12. Juni 2019 - 9:48 Uhr

von Valerie Dörner

Für Bassam Ezzedine (22) und seine Familie sind es wohl die schwersten Tage ihres Lebens. Bassams kleiner Bruder Daniel wurde auf einer Klassenfahrt nach Canterbury in England brutal zusammengeschlagen. Mit einem Helikopter wurde er in eine Londoner Klinik geflogen, er liegt im Koma. Wie es Daniel derzeit geht und wie seine Familie mit dem Schicksalsschlag umgeht - in unserem Video.

Wurde Daniel Ezzedine verprügelt, weil er ausländisch aussah?

Seit dem 6. Juni 2019 findet Bassam Ezzedine keine Ruhe mehr. Er ist nervlich am Ende, sieht müde und abgekämpft aus. "Für mich ist die Welt untergegangen, ich konnte es nicht glauben", erzählt er im Interview mit RTL.

Täglich kommt seine ganze Familie in der Wohnung in Mönchengladbach zusammen, um sich beizustehen und Halt zu geben. Sie alle vermissen ihren Daniel, der am jenem Donnerstag brutal aus dem Leben gerissen wurde. Vermutlich, weil er arabisch aussah. Die Polizei prüft Hinweise auf ein rassistisches Motiv.

„Herzensmensch“ Daniel - er lacht auf jedem Foto

Daniel Ezzedine, Canterbury
Daniel (Mitte) feierte erst vor kurzem seinen 17. Geburtstag.
© privat

Im Wohnzimmer der Ezzedines sind viele Fotos von Daniel zu sehen, Bilderrahmen stehen auf einer Kommode. Mal Daniel mit seinen Geschwistern, mal als kleiner Junge mit Spongebob-Pullover. Er ist der Jüngste von fünf Brüdern, lacht auf jedem Bild in die Kamera.

Sein Bruder Bassam beschreibt ihn als "Herzensmensch". An der Wand hängen noch Luftschlangen und eine Happy-Birthday-Girlande. Daniel ist erst vor ein paar Wochen 17 Jahre alt geworden, es gab eine schöne Party. Die ganze Familie war da, so wie jetzt auch. Jetzt feiert sie allerdings nicht mehr Daniels Geburtstag, sondern bangt um sein Leben.

Daniels Mutter konnte nur mit Notfallvisum zu ihrem Sohn nach England

Daniel Ezzedine mit Mutter und Brüdern
Daniel mit seiner Mutter und seinen Brüdern an seinem Geburtstag. Nur wenige Wochen später wurde er in Canterbury verprügelt.
© privat

Daniels Mutter konnte erst drei Tage nach der Tat nach England zu ihrem Sohn fliegen. Vorher bekam sie als Nicht-EU-Bürgerin kein Visum. Erst durch ein Notfallvisum, für das sich der Innenminister höchstpersönlich einsetzte, durfte sie nach England einreisen, berichtet Bassam im Interview: "Außer ein paar Anrufen wussten wir nichts. […] Meine Mutter ist emotional und psychisch am Ende. Wenn eine Mutter nicht bei ihrem Kind ist, während es fast am Sterben ist, ist es das Schlimmste, was passieren kann."

Familie floh vor 30 Jahren aus dem Libanon

Daniels Eltern sind vor 30 Jahren aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. "Um ein besseres Leben zu haben", erzählt Hussein Herz, Daniels Cousin. Ein sicheres Leben, ohne Angst vor Gewalt.

Jetzt ist die Gewalt wieder da. Ausgerechnet auf einer Klassenfahrt wurde Daniel zusammengeschlagen. Er ging in die zehnte Klasse, es war seine Abschlussfahrt. Für die Ezzedines ist es unbegreiflich, wie dort sowas passieren konnte. Ihrer Meinung nach hätten auch die mitgereisten Lehrer besser aufpassen müssen. Vor allem, weil es laut Bassam Ezzedine schon ein paar Tage vorher mit den mutmaßlichen Tätern eine Auseinandersetzung gegeben hatte.

Polizei prüft Überwachungsvideo des Vorfalls

Daniel Ezzedine, Canterbury
Daniels Familie hofft, dass er bald wieder ganz der Alte ist. Noch liegt er im künstlichen Koma.
© privat

Die Polizei nahm nach der Tat sieben Verdächtige fest, ließ sie allerdings gegen Kaution wieder frei. Sechs von ihnen sind minderjährig. Die Engländer sollen auf den schon am Boden liegenden Schüler eingetreten und ihn mit einer Tasche geschlagen haben, in der ein Backstein war.

Laut Daniels Familie liegt der Polizei ein Überwachungsvideo vor, das die Tat zeigt. Die genauen Umstände müssen jetzt die Ermittler in England klären. So lange bleibt Daniels Familie nur eins: Hoffen und beten, dass er bald aufwacht und wieder ganz der Alte ist, so sein Cousin. "Und wenn er zurückkommt, feiern wir einen neuen Geburtstag."