Thema in "Tatort: König in Gelb"Maria Furtwängler: "Herzzerreißende" Erinnerungen an Demenz des Vaters

Maria Furtwängler wird als Kommissarin Charlotte Lindholm in "König in Gelb" mit einer persönlichen Geschichte konfrontiert (am 13. September, 20:15 Uhr, im Ersten).
Maria Furtwängler wird als Kommissarin Charlotte Lindholm in "König in Gelb" mit einer persönlichen Geschichte konfrontiert (am 13. September, 20:15 Uhr, im Ersten).
NDR/Frizzi Kurkhaus

Im "Tatort: König in Gelb" ermittelt Charlotte Lindholm in einem Demenzdorf an der Seite eines Kollegen, der selbst erkrankt ist. Maria Furtwängler kennt das Thema aus der eigenen Familie: Ihr Vater starb 2012 an Demenz. Im Interview erzählt sie, was sie im Umgang mit ihm gelernt hat.

In ihrem 33. "Tatort"-Fall "König in Gelb" wird Charlotte Lindholm alias Maria Furtwängler, die am heutigen Sonntag 60 Jahre alt wird, diesmal in ein Demenzdorf gerufen. Dort wurde eine Bewohnerin tot aufgefunden - doch war es wirklich ein Unfall? Hauptkommissar Matthias Vogel (Andreas Lust, 59) bezweifelt das, denn er vermutet in dem Dorf einen Serienmörder. Doch Vogel leidet tatsächlich selbst an einer fortschreitenden Demenz und bringt seine Kollegin damit immer wieder an ihre Grenzen. Je länger Lindholm ermittelt, desto weniger traut sie ihrer eigenen Erinnerung.

Für Maria Furtwängler ist das Thema auch ein persönliches: Ihr eigener Vater war an Demenz erkrankt und starb 2012 an der Krankheit. "Ich war sehr berührt, diese Verzweiflung zu sehen, dass etwas verloren geht und man es nicht mehr im Griff hat", sagt Furtwängler im Interview mit spot on news über die Erinnerungen, die sie ans Set mitbrachte. "Daran erinnere ich mich schon auch bei meinem Vater und das war herzzerreißend."

Im Gespräch erzählt die Schauspielerin außerdem, was den Film sonst noch besonders macht, was sie sich nicht von ihrer Mutter Kathrin Ackermann (88) abschauen möchte, die nach fünf Jahren wieder ihre Film-Mutter spielt, und warum bei aller Schwere auch das Lachen dazugehört.

"König in Gelb" ist ein sehr spezieller "Tatort", der das Thema Demenz in den Vordergrund stellt. Was macht diesen Film für Sie so besonders?

Maria Furtwängler: Erst mal erzählt er von einer sehr besonderen Beziehungsgeschichte zwischen zwei Kommissaren, die eben deshalb so schwierig ist, weil dem Kollegen das verloren geht, was kommissarische Arbeit eigentlich ausmacht: Der klare Verstand. Das ist eine Herausforderung für beide Seiten. Zudem erhebt sich der Film nicht, wie so oft, über die Demenz, sondern sie ist essenzieller Bestandteil der Geschichte und ihrer Entwicklung. Ich finde, es ist dem Autor Alexander Adolph - er hat ja auch Regie geführt - sehr, sehr gut gelungen, das wirklich zu verweben. Und deshalb ist es ein besonderer Film.

Der "Tatort" spielt permanent mit der Frage: Was ist Erinnerung, Wahrheit und was vielleicht nur Einbildung? Wie war es für Sie, Charlotte Lindholm einmal selbst an ihrer Wahrnehmung zweifeln zu lassen?

Furtwängler: Das war reizvoll, weil wir das doch alle kennen: Man geht in den nächsten Raum und denkt, verdammt noch mal, was wollte ich hier grad wieder? Und plötzlich ist das dieses dumpfe Gefühl: Ist in meiner Rübe noch alles in Ordnung? Charlotte kennt dieses Gefühl so gut, weil sie so von ihrem scharfen Verstand abhängig ist und sich normalerweise immer darauf verlassen kann. Diese Angst projiziert sie dann auch auf ihre Mutter. Das finde ich auf jeden Fall sehr nachvollziehbar, sehr menschlich. Und ich finde es auch sehr menschlich, dass man am Anfang mit so einer gewissen Ungeduld auf den dementen Kollegen reagiert - aber am Ende, typisch Lindholm, doch von seinem Spürsinn angefixt ist. Sie lässt sich in einem bei ihr sonst so sicheren Gebiet auf einen echten Rollercoaster von Gefühlen und Situationen ein.

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Sie haben eine private Vorgeschichte mit dem Thema Demenz, auch Ihr eigener Vater war erkrankt. Hat der "Tatort" Erinnerungen an die Zeit mit ihm hervorgebracht?

Furtwängler: Ja, auf jeden Fall. Sowohl was eben diese Ungeduld und Gereiztheit gegenüber einem Menschen, der nicht mehr "normal" funktioniert, betrifft, als auch natürlich in der Ergriffenheit. Ich war sehr berührt, diese Verzweiflung zu sehen, dass etwas verloren geht und man es nicht mehr im Griff hat. Daran erinnere ich mich schon auch bei meinem Vater und das war herzzerreißend.

War das auch die größte Herausforderung im Umgang mit ihm?

Furtwängler: Ich habe gelernt, dass ich mich konzentrieren muss auf das, was noch funktioniert, und nicht dauernd auf das, was alles nicht mehr funktioniert und was brüchig ist, weil es den Umgang sonst so schwer macht. Und das muss auch Charlotte mühsam lernen: Ich kann den nicht zwingen, jetzt mal endlich richtig zu schlafen, damit er dann richtig nachdenkt und mir endlich eine richtige Antwort gibt. Das funktioniert nicht.

Der Film erlaubt sich trotz des ernsten Themas immer wieder komische Momente - etwa wenn auch Charlotte plötzlich "Karotte" wird. Spielte das auch bei Ihrer persönlichen Erfahrung eine Rolle?

Furtwängler: Auf jeden Fall. Das ist eine große Qualität dieses Films: Er macht sich nie lustig über den Charakter seiner Figuren, über die Demenzkranken insgesamt, aber es entstehen eben absurde Situationen. Auch durchaus seinerzeit mit meinem Vater. An diesem Punkt wusste man dann gar nicht: Lacht er jetzt über sich oder darüber, dass ich so lache? Aber das spielt dann auch keine Rolle, weil Lachen immer befreiend ist.

Nach Jahren standen Sie im "Tatort" mal wieder mit Ihrer Mutter vor der Kamera. Wie waren die gemeinsamen Momente?

Furtwängler: Das war schön! Und ehrlich gesagt passte die Art, wie sie im Film spricht - "erschieß mich!", wenn sie irgendwann auch dement werden sollte - eins zu eins zu meiner Mutter. Sie hat so eine Schroffheit dem Nicht-Funktionieren gegenüber. Da wünsche ich mir, dass ich selber im Umgang mit anderen und auch mit mir selber weniger streng bin als meine Filmmutter und wahrscheinlich auch als meine wirkliche Mutter.

Das heißt, Sie können sich das als Vorbild nehmen, wie Sie es nicht machen wollen?

Furtwängler: Als Vorbild kann ich meine Mutter sicher in vielerlei Hinsicht nehmen. Sie ist ja mit ihren 88 Jahren unglaublich fit, körperlich und geistig, und hat einen wahnsinnigen Bewegungsdrang. Und der ist mir absolut vererbt worden. Aber sie hat als Teil der Nachkriegsgeneration auch einfach Dinge erlebt, von denen meine Generation keine Ahnung hat. So eine Strenge mit sich, eine eiserne Disziplin und Bescheidenheit - da sind so ein paar Sachen, die heute sicher nicht mehr so präsent sind.

Charlotte Lindholm war zuletzt aber auch eher streng mit sich und klammerte sich an feste Routinen. Wie geht es mit ihr weiter?

Furtwängler: Das ist eine gute Frage. Sicherlich spannend. Man kann ihr ja Einiges vorwerfen, aber lernfähig war und ist sie immer.

Das war inzwischen Ihr 33. "Tatort". Was reizt Sie noch an Ihrer Arbeit als Kommissarin?

Furtwängler: Ich finde es einfach sehr, sehr reizvoll, was man mit dieser Figur, mit diesem Format alles machen und erzählen kann. Ich wünsche Charlotte aber auch mal was Schönes, ein bisschen Liebe. Ich würde sie gerne mal glücklich sehen.