Tour de FranceNach Evenepoel-Ärger über Lipowitz: Team will Wogen glätten

Schon am sechsten Tag der Tour regt sich Evenepoel über Kollege Lipowitz auf. Das Team gibt sich betont gelassen. Aber wie funktioniert das Duo bei der nächsten Prüfung?
Am Morgen nach dem ersten Krach zwischen Remco Evenepoel und Florian Lipowitz bei der Tour de France war am Teamhotel von Red Bull nichts mehr von Krisenstimmung zu spüren. Gelassen bereiteten die Mitarbeiter alles für die Abfahrt zum Start der nächsten Etappe mit Ziel in der Weinmetropole Bordeaux vor. Der australische Radprofi Jai Hindley schlenderte über den Parkplatz der Unterkunft, in der auch das Team von Tour-Dominator Tadej Pogacar untergekommen war.
Teamchef Ralph Denk wollte im Podcast „Inside Red Bull-Bora-Hansgrohe“ den Ärger des Belgiers über aus seiner Sicht fehlende Hilfe seines deutschen Co-Kapitäns nicht überbewerten - und erklärte die Causa für beendet. „Die beiden Jungs haben darüber gesprochen. Da ist jetzt nichts Großes“, sagte er. Beide hätten zusammen gegessen und gelacht. Das deckt sich mit dpa-Informationen. Über den Vorfall kann offenbar intern schon gescherzt werden. Der 26 Jahre alte Evenepoel ist bekannt dafür, direkt nach Etappen mitunter hitzig zu reagieren, sich dann aber wieder zu beruhigen.
„Das Thema wird größer gemacht aktuell, als es in Wirklichkeit war“, sagte Denk. Eine Sprachbarriere habe bei der Uneinigkeit eine Rolle gespielt, das Ganze sei „auch im Eifer des Gefechts“ passiert. „Das war nach über 180 Kilometern Bergetappe“, fügte der 52-Jährige hinzu.
Auch wenn die Wogen nach dem Vorfall geglättet scheinen, werden die nächsten Wochen spannend. Wie geht der eher ruhige Lipowitz, der sich vor allem auf Radsport konzentrieren will und nach außen Harmonie verbreitet, mit der auch öffentlich fordernden Art seines impulsiven Kollegen um? Wie reagiert Evenepoel, wenn sich in den Alpen der Eindruck bestätigt, dass der Deutsche dort besser ist?
Evenepoel: „Das hat mich geärgert“
Der Belgier hatte Lipowitz nach der Bergankunft in Gavarnie-Gédre deutlich kritisiert. „Ja, ich war sauer - und zwar zu Recht. Bei der Katalonien-Rundfahrt bin ich 30 Kilometer lang für ihn an der Spitze gefahren. Ich habe um einen Kilometer Führungsarbeit gebeten, aber das ging nicht. Das hat mich geärgert, und das ist etwas, das wir heute Abend gründlich besprechen müssen“, wurde Evenepoel in den belgischen Medien zitiert.
Hintergrund ist die Verfolgungsjagd auf der sechsten Etappe nach der Abfahrt vom Pyrenäen-Giganten Tourmalet. Evenepoel und Lipowitz waren in einer acht Fahrer großen Gruppe hinter dem enteilten Tagessieger Tadej Pogacar und dem zweitplatzierten Jonas Vingegaard unterwegs.
Zumindest Vingegaard hätte die Gruppe einholen können, am Ende fehlten aber 19 Sekunden zum dänischen Giro-Sieger. Pogacar hatte fast drei Minuten Vorsprung auf Evenepoel und Co. Der Belgier leistete in der Gruppe die meiste Führungsarbeit, wie auch Denk sagte.
Offenbar wollte Evenepoel vor allem, dass ihm der Deutsche den Sprint um die Bonussekunden im Ziel anzieht. „Ich habe um einen Leadout gebeten und keinen bekommen“, zitierte ihn das Portal „Sporza“. Lipowitz selbst hatte nach dem Zieleinlauf noch erklärt, dass die Zusammenarbeit mit Evenepoel gut geklappt habe. „Ich glaube, wir können zuversichtlich sein“, meinte der 25-Jährige.
In der Gesamtwertung liegen beide Fahrer unter den besten zehn. Evenepoel hat als Vierter 3:30 Minuten Rückstand auf Pogacar, Lipowitz liegt auf Rang sieben mit vier Minuten Abstand zum Slowenen. Die Teamkollegen haben also noch gute Chancen auf das Podium.
Ungleiches Duo wird auf die Probe gestellt
Im Vorfeld der Tour hatte Teamchef Ralph Denk noch alle Bedenken über mögliches Konfliktpotenzial beiseitegeschoben. Evenepoel hatte dagegen genervt auf einige Fragen nach der Dynamik des ungleichen Duos reagiert.
Am Tourmalet hatte Lipowitz seinen Teamkollegen zunächst abgehängt. In der Abfahrt fuhr der Olympiasieger die Lücke aber zu. Es war trotzdem ein erster Fingerzeig, dass der deutsche Vorjahresdritte im Hochgebirge der Stärkere ist.
In den kommenden Tagen stehen zunächst keine großen Bergprüfungen an, aber am französischen Nationalfeiertag am 14. Juli könnte das Duo im Zentralmassiv wieder auf die Probe gestellt werden. Zwischen Aurillac und Le Lioran sind 3.800 Höhenmeter und zwei Bergwertungen der ersten Kategorie zu überwinden.
