Jugendliche aus Celle tauchte plötzlich in Frankreich auf

Vater der vermissten Isabella (16): Darum verschwand meine Tochter wirklich!

Isabella aus Celle war mehr als zwei Wochen vermisst.
Isabella aus Celle war mehr als zwei Wochen vermisst.
© Polizeiinspektion Celle

19. April 2021 - 12:14 Uhr

Von Daniel Kandora und Steffen Fischer

Das Rätsel um das mysteriöse Verschwinden von Isabella O. (16) – ihr Vater Thomas spricht exklusiv mit RTL. Wie kam seine Tochter aus Celle (Niedersachen) nach Frankreich? Und warum erkennt Isabella ihn nicht mehr wieder? Hier berichtet der Vater, was alle wissen sollen.

Isabella verschwand von jetzt auf gleich

Es ist der 22. März in Celle: Eben ist die 16-jährige Isabella O. noch mit ihrem jüngeren Bruder zu Hause und lernt im Homeschooling, auf einmal ist sie spurlos verschwunden – ohne Geld, Handy, Schlüssel oder irgendeinen Hinweis auf ihren Verbleib. Für ihre Eltern ist schnell klar: Hier stimmt etwas nicht. Mehr als zwei Wochen vergehen, die Hoffnung schwindet immer weiter. Die Polizei schließt eine Straftat nicht aus. Dann taucht Isabella plötzlich wieder auf – in Frankreich.

Isabella taucht in Frankreich wieder auf

Die vermisste Isabella wurde nach mehr als zwei Wochen gefunden.
Isabella verschwand in Celle (Niedersachsen) und wurde 800 Kilometer entfernt in Frankreich gefunden.
© Polizei Celle

Die offizielle Geschichte der Polizei geht so: Am 6. April, dem Dienstag nach Ostern, fällt einer BKA-Mitarbeiterin in Wiesbaden eine "frappierende Ähnlichkeit" zwischen dem Mädchen aus einem Facebook-Aufruf der Polizei Celle und einem in Frankreich angetroffenen Mädchen auf – es ist Isabella. Sie war bereits einen Tag nach ihrem Verschwinden im Raum Paris aufgetaucht. Thomas O. versteht nicht, warum es so lange gedauert hat, bis diese Ähnlichkeit auffiel – seiner Familie hätte viel Leid und der Polizei viel Arbeit erspart werden können. Den offiziellen Angaben zufolge lagen den französischen Behörden allerdings zunächst falsche Personalien vor, sodass eine Zuordnung zu Isabella wohl nicht früher hergestellt werden konnte.

Hatte die Schülerin einen Gedächtnisverlust?

ARCHIV - 04.04.2020, Frankreich, Paris: Ein Mann joggt auf einem fast menschenleeren Radweg am Seineufer entlang.  Seit rund zwei Wochen war sie verschwunden - jetzt ist die 16-jährige Isabella aus Celle allen Anzeichen nach in Frankreich aufgetaucht
Isabella wurde in Frankreich gefunden. Die 16 -Jährige kann sich an nichts erinnern. Ihr Vater und die Ärzte vermuten, dass die Schülerin ihr Gedächtnis verloren hat.
© dpa, Christophe Ena, CE esz

Warum hat Isabella falsche Angaben gemacht? Und was wollte sie in Frankreich, gut 800 Kilometer von Celle entfernt? Laut ihrem Vater hatte und hat sie einen Gedächtnisverlust. Sie habe ihm erzählt, dass sie in Frankreich plötzlich aufgewacht sei, ohne zu wissen, wo sie ist und wie sie dort hingekommen sei. Sie habe sich bei Passanten Hilfe gesucht und sei so zur Polizei gekommen. Weil sie noch nicht einmal zu wissen schien, wer sie selbst überhaupt ist, habe sie nicht bewusst falsche Angaben gemacht. Dann sei sie zuerst in eine Art Jugendwohnheim und schließlich in eine Pflegefamilie gekommen. Als sie dann ihrem Vater, der zusammen mit Polizisten aus Celle nach Paris kommt, gegenübersteht, erkennt sie ihn wohl ebenfalls nicht. Wie er erklärt, habe sie dann akzeptieren müssen, dass er wohl ihr Vater ist.

Familie darf Isabella derzeit nicht sehen

Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen lassen der Polizei zufolge derzeit keinen Schluss auf eine mögliche Straftat zu, sie sei körperlich wohlauf. Wegen ihrer Verfassung sei sie aber dennoch in ärztlicher Behandlung, erzählt Thomas O. Man hoffe, dass sie zur Ruhe komme und sich irgendwann wieder an sich selbst und an ihre Familie erinnern könne. Ob die konkreten Ereignisse rund um den 22. März aber wiederkommen, könne wohl niemand mit Sicherheit sagen. Ihre Familie dürfe sie derzeit nicht sehen, aber es gebe immer wieder Telefonate über ihren Zustand mit den behandelnden Ärzten. Details zum Krankheitsbild möchte Isabellas Vater nicht preisgeben, ebenfalls wollen ihre Ärzte laut Thomas O. nicht mit der Presse sprechen.

Die Polizei bestätigt die Geschichte des Vaters rund um den Gedächtnisverlust. Er sei möglicherweise durch eine psychische Krankheit ausgelöst worden. In die gleiche Richtung geht die Vermutung von Thomas Duning. Er ist Chefarzt der Klinik für Neurologie am Klinikum Bremen-Ost. Den Auslöser dafür herauszufinden, sei jetzt Aufgabe der Fachärzte. Dass sie aber einen Gedächtnisverlust mit den entsprechenden Auswirkungen hatte, ist durchaus im Bereich des Möglichen. Eine akute Gehirnerkrankung sei sehr unwahrscheinlich.

Gedächtnisverlust durch Corona und Stress?

Thomas O. ist erleichtert, dass seine Tochter wieder da ist. Seine Vermutung: Vielleicht haben Corona und der Schulstress den Gedächtnisverlust ausgelöst. Vielleicht habe das Gehirn in eine Art Schutzmodus geschaltet. Eigentlich sei sie aber eine gute und vorbildliche Schülerin gewesen. Die Möglichkeit, dass vielleicht doch eine Straftat vorliegt, hält O. für nicht sehr wahrscheinlich. Aber klar, zum Beispiel wären K.O.-Tropfen nach sechs bis acht Stunden nicht mehr nachweisbar, merkt er an. Und er erzählt, dass die Familie eigentlich schon im letzten Jahr ins Disneyland Paris in den Urlaub fahren wollte. Vielleicht habe ihr das noch im Hinterkopf herumgespukt.

Das Stress-Argument geht Thomas Duning nicht weit genug. "Ob der Stress, der geschildert wurde, der Trigger ist, das wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich gibt es dann doch psychosoziale Konflikte, die vorher da waren", meint er. Diese könnten aber zum Beispiel durch Corona verstärkt worden sein. Ob der Gedächtnisverlust komplett behoben werden könne, sei von der Therapie abhängig und wie gut die Patientin mitmacht.

Ermittlungen zunächst abgeschlossen

Isabella aus Celle war mehr als zwei Wochen lang vermisst. Mit diesem Bild wurde nach ihr gesucht,
Isabella aus Celle war mehr als zwei Wochen lang vermisst.
© Polizeiinspektion Celle

Die Polizei Celle hat die Ermittlungen weitestgehend abgeschlossen, die Sonderkommission ist laut Pressesprecherin Birgit Insinger im Begriff, sich aufzulösen. Die Ermittler hätten versucht, den Weg der Schülerin nach Frankreich nachzuvollziehen, ob ihr vielleicht auf dem Weg irgendwas zugestoßen sein könnte. "In der Hinsicht haben wir keine Erkenntnisse erlangen können", sagt Insinger. "Es mag vielleicht seltsam klingen, aber für uns ist das dann jetzt auch erledigt." Die Gefahrenabwehr sei erledigt, Isabella sei wieder da. "Wenn Isabella sich erinnern würde und sagen würde, "mir hat da jemand irgendwas angetan", dann kämen wir natürlich wieder ins Spiel."

Vorwürfe kann sich Thomas O. laut eigener Aussage eigentlich nicht machen, weil es wohl keine Anzeichen gegeben habe, dass es Isabella vielleicht nicht gut gehen könnte. Er hofft, dass irgendwann alles wieder normal wird. Und vielleicht kann Isabella sich schon bald tatsächlich wieder erinnern und erzählen, was am 22. März dieses Jahres passiert ist.

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