Menschen kommen oft nicht

Hotspot-Impfaktionen verfehlen ihr Ziel

18. Juni 2021 - 10:11 Uhr

Impfung ohne Termin direkt vor der Haustür

Die Hotspot-Impfaktionen, die derzeit in vielen sozialen Brennpunkten stattfinden, verfehlen oft ihr Ziel. Die, die man damit eigentlich erreichen will – Einkommenschwache, die in beengten Wohnverhältnissen leben und deswegen ein höheres Risiko haben, an Corona zu erkranken –kommen oft nicht. Dabei haben sie durch die Impfaktionen die Chance, auf eine Impfung ohne Termin in der Nähe ihrer Wohnungen. Eine bequeme Art also, um sich und ihre Familien vor einer schweren Covid-19-Infektion schützen – ohne Rangeln beim Hausarzt um die nächsten Termine und ohne Warten in der Hotline beim Impfzentrum.

Oft kommen so wenige, dass die Kommunen die Impfaktionen für alle öffnen, damit kein Impfstoff weggeworfen werden muss. RTL.de war bei einer Impfaktion im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick dabei. Wer hier eine Impfung bekam und wer nicht, sehen Sie im Video.

In der Schlange: Junge Leute mit guten Jobs

27 Prozent leben von Transferleistungen. Fast jedes zweite Kind gilt als arm.
Kosmosviertel in Berlin Treptow-Köpenick
© RTL, Lammers, Nina [RTL NEWS]

Im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick stehen bei der Hotspot-Impfaktion insgesamt 2.400 Impfdosen bereit. Gedacht sind sie für die Bewohner zweier sogenannter sozialer Brennpunkte. Zum Beispiel für die 5.665 Bewohner des Kosmosviertel. 27 Prozent beziehen dort Transferleistungen, fast jedes zweite Kind gilt hier als arm. Am Morgen des zweiten Impftages bildet sich eine lange Schlange vor der zum Impfzentrum umgebauten Turnhalle – schon Stunden bevor es eigentlich losgeht. Großer Andrang: Allerdings sind nicht nur Menschen aus dem Kosmosviertel gekommen. In der Reihe ein Lehrer-Ehepaar, ein Start-Up-Mitarbeiter aus England mit seiner Partnerin, Bürokaufleute und viele andere aus dem Bezirk Treptow-Köpenick.

"Brauchen bald mehr Impfwerbung"

Der Bezirk hatte die Impf-Aktion für alle aus Treptow-Köpenick geöffnet, weil am ersten Tag schon nach ein paar Stunden klar wurde: Es gab zu wenige Impflinge aus den sozialen Brennpunkten. Warum nur so wenige von ihnen gekommen sind, wisse man nicht genau, sagt Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD). Vielleicht seien schon viele aus den betreffenden Vierteln geimpft gewesen. Man habe mit Sozialarbeitern und Aushängen an den Hausaufgängen informiert – allerdings nur eine sehr kurze Vorlaufzeit von 1,5 Wochen für die Organisation der kompletten Impfaktion gehabt. "Fakt ist aber auch, dass es ab einem Zeitpunkt X in Deutschland möglicherweise noch mehr Impfwerbung geben muss. Noch eine stärkere Impfkampagne, um eben möglichst viele Menschen zu erreichen. Da sind uns auf der kommunalen Ebene möglicherweise die Grenzen gesetzt", sagt Igel mit Blick auf Bund und Länder.

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Hotspot-Impfaktionen verfehlen ihr Ziel
Die alleinerziehenden Mütter Cornelia (l.) und Jaqueline lassen sich bei der Hotspot-Impfaktion impfen. "Jetzt bin ich geschützt."
© RTL, Lammers, Nina [RTL NEWS]

​Das gleiche Bild auch bei der Impfaktion in Berlin-Neukölln vor ein paar Wochen. Die Großfamilie mit zehn Kindern auf 78 Quadratmetern, die von Hartz 4 lebe, habe man nicht erreichen können. Statt dessen seien viele junge Leute aus dem Viertel gekommen, sagt der örtliche Bezirksstadtrat Falko Liecke (CDU). Auch er beklagt die kurze Zeit für die Vorbereitung. Man müsse besser aufklären. "Es gibt ganz wilde Gerüchte. Die Mädchen werden unfruchtbar durch die Impfungen oder es gibt andere gesundheitliche Schäden, je nach dem, welcher Impfstoff angeboten wird", so Liecke. Er fordert eine Erlaubnis für die Gesundheitsämter, sich an der Impfkampagne zu beteiligen, die der Senat aber derzeit nicht erteile. Dabei hätten die Gesundheitsämter einen besonderes Zugang zu den Menschen, die man eigentlich erreichen wolle: "Wir untersuchen die Kinder, wir machen die Früherkennungsuntersuchungen, wir machen die Standardimpfungen für diese Menschen, Wir können das also und das wäre ein guter Zugang. Wenn diese Leute sowieso bei uns sind, dann können wir sie auch gleich beraten, informieren und auf Corona impfen."

Das ganze Gespräch mit Falko Liecke im Video.

Sind die Hotspot-Impfaktionen gescheitert?

Gescheitert seien die Impfaktionen in den Hotspotgebieten allerdings nicht – da sind sich Falko Liecke und auch Bezirksbürgermeister Igel einig: Man habe viele Menschen während dieser Aktionen impfen können: 2.300 allein in Neukölln und 1.934 in Treptow Köpenick. Und in einigen Fällen sind die Impfungen auch dort angekommen, wo sie dringend gebraucht wurden: Zum Beispiel bei den alleinerziehenden Müttern Jaqueline und Cornelia. Beide haben drei Kinder zu Hause, mussten schon mit allen in Quarantäne und sind heilfroh, bei der Impfaktion in Treptow-Köpenick schnell und ohne Termin geimpft zu werden. "Ich bin jetzt geschützt", freut sich Jaqueline als alles vorbei ist, "ich kann jetzt zu meiner Oma fahren". Egal ob arm, oder reich, große Wohnung oder kleine Wohnung – dass der Bezirk die Impfungen für alle freigegeben hat, findet Cornelia richtig: "Jeder, der sich impfen lassen will, ist ja besser, als ungeimpft sein und das Virus weiter zu verbreiten."

Das Problem, die Menschen von der Impfung zu überzeugen, die wegen prekärer Wohn-, Einkommens- und Arbeitsverhältnisse ein höheres Risiko haben, an Corona zu erkranken, aber bleibt.

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