Holocaust-Überlebende berichten über das KZ Bergen-Belsen

"Sie waren wie Skelette, schlichen herum wie Zombies"

Die überlebenden Mala Tribich und Alfred Garwood im ehemaligen KZ Bergen-Belsen.
Die überlebenden Mala Tribich und Alfred Garwood im ehemaligen KZ Bergen-Belsen.
© RTL

27. Oktober 2021 - 10:33 Uhr

Die Opfer nicht vergessen

52.000 KZ-Häftlinge aus vielen Ländern Europas kamen im Lager in Bergen-Belsen im Landkreis Celle ums Leben oder starben nach der Befreiung an den Folgen ihrer Haft. Viele Gefangene sind damals Kinder. So auch die beiden Holocaust-Überlebenden Mala Tribich und Alfred Garwood aus Großbritannien. Sie besuchen am Montag die Gedenkstätte. "Es macht mich traurig, ich erinnere mich daran und es ist für mich, als würde ich über einen Friedhof laufen", sagt uns Mala Tribich im Interview. "Aber ich habe das Gefühl, dass ich mit meinem Besuch den Opfern gedenke und sie nicht vergessen werden."

"Sie waren wie Skelette, schlichen herum wie Zombies"

Mala Tribich ist acht Jahre alt, als sie in das Konzentrationslager in Bergen-Belsen kommt. Der erste Eindruck des Camps hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. "Das Erste, was einen getroffen hat, war der Geruch – und es waren überall Menschen, die einfach hintereinander herschlichen. Sie waren wie Skelette, schlichen herum wie Zombies", erzählt sie. "Und während sie so herumschlichen, sind viele von ihnen einfach zusammengebrochen und gestorben. Du konntest gerade noch mit jemandem geredet haben und dann ist derjenige einfach zusammengebrochen und gestorben, direkt vor dir." Ihr Vater, ihre Mutter und ihre Schwester werden während der NS-Zeit ermordet. Der einzige Überlebende aus ihrem näheren Familienkreis ist ihr Bruder Ben. Im Jahr 1947 treffen die Beiden sich in England wieder. Dort lebt Mala Tribich bis heute.

Als Kind zwischen toten Menschen

Auch Alfred Garwood erinnert sich lebhaft an die Zeit im KZ. Er kommt im Jahr 1943 mit nur acht Monaten in das Konzentrationslager, zusammen mit seiner älteren Schwester und seinen Eltern. Etwa 2000 Menschen kommen damals mit ihnen zusammen an. Sechs Wochen später sind es nur noch 300. "Wir haben uns als Kinder daran gewöhnt, mit dem Tod zu leben", erzählt er uns. "Wir spielten miteinander, zwischen all den Haufen toter Menschen." Doch auch als kleiner Junge merkt er, was um ihn herum geschieht, so der heute 78-Jährige. "Auch Kinder sind sich der Angst bewusst, der Angst der Menschen um einen herum, weil sie sie anschauen und nach Hinweisen suchen", sagt er. "Wenn die Eltern sich nicht sicher fühlen, fühlst du dich auch nicht sicher."

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Ein schwer heilbares Trauma

Das Konzentrationslager prägt das Leben von Alfred Garwood. "Es hat mir Gründe dazu gegeben zu leben und auch bestimmte Dinge in meinem Leben zu tun, aber es wird immer einen Schatten zurücklassen." Seine Eltern und seine Schwester überleben mit ihm gemeinsam die Inhaftierung. Doch mehrere Familienmitglieder fallen den Nazis zum Opfer. "Du hast keine Familie, keine Großeltern, Tanten und Onkel, so wie deine Freunde in der Schule", beschreibt Alfred Garwood das Leben nach der Befreiung. Er habe sein ganzes Leben gebraucht, um das Trauma zu verarbeiten. "Es ist unglaublich einfach, Menschen zu zerstören und ihnen weh zu tun, aber es ist unglaublich schwer, sie zu heilen", sagt der 78-Jährige. Gerade heute sei es wichtig, die NS-Geschichte nicht zu vergessen, so der Holocaust-Überlebende. Nicht alle Lektionen aus dem was geschehen ist, hätten die Menschen bereits gelernt. (mtu/ekl)