Box-Experte im Interview

Joshuas "Linksschwäche" - Bönte warnt vor Rechtsausleger Usyk

24. September 2021 - 15:40 Uhr

Bernd Bönte: Joshua vs. Usyk "Kampf des Jahres"

Ein bisschen schwingt David gegen Goliath mit, wenn der Ukrainer Oleksandr Usyk am Samstag (22.15 Uhr/DAZN) in London Schwergewichts-Champion Anthony Joshua herausfordert. Der Ukrainer ist nicht nur einen halben Kopf kleiner und rund zehn Kilogramm leichter als Joshua. Usyk hat im Stadion von Tottenham Hotspur 60.000 biergeschwängerte Briten gegen sich. Also eine klare Sache für "AJ"? Mitnichten, warnt Box-Experte Bernd Bönte, der den Kampf für den Streamingdienst DAZN kommentieren wird. Der langjährige Klitschko-Manager lobt Usyk im RTL/ntv-Interview in den höchsten Tönen und erwartet einen spannenden Fight.

"Deutlich mehr Fragezeichen als bei Fury gegen Wilder"

Anthony Joshua gegen Oleksandr Usyk in London: Endlich wieder eine Schwergewichts-WM vor 60.000 Zuschauern im Stadion von Tottenham Hotspur. Wie heiß sind Sie auf den Fight?

Bernd Bönte: Ich freue mich riesig darauf und werde das Ganze ja auch für DAZN am Samstag mitkommentieren. Das ist mit weitem Abstand der Kampf des Jahres. Da freut sich die gesamte Boxwelt.

Ist das Duell sportlich auch besser als der zweite Schwergewichts-WM-Kampf zwischen Tyson Fury und Deontay Wilder drei Wochen später in Las Vegas?

Ja, weil bei Joshua gegen Usyk deutlich mehr Fragezeichen stehen und das ist ja das, was die Sache interessant macht. Ich glaube, dass Wilder im Kampf gegen Fury ein deutlich größerer Außenseiter ist als Usyk gegen Joshua.

Bei den Wettanbietern und dem gemeinen Sport- und Boxfan ist Joshua freilich haushoher Favorit, die meisten erwarten einen klaren Sieg. Experten sehen die Sache ausgeglichener. Wie hoch schätzen Sie das Potenzial für eine Sensation ein – kann Usyk die Boxwelt erschüttern und Joshua schlagen?

Es kommt wirklich darauf an, wie Joshua boxt. Wie Usyk boxt ist klar: Er wird versuchen, den Kampf nach Punkten zu gewinnen. Und das ist auch möglich, denn die Punktrichter, die in London am Ring sitzen, sind von beiden Teams als sehr ausgewogen eingeschätzt worden, so dass ich glaube, dass Usyk auch nach Punkten eine Chance hat, wenn er der Bessere ist. Unter anderen ist Steve Weisfeld dabei, der für mich beste Punktrichter der Welt. Er wird genauso punkten, wie er es sieht und wie der Kampf läuft. Weisfeld hat in seiner Karriere ganz selten danebengelegen.

LESE-TIPP: Deutsches Box-Juwel macht Joshua fit für Usyk

Bernd Bönte managt die Karriere des deutschen Schwergewichts-Meisters Peter Kadiru
Bernd Bönte managte jahrelang die Klitschko-Brüder, momentan betreut er den deutschen Schwergewichts-Meister Peter Kadiru (r.).
© Imago Sportfotodienst

Guter Start für Joshua "die halbe Miete"

Usyk kommt aus dem Cruisergewicht, ist fast zehn Zentimeter kleiner als Joshua. Wie muss er gegen den Weltmeister agieren, um Erfolg zu haben?

Usyk muss versuchen, den Kampf über seine Dynamik, seine Beweglichkeit, seine Schnelligkeit zu bestimmen. Er besitzt eine exzellente Beinarbeit, sicher mit die beste im Boxgeschäft, zumindest, was die höheren Gewichtsklassen angeht. Dazu ist er sehr beweglich im Oberkörper und schlägt extrem schnelle Hände. Dazu ist er sehr stark im Konter. Usyk wird versuchen, dieses klassische "Stick-and-Move" anzubringen, also rein in den Mann und wieder raus und sich bewegen. Er wird versuchen, aus der Distanz zu boxen, AJ aus verschiedenen Winkeln zu attackieren und durchaus so zu treffen, dass Joshua entsprechenden Respekt hat. Und so am Ende nach Punkten zu gewinnen. Dafür reichen sieben Runden.

Umgekehrt: Wie sollte Joshua den Kampf gestalten?

Getreu der alten Box-Weisheit: "Der gute große Mann schlägt den guten kleinen." Er hat eigentlich alle Vorteile auf seiner Seite: Er ist ein paar Jahre jünger, ist größer, hat die größere Reichweite, bringt mehr Masse mit und hat die deutlich größere Schlagkraft. Wenn er diese Attribute voll in die Waagschale wirft und Usyk von Beginn an unter Druck setzt, ihm als schnellerem Mann den Ring abschneidet, wenn er Usyk gar nicht in seinen Rhythmus kommen lässt – das ist das Entscheidende –, ist das für Joshua die halbe Miete.

Also ein früher K.o. für den Weltmeister?

Usyk auszuknocken, ist sicher nicht einfach, der sieht die Schläge kommen, boxt mit Doppeldeckung und kontert dann, ein bisschen so wie Graciano Rocchigiani früher, der ja auch Rechtsausleger war. Usyk ist schwer zu treffen. Natürlich kann ein Schlag, den man nicht sieht, gerade im Schwergewicht, direkt alles entscheiden. Aber ich tippe eher auf einen vorzeitigen Sieg Joshuas in den letzten drei Runden.

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Bönte warnt vor Usyks Linker

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Oleksandr Usyk kämpft seit 2019 im Schwergewicht, nachdem er eine Klasse tiefer im Cruisergewicht alle Titel gewonnen hatte, die es zu gewinnen gibt
© AP, Kamil Krzaczynski, KK

Usyk musste sich Masse "anfuttern", musste an Muskelmasse zulegen. Hat er es trotzdem geschafft, seine Schnelligkeit zu behalten? Kann er diesen Vorteil also wirklich ausspielen?

Das ist genau eines dieser Fragezeichen, die ich angesprochen habe. Das werden wir erst am Samstag sehen. Das Cruisergewichts-Limit liegt bei 90,72 Kilogramm, angeblich hat er acht, neun Kilo draufgepackt. Usyk ist ein smarter Junge und trainiert mit einem guten Team im Fitness- und Ernährungsbereich. Der wird das schon vernünftig gemacht haben, so wie früher etwa auch Evander Holyfield. Vielleicht hat er durch die Extramasse ein Plus an Punch, andererseits ist da eben das Fragezeichen, was seine Schnelligkeit und Beweglichkeit angeht. Wenn man acht, neun Kilo mehr draufhat, bewegt man sich natürlich anders. Evander Holyfield ist der ständige Vergleich: Er hat ja wie Usyk das Cruisergewicht dominiert und hatte dann auch nachhaltig, hier liegt die Betonung, nachhaltig im Schwergewicht Erfolg. Holyfield war allerdings ein deutlich besserer Puncher als Usyk. Er hat auch im Schwergewicht immer Druck gemacht, Usyk boxt anders.

Viele Fans und Experten machen auch ein Fragezeichen hinter Joshuas Kinn – kann Usyk den Briten in Wanken bringen?

Schwer zu sagen. Wenn einer 99 bis 100 Kilo wiegt, wovon ich bei Usyk ausgehe, und einen genau auf den Punkt trifft, hat auch ein Joshua möglicherweise ein Problem. Es ist ein alter Hut im Boxen: Die Schläge, die man nicht sieht, sind die gefährlichsten. Usyk schlägt schnell, kontert gut und die Schläge kommen, weil er eben so beweglich ist, aus allen möglichen Winkeln. Das ist die Gefahr für Joshua. Und AJ hat ja auch eine leichte Linksschwäche respektive Rechtsschwäche auf seiner Seite, da hat es in der Vergangenheit immer wieder eingeschlagen. Wladimir hat ihn damals mit einem linken Haken angeklingelt, davor schon Dillian Whyte und auch im ersten Kampf gegen Andy Ruiz fing das Desaster mit einem linken Haken an. Und die Linke ist Usyks Schlaghand.

Heißt für Joshua?

Er muss den Kampf bestimmen, sich nicht nach dem anderen richten. Er muss, wie man im Boxen sagt, "groß boxen", Dynamik zeigen, in den Ring reingehen und zeigen: Ich bin der Boss und das Ding dann hinter seinem Jab bestimmen. Er schlägt mittlerweile eine super Führhand, hat sich da stark verbessert, und hat eine extrem gute rechte Hand. Ein Rechtsausleger wie Usyk ist offen für Leberhaken und den rechten Uppercut, ebenfalls ein Paradeschlag von AJ. Gegen einen Rechtsausleger muss man viele rechte Hände bringen, auch die lead right hands, also die ansatzlos geschlagenen Rechte. Ich glaube, das kann Joshua. Mit der Rechten kann er viel, die ist seine stärkste Waffe.

Aber nochmal: Usyk ist schon eine besondere Qualität, er gehört für mich zu den Top-5-Boxern Pound-for-Pound, also gewichtsklassenübergreifend. Man muss auch deutlich sagen: Wenn Usyk nicht Pflichtherausforderer (beim Weltverband WBO, d. Red.) wäre – für eine freiwillige Titelverteidigung tritt gegen den keiner an.

Mit Bernd Bönte sprach Martin Armbruster