Zwischen Flucht und WeltruhmMartina Navratilova wird 70: Ein Leben nach eigenen Regeln

Tennislegende Martina Navratilova feiert ihren 70. Geburtstag.
Tennislegende Martina Navratilova feiert ihren 70. Geburtstag.
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Ihr Spiel war offensiv, ihr Leben auch. Martina Navratilova hat nie darauf gewartet, dass andere die Richtung vorgeben. Nach ihrer Flucht aus der damaligen Tschechoslowakei prägt sie den Tennissport über Jahrzehnte, besiegt den Krebs und findet ihr privates Glück. Am Sonntag wird sie 70 Jahre alt.

"Der Tennisball weiß nicht, wie alt ich bin." Dieser Satz ist weit mehr als eine trotzige Reaktion auf das Älterwerden. Er beschreibt Martina Navratilovas Lebensprinzip: Warum sollte sie sich von äußeren Umständen aufhalten lassen? Mit 18 Jahren flieht sie aus dem Sozialismus in den Kapitalismus. Sie liefert sich packende Duelle mit ihrer US-amerikanischen Dauerrivalin Chris Evert (71) und läuft ihr schließlich den Rang ab. Ihre Liebe zu Frauen wird öffentlich - zu einer Zeit, in der Homosexualität im Spitzensport noch weitgehend tabuisiert ist. Sie wird zur Messlatte für den Aufstieg der deutschen Tennis-Heldin Steffi Graf (57). Und sie besiegt den Krebs, um danach umso entschlossener zurückzukehren. Am 18. Oktober feiert Martina Navratilova, eine lebende Legende des Sports, ihren 70. Geburtstag.

Asylantrag in den USA mit 18 Jahren

Dass Martina Navratilova einmal zu einem Symbol für Selbstbestimmung werden würde, war keineswegs vorgezeichnet. Sie wird 1956 als Martina Subertova in Prag geboren. Ihre Eltern lassen sich scheiden, als sie drei Jahre alt ist. Ihre Mutter heiratet 1962 den Tennistrainer Miroslav Navratil. Seitdem heißt sie Navratilova. Als Jugendliche fasst sie den Entschluss, Tennisprofi zu werden. Mit 15 ist sie tschechische Meisterin und trifft mit 17 zum ersten Mal auf ihre spätere Dauer-Konkurrentin Chris Evert. 1975, mit gerade einmal 18 Jahren, bleibt sie nach den US Open in den Vereinigten Staaten und bittet um politisches Asyl.

Es ist weit mehr als eine Entscheidung für ihre sportliche Karriere: Es ist ein radikaler Bruch mit ihrem bisherigen Leben. Sie verlässt ihre Heimat, um ihre Zukunft als Tennisspielerin selbst bestimmen zu können. In den USA wird aus der jungen Sportlerin schnell eine Projektionsfläche. Auf der einen Seite die strahlende Amerikanerin Chris Evert, auf der anderen Navratilova, die aus dem Ostblock in den vermeintlich goldenen Westen geflohen ist. "Ich war die Vorzeige-Kommunistin, die über Nacht zur Kapitalistin wird. Es gab nichts dazwischen", sagt sie 2026 in einem Interview mit dem US-Sender PBS. "Dabei bin ich beides nicht."

Ihre Liebe zu Frauen wird bekannt

Auch abseits des Tennisplatzes widersetzt sich Navratilova gesellschaftlichen Erwartungen. 1981 wird ihre Homosexualität öffentlich bekannt - allerdings nicht aus freien Stücken. Nachdem sie sich gegenüber einem Journalisten zu ihrer sexuellen Orientierung geäußert hat, werden ihre Aussagen gegen ihren Willen veröffentlicht. Zu einer Zeit, in der Homosexualität im Spitzensport noch weitgehend tabuisiert ist, hat das auch berufliche Folgen: Trotz ihrer sportlichen Erfolge fällt es ihr schwer, lukrative Sponsorenverträge zu gewinnen.

Später setzt sich Navratilova öffentlich für die Rechte homosexueller Menschen und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein. Dabei geht es ihr nach eigenen Worten nicht darum, besonders mutig zu erscheinen, sondern ihren Überzeugungen treu zu bleiben. "Ich habe immer versucht, das Richtige zu tun. Nicht das, was besonders populär ist", sagt sie 2022 im Gespräch mit dem "Guardian".

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Fitness und mentale Stärke als Superkräfte

18 Grand-Slam-Titel im Einzel, neun Wimbledon-Siege und insgesamt 59 Grand-Slam-Titel im Einzel, Doppel und Mixed: Mit dieser Bilanz zählt Martina Navratilova zu den erfolgreichsten Spielerinnen der Tennisgeschichte. Beeindruckende 332 Wochen steht sie an der Spitze der Weltrangliste.

Doch Navratilova setzt nicht nur mit ihren Erfolgen Maßstäbe. Wie kaum eine andere Spielerin lotet sie die Grenzen des sportlich Machbaren aus. Schon früh setzt sie auf systematisches Kraft- und Ausdauertraining, bewusste Ernährung und Sportpsychologie. Ihre außergewöhnliche Fitness verschafft ihr einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Damit prägt sie ein Verständnis von professionellem Tennissport, das heute selbstverständlich erscheint.

Ihre körperliche Fitness und mentale Stärke bleiben ihr bis ins hohe Tennisalter erhalten. 2004 gewinnt sie mit 47 Jahren in Wimbledon noch einmal ein Einzelmatch. "Der Tennisball weiß nicht, wie alt ich bin", sagt sie damals. Zwei Jahre später holt sie bei den US Open ihren letzten Grand-Slam-Titel im Mixed - nur wenige Wochen vor ihrem 50. Geburtstag.

Messlatte für Steffi Graf

Wer in Deutschland an Martina Navratilova denkt, dem kommt unweigerlich auch Steffi Graf in den Sinn. In den späten 1980er-Jahren wird Navratilova zur großen, erfahrenen Rivalin des deutschen Tennis-Wunderkinds. Für Graf führt der Weg an die Weltspitze über die Amerikanerin, die ihren Platz auf dem Tennis-Thron keineswegs kampflos räumen will. 1987 besiegt Graf ihre Konkurrentin im Finale der French Open und gewinnt damit ihren ersten Grand-Slam-Titel. Doch Navratilova hält dagegen: 1987 setzt sie sich in Wimbledon noch einmal gegen Graf durch. Erst danach verschiebt sich das Kräfteverhältnis zugunsten der jungen Deutschen. Während das deutsche Publikum die Erfolge seiner neuen Tennis-Heldin feiert, wächst zugleich der Respekt vor ihrer großen Rivalin, die den Sport über Jahrzehnte geprägt hat.

Lange bevor Steffi Graf zu ihrer größten Herausforderin wird, liefert sich Martina Navratilova mit Chris Evert eine der berühmtesten Rivalitäten der Tennisgeschichte. Insgesamt 80-mal stehen sich die beiden auf dem Platz gegenüber. Mit ihren unterschiedlichen Spielstilen und Persönlichkeiten sorgen sie für unvergessliche Duelle und treiben sich gegenseitig zu Höchstleistungen an. "Wir haben uns gegenseitig besser gemacht", sagt Navratilova rückblickend.

Aus der sportlichen Rivalität entwickelt sich im Laufe der Jahre eine tiefe Freundschaft. Besonders eng rücken die beiden zusammen, als sie mit schweren Erkrankungen konfrontiert werden. Navratilova kämpft 2010 gegen Brustkrebs und 2022 gegen Brust- und Rachenkrebs. Chris Evert erhält im Dezember 2021 die Diagnose Eierstockkrebs. Im Juni 2026 wird eine erneute Rückkehr der Krankheit bei ihr bekannt.

Wie viel Halt sie einander geben, belegt ein Ausschnitt der Netflix-Doku "Chris & Martina: The Final Set". Darin scherzen sie darüber, dass sich ihr einstiger Konkurrenzkampf selbst während ihrer Krebserkrankungen fortgesetzt habe. Evert ahmt Navratilova nach: "Ich habe meine Haare verloren - ich auch. Ich habe 20 Pfund verloren - ich 30." Beide brechen in Gelächter aus. Doch hinter dem Humor steckt eine tiefe Verbundenheit. "Wenn ich an ihre Reise mit dem Krebs denke, hilft mir das für meine Reise", sagt Evert.

Neues Lebenskapitel mit Frau und Kindern

Privat hat Navratilova vor zwölf Jahren noch einmal ein ganz neues Lebenskapitel aufgeschlagen. Mit ihrer Frau Julia Lemigova (54) lebt sie in Miami. Lemigova ist ein früheres Model und bekannt aus dem Reality-Format "The Real Housewives of Miami". Die beiden heiraten 2014. Im Juli 2023 gibt ihre Frau via Instagram bekannt, dass Navratilova den Krebs überwunden hat. Im August 2024 adoptieren sie zwei Jungen, deren Namen sie aus der Öffentlichkeit heraushalten. Für Navratilova bedeutet das mit 67 noch einmal den Alltag mit zwei kleinen Kindern.

Dem Tennissport ist sie bis heute eng verbunden und kommentiert weiterhin große Turniere. Daneben genießt sie das Leben mit ihrer Familie in Florida, wie Einblicke auf Instagram zeigen.

Auf dem Tennis-Court hat Navratilova stets das Heft des Handelns in der Hand behalten. Serve-and-Volley, Aufschlag und Punkt am Netz - das war ihr Spiel. Auch mit 70 will Navratilova selbst bestimmen, welchen Weg sie im Leben einschlägt. Dafür hat sie lange gekämpft.

(jök/obr/spot)