Alkohol in der Bundesliga?

Als es in der Kabine noch wilder zuging

Meisterfeier beim FC Bayern in der Saison 1988/89: Hans Dorfner, Trainer Jupp Heynckes und Hansi Flick.
© Bongarts/Getty Images, Bongarts

23. Februar 2021 - 13:02 Uhr

Kabinenparty: Martin Hintereggers Vorgänger

Nach dem Sieg gegen den FC Bayern München ist Eintrachts Abwehrrecke Martin Hinteregger besonders glücklich: Nach Spielschluss schleppt er für die Geselligkeit eine Kiste Bier in die Kabine. Das ist heutzutage in der Bundesliga im Gegensatz zu früher eine echte Seltenheit.

Von Ben Redelings

Martin Hinteregger schien zufrieden. Gerade eben erst hatte er mit seinem Club dem Bundesliga-Spitzenreiter FC Bayern München eine schmerzhafte Niederlage zugefügt - und nun ging ganz offensichtlich noch ein weiterer Wunsch für ihn in Erfüllung. Denn der Frankfurter Abwehrrecke schleppte glücklich lächelnd nach Spielschluss eine Kiste Bier in die Eintracht-Kabine. Die verdiente After-Match-Sause konnte also starten.

Dass diese Situation im aktuellen Profi-Fußball alles andere als der Normalfall ist, hatte Hinteregger die Tage noch in einem Interview erzählt, als er meinte: "Jeder sitzt nach dem Spiel mit dem Handy da. Mir wäre es lieber, wenn eine Kiste Bier in der Mitte steht und wir setzen uns alle in den Pool, trinken gemütlich ein Bier und quatschen über das Spiel. Das hat sich geändert. Schade!" Die Frage ist nur: Wie lange hat sich das schon geändert?

"Früher mussten wir die Jungs mit dem Lasso einfangen"

Denn bereits vor zwanzig Jahren sangen die legendären Bundesliga-Urgesteine Reiner Calmund und Rudi Assauer gemeinsam das alte Lied von dem "Früher", wo zwar nicht alles besser, aber natürlich viel schöner war. Der damalige Bayer-Manager Calmund beschrieb die veränderte Lage im Jahr 2001 auf eindrucksvolle Art und Weise: "Die Spieler sind heute zum Teil kleine Bratwürste. Schlafmützen, die pennen, und kommen nicht aus den Füßen. Heute schleicht sich keiner aus dem Trainingslager, früher mussten wir die Jungs mit dem Lasso einfangen. Heute holen sich die Spieler brav den Schlüssel an der Rezeption, nehmen ihr Handy, ihren Kopfhörer - dann geht es ding, ding, dumm. Den ganzen Tag: Essen, Massage, ding, ding, dumm. Früher haben die Frauen angerufen, dass die Männer nicht ausbüxen. Heute rufen die Jungs an, ob ihre Frauen noch zu Hause sind." Die alten, wilden Zeiten der Bundesliga schienen also auch vor zwanzig Jahren bereits vorbei.

Drei Gläschen Cognac für Rummenigge

Da wollte Rudi Assauer natürlich in seliger Erinnerung an frühere Tage nicht zurückstecken und stimmte in Callis Klagelied mit ein: "Beim Mannschaftsabend darf Bier getrunken werden, aber 80 Prozent bestellen Wasser. Was hätten wir uns früher einen gezogen." Und das haben sie wohl tatsächlich - wenn man den alten Geschichten glauben darf.

Bereits im Gründungsjahr der Bundesliga 1963 ließ ein echter Weltmeister aufhorchen. Helmut Rahn war auf engagiertes Betreiben von seinem Trainer Rudi Gutendorf hin, aus den Niederlanden zurück nach Deutschland zum Meidericher SV nach Duisburg gewechselt. Da Rahn kurz zuvor mit seinem Auto alkoholisiert in eine Baugrube gefahren war, widmete sich Gutendorf dem Essener Jung auf besondere Art und Weise. Ein gemeinsames Pferd sollte Rahn disziplinieren. Das klappte soweit wohl auch ganz gut - aber nicht immer. Denn den Alkohol konnte der Coach Rahn nicht komplett austreiben. Und so habe sich der "Boss", wie Gutendorf Jahre später einmal erzählte, am Vorabend eines Spiels in Köln eine halbe Kiste Bier reingetan. Am nächsten Tag allerdings sei er beim 3:3 der beste Mann auf dem Platz gewesen, so "Riegel-Rudi".

Früher durfte es aber auch gerne einmal vor dem Spiel ein Gläschen sein. Über den heutigen Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, erzählt man sich die Geschichte, dass er 1976 vor seinem ersten Europapokalfinale in Glasgow gegen die AS Saint-Étienne so nervös war, dass er nicht mehr von der Toilette herunterkommen wollte. Um ihn dennoch spielfähig zu machen, habe man schließlich gemeinsam entschlossen, dem Jungstar aus Lippstadt zwei, drei Gläschen Cognac zu verabreichen. Und tatsächlich: Das half! Rummenigge lief auf, spürte die Wirkung des alkoholischen Getränks und der FC Bayern gewann nach einem Tor von "Bulle" Roth den Pokal. Besser konnte es eigentlich nicht laufen. Doch mit der hochprozentigen Taktik konnten sie auf der Insel nicht wirklich jemanden überraschen. Das war dort in diesen Tagen gang und gäbe, wie Tony Woodcock in der aktuellen Ausgabe des Magazins "11 Freunde" beweist.

"Nur wer saufen kann, ist ein Kerl"

Das ehemalige Idol des 1. FC Köln erzählt dabei in einem Interview über eine legendäre Nacht vor dem englischen Ligapokalfinale 1979, als er noch für Nottingham Forest spielte. Damals hielt sein Trainer Brian Clough das Team von der Nachtruhe ab - und gestaltete stattdessen einen bunten Abend. Woodcock erinnert sich genau: "An dem Tag hatten wir vielleicht einige Gläser zu viel. Martin O'Neill und John Robertson haben mich tief in der Nacht die Treppe hochtragen müssen. Am nächsten Tag habe ich ein Tor geschossen, und wir gewannen 3:2 gegen Southampton." Als Woodcock dann schließlich in Köln unter Trainer Hennes Weisweiler spielte, fühlte er sich gleich heimisch - denn der Coach hatte zu Gladbacher Meisterzeiten einmal das Motto ausgegeben: "Nur wer saufen kann, ist ein Kerl". Bei einer Weiberfastnachtsfete zu Hause bei Weisweiler sollte Woodcock schließlich schnell merken, dass das Motto nicht nur heiße Luft für den Coach war.

Dass Hinteregger mit seinen nostalgischen Erinnerungen an gesellige Kabinenabende nicht nur den Nerv eines jeden Kreisligaspielers trifft, beweisen auch alte Fotos aus München. Zu Zeiten eines Klaus Augenthalers bei den Bayern ("Mir nimmt keiner die Halbe weg") wurde so mancher interner Mannschaftsstress mit einem zünftigen Weißbierabend aus der Welt geschafft. Und nach dem Meisterschaftsgewinn saß man dann genauso, wie es sich Martin Hinteregger wünscht, noch bei einem kühlen Getränk zusammen im Entmüdungsbecken und ließ sich das Spiel und die Saison noch einmal gemeinsam durch den Kopf gehen. Vorteil damals allerdings: Es gab noch keine Handys.

ntv.de