So stark leidet das Nervensystem unter Covid-19

Studie zu Corona-Spätfolgen: Nicht nur Lunge ist betroffen - auch Schlaganfälle sind möglich

Neue Studien belegen: Das Coronavirus kann erhebliche Schäden im Nervensystem auslösen.
© iStockphoto, Amornrat Phuchom

01. August 2020 - 10:18 Uhr

Fachärzte warnen vor „Neuro-Covid“

Seit einigen Tagen steigen weltweit wieder die Zahlen der Neuinfektionen mit dem Coronavirus, auch in Deutschland. China vermeldet sogar den höchsten Anstieg seit drei Monaten. Ärzte und Wissenschaftler sind zunehmend in Sorge, denn neue Studien zeigen, dass es bei Erkrankten zu Folgeschäden kommen kann. Auch Monate nach einer ausgestandenen Erkrankung können Ärzte in den Lungen der Patienten sogenannte "Milchglasmuster" nachweisen. Aber nicht nur die Lunge, auch das Nervensystem und das Herz kann stark betroffen sein. Dazu zählen Riechstörungen aber auch schwere Schlaganfälle. Fachärzte sprechen schon von "Neuro-Covid".

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Riech- und Geschmacksstörungen am häufigsten

Nach einer neuen italienischen Studie hat die Mehrzahl der Betroffenen auch nach der akuten Erkrankung weiter Beschwerden. Viele Covid-19-Patienten sind über Wochen körperlich kaum belastbar, in einigen Fällen bleiben sogar neurologische Symptome und Ausfälle zurück. Das bestätigen mittlerweile zahlreiche Untersuchungen. Am häufigsten ist die Störung des Geruchs- und Geschmackssinns, das betrifft etwa 80% der Patienten. "Diese Riech- und Geschmacksstörungen kann es auch ohne andere Symptome der Coronavirus-Infektion geben", warnt Professor Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Wer diese Beschwerden habe, solle sich auf jeden Fall auf Sars-CoV-2 testen lassen. In den meisten Fällen bilden sich diese Störungen wieder zurück.

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Schlaganfälle auch bei jungen Menschen möglich

Es kann aber auch zu Hirnschädigungen kommen, Entzündungen von Hirn und Rückenmark oder zu Schlaganfällen. Schlaganfälle seien eher selten, würden aber nicht nur bei Risikopatienten mit kardiovaskulären Erkrankungen auftreten, sondern auch bei jungen Menschen mit gesunden Gefäßen, berichtet der Neurologe Berlit. 30% aller Covid-19-Patienten zeigten eine deutlich gesteigerte Gerinnungsneigung und entwickelten Thrombosen, Lungenembolien oder sogar Herzinfarkte. Als Folge der Infektion mit SARS-CoV-2 kann das periphere Nervensystem geschädigt werden. Fachärzte sprechen daher bereits von "Neuro-Covid".

Müdigkeit, Riechstörungen, Kopfschmerzen und Schwindel

Die Ärzte beunruhigt zudem, dass viele neurologische Symptome über eine längere Zeit bestehen bleiben. Allerdings könnten sich solche Beschwerden bis zu 12 Monate zurückbilden, so Professor Berlit. "Wir werden erst im Frühjahr 2021 wissen, ob es wirklich Dauerschäden aufgrund von Covid-19 gibt", so der Neurologe. In der Studie aus Italien wurde untersucht, ob und welche Beschwerden Corona-Patienten nach der Klinikentlassung hatten. 88% der Betroffenen zeigten auch nach dem Aufenthalt im Krankenhaus weiter Symptome. Die häufigsten neurologischen Folgen waren Müdigkeit (ca. 53%), Beeinträchtigung des Geruchssinns (ca. 16%), Geschmacksstörungen (ca. 11%), aber auch Kopfschmerzen (ca. 10%) und Schwindel (ca. 5%)

Coronavirus: Vergleich zu Spanischer Grippe

Eine Studie der Berliner Charité untersuchte 11 Intensivpatienten mit Covid-19, die unter neurologischen Symptomen litten. Das Ergebnis: offensichtlich richtet sich das Immunsystem bei schwerkranken Patienten gegen körpereigene Nervenzellen und löst die neurologischen Beschwerden aus. Manche Wissenschaftler ziehen bereits einen historischen Vergleich. Auch die Spanische Grippe 1918 löste ungeklärte neurologische Beschwerden aus. Etwa eine Million Menschen litten damals über ein Jahrzehnt an "Enzephalitis lethargica", auch Europäische Schlafkrankheit genannt. "Das zeigt, dass eine neurologische Nachbetreuung von Covid-19-Patienten mit entsprechend weiterführender Diagnostik enorm wichtig ist", so Professor Berlit.

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