Ein Förderschulrektor berichtet

Was bedeutet Corona für sozial benachteiligte Kinder?

Laut der aktuellen OECD-Studie war der Unterricht seit Beginn der Corona-Pandemie bis zum Auslaufen der Schulschließungen im Frühjahr im Schnitt an mehr als 180 Tagen gestört.
Laut der aktuellen OECD-Studie war der Unterricht seit Beginn der Corona-Pandemie bis zum Auslaufen der Schulschließungen im Frühjahr im Schnitt an mehr als 180 Tagen gestört.
© dpa, Annette Riedl, adl lop vco

16. September 2021 - 15:57 Uhr

OECD-Studie vorgestellt

von Maximilian Storr

Abgesperrte Klassenräume, Kontakt zu den eigenen Mitschülern nur über das Handy, Lernen und Arbeiten vor dem Tablet: Diese Situationen waren für Millionen Schüler in Deutschland in den letzten Monaten bittere Realität. Und diese Situationen haben ohnehin schon benachteiligte Schüler weiter abgehängt. Diese Erkenntnis wird auch vom OECD-Bildungsdirektor geteilt. Wir haben mit einem Schuldirektor gesprochen, der in den letzten Monaten miterlebt hat, was die Corona-Pandemie für diese Schüler bedeutet.

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"Da hat ja noch keiner Ahnung gehabt, wie so etwas überhaupt funktioniert"

Als "surreal" beschreibt Markus Schulz die Geschehnisse vor dem ersten Lockdown im März 2020. "Die Ereignisse haben sich auf allem möglichen Kanälen überschlagen", erzählt er. Schulz ist Schulaufsicht-Referent der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Trier. Als Corona das Schulleben kräftig durcheinander wirbelte, war er Direktor der Nahetal-Schule in Idar-Oberstein – einer Förderschule, in der häufig auch sozial benachteiligte Kinder unterrichtet werden. "Ich weiß noch, dass ich mittwochs die Kollegen beauftragt habe, dass die Kinder ihre Arbeitsmaterialen einpacken und mit nach Hause nehmen sollen, damit wir sie zu Hause unterrichten können. Aber da hat ja noch keiner Ahnung gehabt, wie so etwas überhaupt funktioniert", erinnert er sich.

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Kein Wlan, kein Telefon

Während die Kinder es natürlich erstmal "geil" fanden, dass sie keine Schule hatten, standen für Schulz als Rektor die ersten Herausforderungen an: "Da war die erste Hürde, den Schülern zu erklären, dass sie jetzt nicht frei haben, sondern der Unterricht weitergeht", sagt er, aber: "Alles, was mit Kommunikation zu tun hat, war eine Hürde. Viele unserer Eltern waren nicht so gut zu erreichen, wie Eltern aus bildungsstärkeren Schichten. Wir hatten zum Teil keine funktionierenden Telefonnummern oder E-Mail-Adressen. Wir haben Eltern, die zu Hause kein WLAN haben. Das sind alles Dinge, die in anderen Bevölkerungsschichten total normal sind." Das sieht auch Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD so. "Sozial benachteiligte Schüler wurden durch Schulschließungen weiter zurückgeworfen", sagt er.

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Schulunterricht an zwei von drei Tagen gestört

Laut der aktuellen Studie war der Unterricht seit Beginn der Corona-Pandemie bis zum Auslaufen der Schulschließungen im Frühjahr im Schnitt an mehr als 180 Tagen gestört. Bedeutet: An zwei von drei Tagen war der Unterricht beeinträchtigt. Mit besonders dramatischen Folgen für Benachteiligte: "Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas: Sie hat in dramatischer Weise die Lage von zuvor bereits sozial benachteiligten jungen Menschen verschlechtert. Sie fallen zurück, rutschen richtig weg, weil ihnen der Kontakt zur Schule fehlt und sie daheim nicht die Unterstützung bekommen, die sie bräuchten. So wird die Ungleichheit in Bildungsfragen und der Persönlichkeitsentwicklung größer", bestätigt auch Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann in einem Interview mit dem ZDF.

Auffällig: Während Deutschland beim Thema Schulschließungen im Jahr 2020 im Ländervergleich im Mittelfeld lag, gab es 2021 nur in Lettland größere Unterrichtsausfälle. Andere Länder wie Belgien oder Frankreich hatten auch bei hohen Infektionszahlen alles unternommen, um die Schüler dauerhaft im Schulgebäude zu halten.

ARCHIV - Ein kleines Mädchen schaut aus einem Fenster der Kinderstiftung "Jona's Haus" in Berlin (Archivfoto vom 16.09.2006, Illustration zum Thema Kinderarmut). In Deutschland driften Arm und Reich immer weiter auseinander. Die Ungleichheit bei den
Die meisten Kinder verbrachten in den letzten anderthalb Jahren im Home Office.
© dpa, A3397 Gero Breloer

Keinen Zugriff auf manche Schüler

Schulrektor Markus Schulz erlebte ebenfalls, wie die Sehnsucht nach dem Klassenraum für seine Schüler immer größer wurde: "Unsere Kinder und Jugendlichen haben richtig danach gegiert, dass der Präsenzunterricht wieder losgeht. Sie brauchen viel mehr Struktur und viel mehr individuelle Zuwendung, als es zum Beispiel an Gymnasien der Fall ist", sagt er.

Für manche konnte in der Zeit aber überhaupt nicht gesorgt werden: "Im ersten Lockdown und auch im zweiten langen Lockdown hatten wir Schülerinnen und Schüler, auf die wir überhaupt keinen Zugriff hatten, die sich nicht gemeldet haben, die in der Zeit unbeschulbar waren", beschreibt Schulz. Dennoch hat er an seiner Förderschule eine klare Entwicklung gesehen.

Keine "verlorenen" Jahre

"Viele Schülerinnen und Schüler haben einen riesigen Aufriss gemacht. Die Eltern haben investiert, haben Tablets und Laptops gekauft. Da hat sich schon was getan, da hat sich auch merklich was verändert. Im zweiten Lockdown hat man gemerkt, dass vieles normal wurde." Deshalb sieht er auch in den aktuellen Schülern keine ewig abgehängte Generation: "Von verlorenen Jahren zu sprechen, finde ich zu krass. Die Kinder haben ja trotzdem gearbeitet und haben da zum Teil einen richtig guten Job gemacht, genauso wie ihre Eltern. Viele Eltern haben Aufgaben übernommen, die normal eher bei den Lehrern liegen."

Ungleichheit beim Zugang zu digitalen Medien

Den größten Faktor beim Thema "Ungleichheit" sieht Schulz im Zugang zu digitalen Medien, "Die Bildungssysteme haben einen großen Aufriss gemacht, um diese Lücke klein zu halten. Viele Lehrer und Schulleiter haben da einen geilen Job gemacht." Dennoch sind sich alle Experten einig. Von Chancengleicht und Bildungsgerechtigkeit sind Schülerinnen und Schüler in Deutschland noch weit entfernt.