Formel 1 öfter in Nahost, seltener in Europa?

Überdreht das Rad nicht, lieber Stefano!

Stefano Domenicali ist seit Jahresbeginn Chef der Formel 1
Stefano Domenicali ist seit Jahresbeginn Chef der Formel 1
© AP, Mark Schiefelbein, MAS

19. August 2021 - 19:06 Uhr

Die Formel 1 muss ihre Tradition bewahren

Ein Kommentar von Martin Armbruster

Als Stefano Domenicali das Formel-1-Zepter vom Amerikaner Chase Carey übernahm, hörte man viel Lob allenthalben. Tenor: Endlich wieder einer, der die Königsklasse im Blut hat. Einer, der die Tradition der Serie bei aller Zukunftsvisionen nicht vergisst. Ein Italiener, groß geworden bei Ferrari, kurzum: ein Kind der Formel 1. Domenicalis jüngste Aussagen rütteln allerdings an dem Vorschusslorbeer-Gewächs. Sie legen nahe, dass es auch ihm letztlich nur um mehr geht – mehr Geld.

Auch Formel-1-Monumente wackeln

"Ich kann weniger Rennen in Europa sehen, dafür mehr in den USA, mehr im Nahen Osten und mehr in Asien", sagte Domenicali in einem Interview mit dem Magazin GQ. Soll heißen: Weniger Rennsport-Tradition, dafür stärkerer Kohleabbau, vor allem am Persischen Golf und jenseits des Großen Teichs. Neu ist diese Denke nicht. Schon vor der Machtübernahme durch Liberty Media trieb Zampano Bernie Ecclestone die Internationalisierung und Monetarisierung der Formel 1 eiskalt voran.

Für Rennen auf europäischen Traditionsstrecken war und ist in diesen Plänen weniger bis gar kein Platz. Den Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheim- oder Nürburgring hat es schon erwischt, Spa und Spielberg waren zwischendurch weg vom Fenster, in Imola fährt die F1 momentan einzig wegen der Corona-Lage. Und auch Monumente à la Silverstone oder Monza wackeln, wie Domenicali ungerührt vorträgt.

Das Autodromo Nazionale in Monza etwa sei zwar einzigartig, "aber auch sie müssen in die Zukunft investieren", hebt der F1-Boss den Zeigefinger. "Du musst dich anpassen. Und der positive Druck, den die Newcomer in das System bringen, ist toll." Im Klartext heißt das: Generiere Geld oder du bist raus – pagare o morire, bezahl oder stirb!

"Wer nach Tradition lebt, lebt nicht lange"

Bei Formel-1-Fans dürfte angesichts solcher Sätze die Galle anspringen. Schon jetzt fährt die Serie dreimal im Nahen Osten (Bahrain, Abu Dhabi, Saudi-Arabien), das vierte Wüstenrennen in Katar ist nur noch eine Frage der Zeit. In den USA, wo die F1 trotz aller Bemühungen noch immer weit von der Popularität der Nascar- oder IndyCar-Serie weg ist, gibt es ab 2022 mit Miami einen zweiten Grand Prix (neben Austin). Auch Asien ist – neben dem Klassiker in Japan - mit den Zahlungskräften aus China und Singapur (und eigentlich Vietnam) dicke vertreten.

Die Formel 1 sei sich ihrer Tradition bewusst, beteuert Domenicali: "Aber wer nach Tradition lebt, lebt nicht lange." Dass geschichtsträchtige Pisten irgendwann auf der Strecke bleiben, gehöre zur "Entwicklung eines Business" und sei dem "Entertainment" geschuldet, so der 56-Jährige.

Was Domenicali geflissentlich unterschlägt: Die "Konkurrenz", die Streckenbetreibern wie in Hockenheim, Monza, Spa, Imola oder dem Nürburgring durch den Nahen Osten (und auch Singapur oder Baku) erwächst und die der Capo "positiven Druck" nennt, ist schlicht und einfach ungleicher Wettbewerb. Gegen die Geldmaschinerie von Öl-Potentaten und zahlungswilligen Autokraten sind die "Traditionalisten" in Europa chancenlos, da können sie sich neu erfinden, wie sie wollen.

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Fragiles F1-Gleichgewicht in Gefahr

Gewiss: Auch die Formel 1 muss Märkte bedienen, Geld verdienen und eine Zukunftsvision haben. Nur: Weniger Europa und ein Kalender ohne die F1-Monumente kann doch nicht die Lösung sein. Die Macher müssen aufpassen, das Rad nicht zu überdrehen, das fragile Gleichgewicht zwischen Tradition und Kommerzialisierung, zwischen Monza und Katar, nicht zu erschüttern. Sonst droht der Formel 1 ein "Super-League-Moment".

Als die reichsten Fußball-Clubs Europas vor kurzem beschlossen, künftig nur noch im exklusiven Kreis einer Superliga zu kicken, meuterten die Fans. Aufgebrachte Menschenmengen versammelten sich vor Stadien und Club-Geschäftsstellen, machten deutlich, dass sie diesen Stuss nicht mehr mitmachen. Kurz darauf war der Plan vom Tisch.

Nun, dass Ferrari-Tifosi oder britische Racing-Fans vor Domenicalis Büro oder die FIA-Zentrale in Paris ziehen, ist unwahrscheinlich. Sie werden irgendwann einfach den Fernseher aus- respektive gar nicht mehr einschalten, wenn die Formel 1 ihr "Entertainment" noch häufiger auf seelenlosen Retortenstrecken in der Wüste anbietet.