"Bernd hat uns ein Juwel geschickt"

Box-Talent Viktor Jurk macht Weltmeister Joshua fit für Usyk

Viktor Jurk (r.) trainierte in Sheffield zehn Wochen mit Schwergewichts-Weltmeister Anthony Joshua
Viktor Jurk (r.) trainierte in Sheffield zehn Wochen mit Schwergewichts-Weltmeister Anthony Joshua
© Viktor Jurk

20. September 2021 - 14:40 Uhr

Zehn Wochen Sparring mit "AJ"

Von Martin Armbruster

Viktor Jurk hat noch keinen Kampf als Boxprofi bestritten. Dafür hat der 21-Jährige eine Erfahrung in den Knochen, die wertvoller sein dürfte als viele der sogenannten Aufbaukämpfe, die oft die Karrieren junger Talente einleiten. Jurk stand wochenlang als Sparringspartner mit Anthony Joshua im Ring – dem Weltmeister im Schwergewicht, der am Samstag in London (22.15 Uhr/DAZN) seine Krone gegen den Ukrainer Oleksandr Usyk verteidigt.

"Boah, was ist das denn?!"

"Es ist einfach atemberaubend", sagt Viktor Jurk als er von seinem Sommer 2021 erzählt. Durch die Telefonleitung nach Sheffield lässt sich erahnen, dass die Augen des 21-jährigen Boxers glänzen. "Die erste Woche habe ich gedacht: Boah, was ist das denn?! Das ist heftig. Das ist das, wovon ich geträumt habe." Einmal mit dem großen "AJ" im Ring stehen.

"Viktor war eigentlich als Sparringspartner für den Kampf von Joshua gegen Tyson Fury vorgesehen, da er Rechtsausleger ist und mit 2,04 Meter ähnlich groß ist wie Fury, der ja auch gerne die Auslage wechselt", erläutert Jurks Manager Bernd Bönte, der am Samstag als Experte für DAZN kommentiert. Bönte, lange Jahre Strippenzieher der Klitschko-Brüder, hat einen guten Draht ins Joshua-Lager. 2017 lieferte sich Wladimir Klitschko in Wembley bekanntlich eine epische Schlacht mit dem Engländer.

Joshua vs. Fury platzte zwar, Jurk aber blieb ein gefragter Mann. Denn Rechtsausleger, also Linkshänder, die boxen können, gibt es im Schwergewicht nicht wie Sand am Meer. Und Joshuas Herausforderer Usyk ist eben einer dieser linken "Stinker".

Aus einer Woche wurden zehn

"Da Viktor wie Usyk auch noch sehr beweglich auf den Beinen ist, habe ich ihn dem Joshua-Management erneut empfohlen", sagt Bönte. Bei Jurk klingelte daraufhin das Telefon.

"Die haben gesagt: Komm mal für eine Woche zum Sparring", erinnert sich der junge Boxer. Mitte Juli setzte Jurk von Flensburg über auf die Insel – und überzeugte auf Anhieb. Aus einer Woche wurden zehn. Bis in die Endphase von Joshuas Vorbereitung blieb Jurk im Trainingscamp in Sheffield. Als einer von wenigen Sparringspartnern. Für den Youngster eine unbezahlbare Erfahrung.

"Das ist schon ein sehr großer Wow-Effekt. Zumal das jetzt mein erstes großes Camp war. Ich war auf Trainingslagern mit der Nationalmannschaft, aber das ist etwas ganz anderes", sagt Jurk, der 2019 bei der Amateur-EM der U22 die Silbermedaille gewann. "Hier sieht man die Professionalität. Die Trainer, das Team, alles ist perfekt. Es macht viel Spaß, von den Trainern zu lernen, auch von Joshua direkt. Man nimmt sehr viel auf, einfach, weil man mit professionellen Menschen zusammenarbeitet."

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"Auf ihn muss man achten, er wird unglaublich werden"

Die wichtigste Lektion für den angehenden Profi? "Man muss viel ins Boxen investieren. Für mich heißt das: sehr beweglich sein. Ich lebe von meiner Beweglichkeit, meiner Beinarbeit, daran muss ich kontinuierlich weiterarbeiten, damit ich irgendwann auf ein sehr hohes Level komme", betont Jurk. Tatsächlich sind 2,04 Meter große, technisch bewandte und bewegliche Rechtsausleger im Schwergewicht eine Rarität.

Und Jurk will es wissen. "Ich habe AJ gesagt: Wenn du mit mir um 12 Uhr nachts trainieren willst, ruf mich an, kein Problem. Ich will lernen, ich bin ein Typ, der gerne trainiert." Im Camp des Weltmeisters ist man von dieser Arbeitsethik beeindruckt – doch nicht nur davon.

"Bernd Bönte hat mir ein Juwel geschickt", pries Joshuas Manager David Ghansa den Gast aus Deutschland unlängst bei Sky. "Er ist unglaublich. Jeder liebt seine Art und seine boxerischen Fähigkeiten. Der Junge kann alles, obwohl er immer noch lernt. Er hat ein Babygesicht, ist aber 2,04 Meter. Er ist leichtfüßig, hat Power und ist stark. Er ist selbstbewusst und hat sich wirklich gut geschlagen. Auf ihn muss man achten, er wird unglaublich werden." Eine veritable Lobeshymne.

Jurk macht Runden

Jurk hat sich in England für den Start seiner Karriere gestählt. "Wenn man im Profiboxen irgendwann zwölf Runden kämpft, muss man die Runden trainieren, um die Kondition zu haben. Wenn man Sparring macht über mehrere Runden, muss die Kondition auch zum Ende hin top sein, um da mitzugehen. Man muss Runde für Runde Leistung bringen. Kondition im Boxen ist das A und O, ohne Kondition geht gar nichts", betont Jurk.

Beim täglichen Training mit und an der Seite des Weltmeisters habe er gesehen, "was ich machen muss, um dahin zu kommen. Das ist alles harte Arbeit. Man muss sich selbst vertrauen, dann ist alles möglich. Es zählt nur die Arbeit und wie viel Eigenwillen man da reinsteckt. AJ ist sehr diszipliniert, ich sehe wie er trainiert, wie er sich bewegt innerhalb und außerhalb des Rings – das ist top", schildert Jurk seine Eindrücke.

BWL als zweite Schiene neben dem Boxen

Disziplin hat freilich auch der Junge aus dem hohen Norden. Neben der "Sweet Science", wie man das Boxen in den USA gerne nennt, studiert Jurk BWL, 2024 will er den Bachelor in der Tasche haben. "Eine zweite Schiene zu fahren, ist toll. Ich habe hier in Sheffield auch eine Hausarbeit fertig geschrieben und online abgeschickt", erzählt er.

Erst Faust-Schicht mit AJ, dann Wirtschaftsinformatik runtertippen – kein leichtes Pensum. Denn: "Beim Sparring muss man alles abrufen. Ich musste AJ fordern und da gebe ich dann alles. Ich musste ihn mit meiner Arbeit beeindrucken, das war meine Aufgabe", sagt Jurk und fügt hinzu: "Natürlich kommt da auch die ein oder andere harte Hand mal durch."

Was den 21-Jährigen am Meister aller Klassen besonders beeindruckt – Joshua sei sehr "bodenständig", überhaupt nicht abgehoben und habe ihm viele lehrreiche Tipps gegeben. Umgekehrt brachte Jurk dem Champion beim Schachspielen ein paar Züge bei. Mit Blick auf den Kampf gegen Usyk prophezeit der Deutsche einen Sieg des britischen Ring-Darlings. "AJ gewinnt, ich denke vorzeitig: achte, neunte, zehnte Runde. Ich drücke ihm fest die Daumen."

'Zehn Wochen mit AJ'. Viktor Jurks Sommer 2021 klingt ein wenig nach Boxer-Märchen. "Für den Profibeginn war das das Beste, was man machen kann", ist sich das Faustkampf-Juwel sicher. Bleibt nur die Frage, wann es soweit ist mit dem Profidebüt.