Erster öffentlicher Auftritt nach dem Suizid-VersuchWolfgang Grupp „würde am liebsten alles ungeschehen machen”

von Lydia Gleich und Nina Erdmann

Er ist zurück - unterhaltsam wie immer!
Es ist sein erster öffentliche Auftritt nach seinem Suizid-Versuch Mitte vergangenen Jahres: Wolfgang Grupp, Ex-Chef des Modeherstellers Trigema, war zu Gast in Gregor Gysis Talk-Veranstaltung „Gysis Begegnungen“. Hier hat er ganz offen über sein Leben erzählt, von der Kindheit im zweiten Weltkrieg, über seine Schulzeit im Internat bis hin zu der Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu setzen.

„Ich würde am liebsten alles ungeschehen machen.”

Die Schlange vor dem Kunstmuseum Tübingen ist lang. Über 400 Zuschauer sind ins Neue Kunstmuseum gekommen, so viele wie noch nie. Gastgeber Gregor Gysi wartet vor der Tür, als die Limousine von Wolfgang Grupp vorfährt. Die beiden Männer scheinen sich auf ihr Gespräch zu freuen: „Das ist doch schön, dass wir uns mal wieder begegnen.” sagt Wolfgang Grupp beim Händeschütteln. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt nach dem versuchten Selbstmord Mitte vergangenen Jahres. Vielleicht auch deshalb zeigt Gregor Gysi auf unseren Kameramann und sagt: „Ich schütze Sie vor den Medien. Also ich versuche es zumindest.” Wolfgang Grupp schlüpft noch schnell in sein dunkelblaues Jacket, das er für die Autofahrt ausgezogen hat und knöpft es zu. Immer elegant, mit rosa Einstecktuch und rosa Krawatte - so wie man ihn kennt. Beim Reingehen sagt Grupp: „Ich habe noch Beschwerden. Ich höre nicht mehr so hundertprozentig. Ich würde am liebsten alles ungeschehen machen. Aber das ist nicht mehr möglich.”

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Dankbar für sein „nicht ganz so schlechtes Leben”

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Bei Gregor Gysi gibt Wolfgang Grupp gibt Einblick in sein Leben.
Bernd Weißbrod/dpa

Erst ein Mal haben sich Gregor Gysi und Wolfgang Grupp vorher getroffen, wirklich gut kennen sie sich nicht. Im Vorfeld der Talk-Runde hatten sie allerdings telefoniert – auch um klarzustellen, dass es zumindest eine Frage zu Wolfgang Grupps Selbstmordversuch geben wird. Doch das Gespräch beginnt bei Wolfgang Grupps Kindheit, denn Gysi will versuchen, die Lebensgeschichte des bekannten Unternehmers nachzuzeichnen. Die beiden reden über die Weltkriegs-Kindheit unter französischer Besatzung, die Schulzeit im Internat und die starke Verbundenheit zu seiner Heimat: „Burladingen ist meine Heimat und ich würde die mit keiner Stadt in Deutschland tauschen.” Zu dem berühmten TV-Spot mit dem Trigema-Schimpansen sagt Grupp, er habe den Affen nie gesehen. Grupp erzählt, er sei gläubiger Katholik, habe sogar eine eigene Hauskapelle. Jeden Tag gehe er dorthin, um kurz in sich zu gehen und zu danken, „weil ich ja doch kein so schlechtes Leben habe.” Erst als es um sein Hobby, das Jagen, geht, spricht Wolfgang Grupp zum ersten Mal öffentlich über die dunkelste Zeit seines Lebens. Im Juli 2025 versucht er sich das Leben zu nehmen, wird schwer verletzt mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht. An seinen Suizidversuch mag er gar nicht denken, sagt Grupp. Er habe danach seinen Jagdschein abgegeben und habe jetzt neue Prioritäten. Gysi fragt, ob es ein Fehler war und er sein Leben jetzt genießt – daraufhin nickt Grupp stumm. Tosender Applaus im Publikum.

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Gysi versteht, wieso Wolfgang Grupp so verzweifelt war

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Gregor Gysi kann nachvollziehen, was Wolfgang Grupp zu seinem Selbstmord-Versuch getrieben hat.
Bernd Weißbrod/dpa

Wolfgang Grupp hat sich entschlossen, uns nach der Veranstaltung kein Interview mehr zu geben. Gregor Gysi fasst zusammen, was er mitgenommen hat: „Also, dass er [Grupp] ein entschlossener, willensstarker Mensch war, der aber die Abgabe des Unternehmens zunächst nicht richtig verkraften konnte. Wenn Du so viel Verantwortung hast und du bist die los und du liebst keine Opern, du gehst nicht ins Theater und so weiter, dann entsteht so eine Leere. Und die haben zu dem [Suizid-]Versuch geführt, den er inzwischen bereut.” Diese Leere, wenn der Power-Job endet, sagt Gysi, habe schon manche Entscheider krank gemacht. „Deshalb denke ich auch bei mir darüber nach, wie man Schritt für Schritt Dinge abgibt, aber nicht alles auf einmal.” Jemand wie Wolfgang Grupp, der über 50 Jahre für den Erfolg seiner Firma, die Existenz von hunderten Mitarbeitern verantwortlich gewesen ist, könne nicht von heute auf Morgen nichts tun: „Wenn er mich gefragt hätte, hätte ich ihm gesagt: Sie müssen sich irgendwas suchen, sie brauchen eine Aufgabe, sie können nicht nur den ganzen Tag zuhause sitzen.” Gysi meint, Wolfgang Grupp sei über diesen Abgrund hinweg und er habe begriffen, wie weitreichend die Konsequenzen gewesen wären: „Es geht auch um seine Familie, es geht um viele andere, die ganz schwer mit so einem Suizid leben können. Und ich glaube, das hat er mittlerweile verstanden.”

Hier findet ihr Hilfe in schweren Zeiten

Solltet ihr selbst von Suizidgedanken betroffen sein, sucht euch bitte umgehend Hilfe. Versucht, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch die Möglichkeit, anonym mit anderen Menschen über Ihre Gedanken zu sprechen. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

Wenn ihr schnell Hilfe braucht, dann findet ihr unter der kostenlosen Telefon-Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Menschen, die euch Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Verwendete Quellen: RTL-Recherche