Tour de FranceWillkommen im Club - Pogacar zum fünften Mal Tour-Champion

Der slowenische Ausnahmekönner ist im Radsport-Olymp angekommen. Mit fünf Toursiegen steht er auf einer Stufe mit Eddy Merckx und drei weiteren. Auf der Schlussetappe triumphiert Mathieu van der Poel.
Tadej Pogacar reckte auf den Champs Élysées fünf Finger in den wolkenverhangenen Pariser Abendhimmel, dann startete der Radstar Arm in Arm mit seinen Teamkollegen die große Party.
Zuvor hatte der Weltmeister beim Finale furioso der Tour de France in Paris noch für ein atemberaubendes Kletter-Spektakel in Montmartre gesorgt, auch wenn ihm der Prestigesieg auf dem Prachtboulevard verwehrt blieb. Den holte sich auf maximal packende Art und Weise Klassiker-Rivale Mathieu van der Poel. Für Pogacar allenfalls ein kleiner Schönheitsfehler vor seiner großen Krönung im Schatten des Arc de Triomphe.
Pogacar: So kannst du eigentlich kein Drehbuch schreiben
„Es war ein großartiger Tag. Ich bin sprachlos. Ich bin froh, dass es vorbei ist, dass ich zum fünften Mal gewonnen habe“, sagte Pogacar. Mit dem fünften Gesamtsieg bei der Frankreich-Rundfahrt hat Pogacar Radsport-Geschichte geschrieben.
Fortan gehört er dem exquisiten Kreis der Fünffach-Sieger mit der belgischen Ikone Eddy Merckx, den beiden Franzosen Jacques Anquetil und Bernard Hinault sowie dem Spanier Miguel Indurain an. Dem Amerikaner Lance Armstrong wurden alle sieben Triumphe im Nachhinein wegen Dopings aberkannt.
„Es ist jeder Sieg besonders. Siebenmal die Tour gefahren, siebenmal Podium. So kannst du eigentlich kein Drehbuch schreiben, es ist unglaublich“, ergänzte Pogacar, für den der Tag gemächlich begonnen hatte. Bei seiner Tour d'Honneur winkte er noch stolz ins Publikum, ehe er wieder in den Angriffsmodus schaltete. Sein deutscher Temkollege Nils Politt kündigte bereits für die Feierlichkeiten an: „Der ein oder andere Korken wird knallen.“
Der „Menschenfresser“, wie das renommierte Tour-Organ „L'Équipe“ Pogacar bewundernd beschrieb, hat die Tour auf den 3245 Kilometern von Barcelona nach Paris wieder einmal beherrscht. Fünf Etappensiege, über sechs Minuten Vorsprung im Gesamtklassement auf den zweitplatzierten Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel und famose Kletterrekorde in den Alpen und Pyrenäen. Pogacar fuhr wieder einmal in einer eigenen Liga. Ihm zu folgen sei eine „Mission impossible“ gewesen, gestand Evenepoel ein.
Merckx glaubt an weitere Siege
Laut Merckx ist ein Ende der Regentschaft Pogacars noch lange nicht in Sicht. „Ich glaube nicht, dass er sich damit begnügen wird, mit mir und den anderen Champions gleichzuziehen. Bald wird er unseren Rekord an Tour-Siegen brechen“, sagte der 81 Jahre alte Belgier der „Gazzetta dello Sport“.
Erklärungen für seine Dominanz hat Pogacar kaum. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich seit 2024 wesentlich stärker geworden bin. Aber ich habe mehr Erfahrung; kleine Dinge verbessern sich nach wie vor. Es kommt auf die Details an“, sagte der slowenische Ausnahmekönner.
Streckenverkürzung wegen der Waldbrände
Seine Krönungsfahrt am Sonntag musste kurzfristig umgestaltet werden. Wegen der heftigen Waldbrände bei Bordeaux wurde die letzte Etappe verkürzt und komplett in Paris ausgetragen. Das Innenministerium hatte einen Teil der für die letzte Etappe eingeteilten Sicherheitskräfte abgezogen, um die Einsatzkräfte in den betroffenen Gebieten zu verstärken. So wurde der Startort Thoiry gestrichen, stattdessen gab es in Paris 88,7 statt 133 Kilometer.
Dazu wurden die Zeiten vor dem Spektakel mit drei Überquerungen des Montmartre-Hügels eingefroren, somit bestand keine Gefahr mehr von Zeitverlusten. Max Kanter sorgte mit dem vierten Platz noch für einen Achtungserfolg. Trotzdem endete wieder eine Tour ohne deutschen Etappensieg. Der letzte Erfolg liegt bereits fünf Jahre zurück, als Pogacar-Helfer Nils Politt in Nimes triumphierte.
Lipowitz auf dem Weg der Besserung
Dazu kam der verhängnisvolle Sturz des Vorjahresdritten Florian Lipowitz, der im Einzelzeitfahren einen Schlüsselbeinbruch erlitt. Der Bergspezialist musste sich das Tour-Finale daheim anschauen. „Mir geht es den Umständen entsprechend ganz gut. Die OP ist gut verlaufen. Ich bin jetzt schon wieder daheim und fokussiere mich auf die Erholung“, sagte Lipowitz, der während der Schlussetappe am Sonntag in der ARD telefonisch zugeschaltet wurde.
Zu seinen Comeback-Plänen äußerte sich der 25-Jährige noch vage. „Ich freue mich, wenn ich wieder ganz schmerzfrei bin. Ich habe noch mit den Rippen und dem Atmen zu kämpfen“, sagte Lipowitz. Bundestrainer Jens Zemke hofft, dass der 25-Jährige für die WM wieder bereitsteht. „Ich sehe es schon als realistisch an. Ein Schlüsselbeinbruch ist nicht das Ende der Welt“, sagte Zemke der dpa.
Vermutlich hätte es für Lipowitz auch ohne Sturz nicht für das Podium gereicht. Sein Teamkollege Evenepoel hinterließ den stärkeren Eindruck. Eine spannende Konstellation, was die Kapitänsrolle zukünftig im Red-Bull-Team betrifft. Auch der drittplatzierte Mexikaner Isaac del Toro war in den Bergen Lipowitz voraus, zumal er mitunter auch Kapitän Pogacar als Edelhelfer an seiner Seite hatte.
So ließ Pogacar noch weitere Etappensiege liegen. Bei 26 Tour-Tageserfolgen steht der Slowene inzwischen. Nur noch Ex-Sprintstar Mark Cavendish (35), Merckx (34) und Hinault (28) stehen vor ihm. Geht der 27-Jährige in dem Tempo weiter zur Sache, könnte der Rekord schon in zwei Jahren fallen.
Pantani-Rekord geknackt
Sein Meisterstück hatte Pogacar auf den 21 berühmtesten Serpentinen der Welt ins Radsport-Mekka Alpe d'Huez hinauf abgelegt, als er dreieinhalb Minuten auf eine starke Ausreißergruppe aufholte. Damit pulverisierte er auch den 31 Jahre währenden Rekord von Marco Pantani.
35:26 Minuten für den 13,8 Kilometer langen Schlussanstieg, ein Schnitt von mehr als 23 km/h, 1:24 Minuten schneller als 1995 die italienische Legende - für viele Experten eine unmenschliche Leistung.
Schon am Col du Tourmalet in den Pyrenäen hatte Pogacar eine neue Bestleistung aufgestellt. „Rekorde interessieren mich nicht, es geht mir um den Sieg“, sagt Pogacar in seiner bescheidenen Art.
Teamchef: „Hat Aura wie Federer“
Pogacar setzt im Radsport neue Maßstäbe. Er gewinnt Rennen mit langen Solofahrten oder zur Not auch im Sprint. „Pogi ist inzwischen zu einer weltweiten Persönlichkeit geworden“, schwärmte sein Teamchef Mauro Gianetti: „Er hat die Aura, das Charisma, die Anziehungskraft eines Roger Federer. Er ist eine Ikone.“
Die Dominanz von Pogacar gefällt jedenfalls nicht jedem. Auch am Straßenrand gab es bisweilen Buhrufe für den Unersättlichen. „Das macht uns nur stärker“, entgegnete Pogacar: „Wenn mich jemand ausbuht, denke ich an Novak Djokovic und lasse mich von ihm inspirieren.“ Auch der serbische Tennisstar hat nicht nur Anhänger. 99 Prozent der Leute seien ihm aber positiv gestimmt, merkte Pogacar an.
