133 verschickten Drohschreiben berichtet. Dabei würden die Ermittler 115 dieser Schreiben dem Tatkomplex "NSU 2.0" zurechnen. 18 Schreiben seien mutmaßlich von Trittbrettfahrern verfasst und versendet worden. Die 115 Schreiben hätten sich an 32 Menschen und 60 Institutionen in insgesamt neun Bundesländern und in Österreich gerichtet.

Überwiegend geschah der Versand per E-Mail, aber auch per Fax, per SMS sowie über Internetkontaktformulare. Empfänger der Drohschreiben waren überwiegend Menschen des öffentlichen Lebens, vor allem aus der Medienwelt und der Politik, darunter Abgeordnete des Bundestags und des Hessischen Landtags.

dpa / SBL

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