Auch Fachleute warnen

Diskussion um Sexkaufverbot: Sexarbeiterin sieht sich durch mögliches Verbot in Gefahr

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22. November 2019 - 16:12 Uhr

Verbot würde Probleme nicht entschärfen

Prostitution darf keine Straftat werden. Das haben zahlreiche Fachvereinigungen, unter anderem die "Deutsche Aidshilfe" und der "Deutsche Frauenrat", in einem gemeinsamen Positionspapier gefordert. Denn sollte Sexarbeit kriminalisiert werden, wäre das nur eine "rein symbolische Maßnahme" – mit weitreichenden negativen Konsequenzen, warnen die Experten. Auch eine Betroffene selbst spricht sich klar gegen ein Verbot aus: "Insgesamt steigt meine persönliche Gefahr."

Menschenhandel schon lange illegal

Es ist eine klare Botschaft, die die sechs beteiligten Vereine senden: Prostitution müsse legal bleiben. In dem knapp sechs Seiten langen Bericht beschreiben die Autorinnen die möglichen Folgen für Prostituierte, sollte ein Verbot beschlossen werden.

Der Bericht spricht das Problem von sexueller Ausbeutung und Zwangsprostitution von Frauen an – das müsse aber von freiwilliger Prostitution getrennt werden. Sexarbeit bedeute nicht automatisch Ausbeutung, die Grenzen seien oftmals fließend. Ebenso verweisen die Autorinnen darauf, dass Menschenhandel nach dem Strafgesetzbuch verboten seien.

Sexarbeiterin: Verbot hätte viele Nachteile

ARCHIV - Eine Prostituierte wartet am 20.12.2006 in einem Bordell in der Innenstadt von Frankfurt am Main auf Kunden (Illustration). Die Gewerkschaft ver.di hat sich klar gegen Überlegungen zur Ausgrenzung von Prostituierten in Hamburg gewandt. Die S
Befürworter des "Sexkaufverbots" finden sich in vielen Parteien
© dpa, A3471 Boris Roessler

Unter dem Pseudonym "JasminLiebtDich" schreibt eine Sexarbeiterin auf Twitter offen über ihren Job. Sie halte "nichts" von dem Vorschlag, erklärt sie auf RTL-Anfrage: Einerseits würde sie so ihre Kunden verlieren – andererseits würden aber auch die verbleibenden Freier selbst ein höheres Risiko eingehen.

Eine mögliche Folge: Freier könnten "mehr fürs Geld" verlangen. "Ich müsste also auch Praktiken machen, die ich heute ablehne", sagt Jasmin. "Insgesamt steigt meine persönliche Gefahr." Eventuelle würde sie dann sogar ins Ausland gehen müssen, denn "ich mag meinen Beruf". Aufgeben möchte sie die Sexarbeit nicht ohne Weiteres.

Ein solches Sexkaufverbot würde sie aber auch persönlich enorm einschränken: "Wenn ich zum Kunden fahre, darf ich auf keinen Fall aufreizend gekleidet sein", schreibt sie. "Denn wenn der Taxifahrer merkt, wozu er mich fährt, wird er entweder ablehnen oder riskieren, sich strafbar zu machen. Er fördert ja die Prostitution."

Nordirland als schlechtes Vorbild

Zudem verspricht ein Verbot nicht automatisch Verbesserungen, sagen Experten. Man müsse nur nach Nordirland blicken. Dort gibt es eine solche Regelung bereits seit 2015 – eingeführt mit eigentlich guten Absichten.

Laut einer Studie aus dem Dezember 2018 aber bestehe eine Verbindung zwischen dem Verbot und steigender Gewalt gegen Sexarbeiterinnen. Neben der steigenden Wahrscheinlichkeit, Opfer von Gewalt zu werden, sei das Risiko, an HIV oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu erkranken, doppelt so hoch.

RTL-Umfrage bestärkt die Forderung

Eine Forsa-Umfrage, die Ende September von RTL in Auftrag gegeben wurde, bestätigt die Forderung der Experten. Die Deutschen wurden gefragt, ob sie es befürworten würden, wenn Freier kriminalisiert würden – so wie es zum Beispiel in Schweden der Fall ist. Das Ergebnis der Umfrage: Fast die Hälfte aller Befragten (49%) lehnt eine Kriminalisierung der Freier ab. Knapp ein Drittel (31%) sähe eine solche Regelung positiv, das übrige Fünftel hat keine Meinung dazu.

Wie soll sich die Situation bessern?

Um die allgemeine Situation von Prostituierten in Deutschland zu verbessern, fordern die Autorinnen des Experten-Berichts, dass die Fachberatung ausgebaut und der Schutz von Menschenhandel-Opfern verbessert werden müsse. "JasminLiebtDich" sieht das genauso: Sie wünscht sich mehr neutrale Anlaufstellen. Ebenso, schreibt sie, sollten bestehende Möglichkeiten wie vermehrte Präsenz und Kontrollen der Polizei oder mehr Frauenhäuser wahrgenommen werden.