Bericht von Umweltorganisationen

Amazonas-Regenwald abgeholzt – auch für deutsche Autos

Waldbrand im Amazonas: Für Fleisch - und Autositze?
Waldbrand im Amazonas: Für Fleisch - und Autositze?
© dpa, Leo Correa, LC flm

19. April 2021 - 18:15 Uhr

Von Philip Scupin

Volkswagen, BMW und Daimler verwenden wohl Rindsleder aus Rodungsgebieten in Brasilien. Das zeigt eine internationale Recherche, die RTL exklusiv vorliegt. Vorwurf: Deutsche Autobauer sind für das Ende vieler Hektar Regenwald mitverantwortlich.

Vorwurf: Autofirmen Mitschuld an Rodungen

Wer sich in einem deutschen Auto bequem in seinen Fahrersitz fallenlässt, die Tür hinter sich zuzieht und die Hände ans Lenkrad legt, der denkt in diesem Moment wohl kaum an den Regenwald in Brasilien. Der Amazonas ist verständlicherweise sehr weit weg. Und damit auch die Feuerrodungen, die Vertreibung der indigenen Bevölkerung und die Rinderherden, die dort grasen, wo kurz zuvor noch Regenwald war. Und doch hat laut Umweltschützern das eine mit dem anderen zu tun.

Recherchen der Umweltorganisation Aidenvironment im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe und Rainforest Foundation Norway kommen zu dem Schluss: Die fünf größten europäischen Autofirmen verbauen Fahrzeugteile aus Leder, das sehr wahrscheinlich aus Amazonas-Rodungsgebieten stammt. Darunter sind auch drei deutsche Player: Der Volkswagen-Konzern, die BMW Group und Daimler. "Keiner dieser Hersteller verfügt über angemessene Richtlinien oder Maßnahmen, um eine Mitschuld an der Entwaldung zu vermeiden", schreiben die Umweltorganisationen in ihrem Report, den sie an diesem Freitag in mehreren Ländern vorlegen. RTL/ntv berichten vorab als erstes deutsches Medium.

Sieben der größten brasilianischen Lederlieferanten für die europäische Autoindustrie hat der Bericht analysieren können. In ihrem Einzugsgebiet sollen 2019 und 2020 insgesamt 1,3 Millionen Hektar Wald zerstört worden sein – eine Fläche etwas kleiner als das Bundesland Schleswig-Holstein. Zu den Abnehmern der Exporteure gehören laut den Umweltschützern in fast allen Fällen Volkswagen, BMW und Daimler.

Hälfte des Leders für Autoindustrie

Bislang wurde vor allem die Fleischindustrie für die Brandrodungen im Naturparadies Amazonas verantwortlich gemacht. Denn sie ließ Platz schaffen für ihre riesigen Rinderherden. Die Umwelthilfe und ihre Partner aber werfen jetzt der Lederindustrie vor, ihren Teil der Verantwortung wegzuschieben, indem sie Leder lediglich als Abfallprodukt der Fleischproduktion bezeichne. Dabei würde mit Leder ebenfalls viel Geld verdient. Verantwortung aber hätten auch die Autobauer. Denn Brasilien ist der weltweit drittgrößte Exporteur von Leder und die Hälfte davon landet in der Autoindustrie – meist in Sitzen, Türverkleidungen und Lenkradbezügen.

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Lieferketten kaum mehr nachvollziehbar

Die Umweltorganisationen haben bei ihrer Recherche versucht, die langen Lieferketten von Autositzen und Lenkradbezügen aus Leder nachzuvollziehen: Von den brasilianischen Rinderfarmen, Schlachthöfen, Gerbereien und Exporteuren über die europäischen Importeure, Automobillederproduzenten und Teileherstellern bis zu den Autoriesen. Ein schwieriges Unterfangen, das die NGOs aber, so der Vorwurf, mit Volkswagen, BMW und Daimler teilten.

Die Hersteller hätten zugegeben, dass sie die für das Leder verwendeten Tierhäute oftmals nicht bis zum Schlachthof zurückverfolgen können, geschweige denn bis zu ihrem Ursprung. Dennoch gelang es, für den Bericht zumindest mögliche Geschäftsbeziehungen offenzulegen, die ihre Endpunkte auf der einen Seite in Wolfsburg, München und Stuttgart haben und auf der anderen Seite im ehemaligen brasilianischen Regenwald.

Nachweis der Verantwortung schwierig

HANDOUT - 09.07.2020, Brasilien, Nova Maringa: Auf diesem Greenpeace Brasilien zur Verfügung gestellten Bild ist eine brennende Waldfläche in Nova Maringa zu sehen. Jedes Jahr überfliegt Greenpeace Brasilien das Amazonasgebiet, um die sich aufbauende
Im Amazonas-Gebiet werden riesige Flächen gerodet.
© dpa, Christian Braga, exa pil

Wie schwierig der genaue Beitrag der Autobauer trotzdem nachzuweisen ist, zeigt ein Beispiel: Der österreichische Lederhersteller Wollsdorf bezieht laut Report Leder vom brasilianischen Exporteur JBS Couros. Aus verschiedenen Herstellerangaben, Kartenmaterial und Stichproben folgern die Umweltorganisationen, dass JBS Tierhäute aus 27 Schlachthäusern im Regenwaldgebiet bekommt. Absolut sicher wissen sie das allerdings nicht. Und auch die 1,1 Millionen Hektar Entwaldung, die den Schlachthäusern von JBS zugeordnet werden, beruhen auf Schätzungen anhand von Satellitenbildern. Wollsdorf gibt auf seiner Website an, die Autositzproduzenten Adient, Lear und Magna zu beliefern. Die wiederum zählen Volkswagen (mit Ausnahme von Adient), BMW und Daimler zu ihren Kunden. Auf dieser Basis rechnet der Report den Autobauern die Beteiligung an einer Entwaldung von 1,1 Millionen Hektar zu.

Wollsdorf weist die Angaben in dem Bericht der NGOs gegenüber RTL zurück. Richtig sei, dass man mit dem Schlachtkonzern JBS in einer Geschäftsbeziehung stehe. Wollsdorf beziehe von der Firma aber nur Ware von nordamerikanischen Rindern und auch sonst nachweislich keine Rohware von Lieferanten aus Brasilien. Man könne Kunden somit garantieren, für keinerlei Entwaldung mitverantwortlich zu sein.

Nicht nur dieser Fall zeigt: Die wichtigsten Daten haben die Umweltorganisationen während ihrer Recherche zusammentragen können, die Zusammenhänge aber beruhen zum Teil auf Schlussfolgerungen. Diese Unschärfen aber legen gleichzeitig auch das zentrale Problem offen: Die globalen Lieferketten sind undurchsichtig geworden. Die Umwelt-NGOs verweisen darauf, dass selbst die Leder-Zertifizierungsstellen keine vollständige Rückverfolgbarkeit bis hin zu den indirekt liefernden Rinderfarmen gewährleisten könnten. Die brasilianische Gesetzgebung verbiete häufig den Zugriff Dritter auf Daten, die den Weg der Tiere von Farm zu Farm bis zum Schlachthof dokumentierten.

Autobauer reagieren unterschiedlich

Volkswagen weist den Bericht auf Anfrage von RTL als nicht nachvollziehbar zurück. Der Konzern setze in Europa ausschließlich chromfrei gegerbtes Leder ein. Leder aus Brasilien sei aber in der Regel chromgegerbt. Volkswagen liege zudem die schriftliche Bestätigung aller Lieferanten vor, kein Leder oder Vormaterial in Zusammenhang mit illegaler Entwaldung im Amazonasgebiet zu verwenden.

Daimler dementiert nicht ausdrücklich, Leder aus Entwaldungsgebieten in Brasilien verbaut zu haben. In den Lieferverträgen sei aber festgelegt, dass zugelieferte Produkte frei von illegaler Abholzung zu sein hätten. Das Unternehmen zählt mehrere für Entwaldung bekannte Gebiete in Brasilien auf und betont, Lieferanten müssten bestätigen, kein Leder von dort gehaltenen Rindern zu beziehen.

Auch BMW widerspricht auf Anfrage dem Report nicht. Die Münchener verweisen aber ebenfalls auf die vertragliche Pflicht ihrer Lieferanten zur Einhaltung von erweiterten Umweltstandards. Entwaldung spiele dabei eine wichtige Rolle. Man reduziere den Bezug von Leder aus Südamerika seit Jahren kontinuierlich. Ab Ende 2022 werde man überhaupt kein Leder aus Brasilien mehr verwenden.

Vegane Autos: Auch Verbraucher sind gefragt

Holger Görg, Professor für Außenhandel an der Uni Kiel, sieht eine gestiegene Verantwortung von Unternehmen, in ihrer Lieferkette für die Einhaltung von Umwelt-, Sozial- und Arbeitsauflagen zu sorgen. "Es ist im Grunde nichts anderes als ein neuer Qualitätsstandard", so Görg bei ntv. Kunden würden darauf auch häufiger achten. Er gesteht aber auch ein, dass die Nachverfolgung mit jedem Schritt in der Lieferkette schwerer werde.

Umwelthilfe und Co. erwarten jetzt eine Reaktion: "Es gibt eindeutige Möglichkeiten für die Automobilindustrie, Teil der Lösung zu sein." Autobauer sollten ein "robustes System" aufbauen, das die Herkunft aller "Waldrisikorohstoffe" sowie die Landbesitzverhältnisse und ökologische Situation der Lieferbetriebe identifiziere. Lieferanten, die zur Entwaldung beitragen, müssten so lange gesperrt bleiben, bis sie es nicht mehr tun.

Außerdem hoffen die NGOs auf ein Lieferkettengesetz, das klare Sanktionen vorsehe. Das aktuelle Gesetz der Bundesregierung dürfte ihnen nicht reichen. Doch auch Verbraucher können etwas tun: Sie können vegane Autos kaufen. Kunstleder hat sich in der Autobranche längst etabliert.

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