Teure Präparate für Schwangere sind nutzlos

Charité-Studie belegt: Babys stärken ihr Immunsystem nicht im Mutterleib

Darmflora von Kindern wird erst während oder nach der Geburt angesiedelt
Darmflora von Kindern wird erst während oder nach der Geburt angesiedelt
© dpa, Arno Burgi

12. Mai 2021 - 9:30 Uhr

von Cathleen Bergholz

Je mehr Darmbakterien ein Mensch hat, desto gesünder lebt er. Deshalb ist es auch schon für Babys wichtig, eine möglichst hohe Anzahl von Stämmen an Darmbakterien anzusiedeln. Bisher war es recht umstritten, wann Eltern die Darmflora ihres Nachwuchses fördern sollten- eine aufwändige Untersuchung der Charité zeigt nun, das dies erst während und nach der Geburt möglich ist. Wie RTL exklusiv erfuhr, sind Darmflora fördernde Präparate, die werdenden Müttern also noch während der Schwangerschaft angepriesen werden, nur Geschäftemacherei und nutzlos.

Geschäft mit der Gesundheit des ungeborenen Kindes

Der Darm ist nicht nur wichtig für die Verdauung, sondern auch für unser Immunsystem. Eine gesunde Darmflora spielt also eine entscheidende Rolle, um unser Immunsystem zu stärken und uns vor Krankheiten zu bewahren. Das gilt nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch schon bei den Kleinsten unter uns: bei Babys.

Die Fürsorge werdender Eltern nutzen viele Unternehmen dann aus, damit es in der Kasse klingelt. Im Internet, Apotheken oder Drogerien verkaufen sie Darmkuren oft mit dem Slogan "Gesunde Darmflora, gesundes Kind". Doch das ist Quatsch, denn der Darm eines Kindes wird noch gar nicht im Mutterleib besiedelt, wie Dr. Thorsten Braun, Leitender Oberarzt der Klinik für Geburtsmedizin an der Charité gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Deutschland und Kanada herausgefunden hat.

Zu 99,9 Prozent sicher: Bakterien siedeln sich nicht in der Gebärmutter an

Glückliche Mutter
Bakterien siedeln sich nicht in der Gebärmutter an
© Getty Images, SolStock

Vor drei Jahren hat Braun mit den aufwändigen Untersuchungen begonnen und kommt heute mit seiner kanadischen Kollegin Deborah Sloboda zu der Erkenntnis, dass sich Bakterien "höchst wahrscheinlich nicht in der Gebärmutter ansiedeln". Das bedeutet: Zu 99,9 Prozent lassen sich im Körper von Babys Bakterien erstmalig mit oder nach der Geburt nieder, erklärt der Oberarzt im exklusiven Interview mit RTL.

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Studienablauf: Nur gesunde Frauen zugelassen

Bis heute gibt es bereits sehr viele Forschungen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, aber auch die Ergebnisse unterscheiden sich stark. "Als Wissenschaftler versucht man, Studien kritisch zu hinterfragen", erklärt Braun seine Motivation. Und auch um Sicherheit ging es ihm. Gemeinsam mit Prof. Wolfgang Henrich, dem Leiter der Klinik für Geburtsmedizin der Charité, wollte er sicher beantworten können, ab wann sich Darmbakterien beim Menschen wirklich ansiedeln.

An der Forschungsreihe haben in der Pilotphase zunächst 20 schwangere Frauen mitgewirkt. "Nachdem diese abgeschlossen war, kamen weitere 20 Frauen hinzu", schildert Dr. Thorsten Braun. Basis für die Studie waren gesunde Frauen. Es sollte "kein Risiko geben, dass Keime von der Mutter auf das Kind übertragen werden".

Außerdem konnten nur Frauen an der Studie teilnehmen, die bereits ihr erstes Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht haben und somit eine erhöhte Chance hatten, dass auch das aktuelle Baby auf diesem Weg das Licht der Welt erblickt oder Frauen, deren Kind in Beckenendlage liegt. Hintergrund ist die Probenentnahme. "Bei Kaiserschnittgeburten und Beckenendlagengeburten wird der Po zuerst geboren", erklärt Braun und fügt hinzu. "Häufig entleert sich da der erste Stuhlgang von allein". Und genau dieser erste Stuhlgang wurde dann gesammelt und ausgewertet.

Bei Kindern, die vaginal geboren werden, findet man beim ersten Stuhlgang immer Bakterien. Denn wenn Kinder auf natürlichem Wege geboren werden, kommen sie während des Geburtsvorgangs mit den Bakterien der Vaginalschleimhaut der Mutter in Kontakt. Deshalb wurden solche Geburten bei der Forschungsreihe der Charité nicht beachtet.

Vielfältige Untersuchungen, um ganz sicher zu sein: Gibt es in der Probe Bakterien?

Symbolbild DNA-Labor
Symbolbild DNA-Labor
© dpa, Sven Hoppe, shp pzi axs

Pro Patientin wurden dann mehrere Proben entnommen und von unterschiedlichen Experten auf verschiedene Weise durchleuchtet. Mikrobiologen in Berlin haben hierbei die Zellkultur untersucht. Die Universität "McMaster" in Kanada hat sich auf eine DNA-Sequenzierung konzentriert. Die zentrale Frage war hierbei immer, ob die Probe Bakterien beinhaltet oder frei von ihnen ist. Zusätzlich haben Braun und seine Kollegen unzählige Negativkontrollen durchgeführt. Das bedeutet, sie haben parallel den gesamten Geburtssaal nach möglichen Bakterien untersucht, die das Ergebnis der Proben hätten verfälschen können: die Haut wurde abgestrichen, Folien usw. "Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, zu prüfen, ob es da irgendwo eine Möglichkeit gibt, dass Bakterien da hin kommen", fasst Braun zusammen.

Das hilft wirklich: Stillen, stillen, stillen!

Am Ende stellten die Forscher dann fest, dass die Proben frei von Bakterien waren. Das heißt, unser Darm wird nicht schon im Mutterleib besiedelt, sondern erst während oder nach der Geburt.

Eltern, die die Darmflora ihrer Kinder verbessern und somit auch ihr Immunsystem stärken wollen, müssen also nicht während der Schwangerschaft vielversprechende Präparate schlucken und zusätzlich Geld ausgeben. Um das Immunsystem ihres Nachwuchses wirklich zu stärken, ist vor allem eines wichtig: stillen! Denn auch in der Muttermilch befinden sich Bakterien, die dann vom Baby aufgenommen werden und den Darm besiedeln. "Da entsteht Darmflora", sagt Braun.

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