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Afghanistan-Evakuierungen: Bundeswehr-Offizier rechnet mit Bundesregierung ab

"Von der eigenen Regierung moralisch verletzt"

Afghanistan-Evakuierungen: Bundeswehr-Offizier rechnet mit Bundesregierung ab

Soldat Marcus Grotian rechnet mit der Bundesregierung ab "Das ist beschämend!"
02:58 min
"Das ist beschämend!"
Soldat Marcus Grotian rechnet mit der Bundesregierung ab

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Flammender Appell an "beschämende" Regierung

Merklich aufgebracht erhebt Bundeswehr-Offizier Marcus Grotian schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung. "Wir sind von der eigenen Regierung moralisch verletzt - und das ist beschämend", lautet das Urteil des Soldaten und Leiters des Patenschaftsnetzwerks für afghanische Ortskräfte. Zur Planung und Abwicklung der Ausreise der Ortskräfte sowie zum Abschieben der Verantwortung sagte der Soldat, der selbst in Afghanistan gedient hat, am Dienstag in Berlin: "Wir sind überwältigt und verbittert."

Marcus Grotians flammenden Appell an die Bundesregierung sehen Sie im Video.

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"Überwältigt von Fassungslosigkeit"

"Jeder hat alles richtig gemacht und die anderen etwas falsch", beanstandete Grotian weiter. "Wir haben hier Menschen bewusst und wissentlich zurückgelassen." Er sprach von 8.000 Ortskräften und deren engen Angehörigen, die ein Recht zur Ausreise haben sollten. Davon seien aktuell geschätzt erst knapp 2.000 in Deutschland.

"Wir sind überwältigt von Fassungslosigkeit, weil Regierungsparteien und Politiker die Warnungen missachtet, die Hinweise und Lösungsmöglichkeiten ignoriert, die Verantwortlichkeiten abgeschoben haben – und bis heute die eigenen Verfahren und Handlungen loben", so das bittere Fazit des Soldaten.

Grotian appelliert an Bundesregierung: Bürokratie-Hürden müssen fallen!

Grotian verlangte, bürokratische Hürden müssten fallen und nicht nur die Menschen ausgeflogen werden, die auf Listen von Ministerien stünden. "Alle anderen Länder evakuieren jetzt alle Ortskräfte. Wir evakuieren die, die man ausgewählt hat. Das finden wir verwerflich." Selbst eine Frau, die noch 2017 für die deutsche Entwicklungsagentur GIZ gearbeitet habe, sei am Flughafen abgewiesen worden. "Jeder, der für Deutsche gearbeitet hat, muss jetzt durchgelassen werden."

Grotian warf der Bundesregierung vor, das Verfahren zur Ausreise von Anfang an zu bürokratisch angelegt zu haben. Zwischen den zuständigen Ministerien habe die Zusammenarbeit nicht geklappt. Er habe sich daher immer wieder an das Kanzleramt gewandt. "Aus meiner Sicht ist es das Bundeskanzleramt, das hätte eingreifen können, es aber leider nicht getan hat."

Das Patenschaftsnetzwerk für afghanische Ortskräfte hat sich zum Ziel gesetzt, den Unterstützern bei der Ausreise zu helfen und ihnen einen Start in Deutschland zu erleichtern. Der Leiter Marcus Grotian war selbst für die Bundeswehr im Afghanistan-Einsatz. (dpa, dhe)