Tennis in WimbledonDer Dritte im Bunde - Zverevs Wandel fruchtet

Alexander Zverev ist zufrieden mit einem «fantastischen Turnier».
Alexander Zverev ist zufrieden mit einem «fantastischen Turnier».
Kirsty Wigglesworth/AP/dpa

Alexander Zverev verpasst den ersten deutschen Wimbledon-Titel im Männer-Einzel seit 1991. Für sein mutigeres Spiel bekommt er aber Respekt. Wie gefährlich kann er Sinner und Alcaraz noch werden?

Alexander Zverev stützte seine Ellbogen auf dem Tisch ab und legte sein Kinn auf die Hände. Mit einem geschwollenen Knie und einer Finalniederlage, aber glücklich über ein „fantastisches“ Tennismatch und ein starkes Turnier sowie mit klaren Zielen verabschiedete er sich aus Wimbledon. Der French-Open-Champion möchte der Dritte im Bunde sein mit Wimbledon-Sieger Jannik Sinner und dem Spanier Carlos Alcaraz. Er kann sich als Weltranglisten-Zweiter wieder näher dran fühlen.

„Ich glaube, ich habe diese Jungs unter Druck gesetzt. Ich habe sie dieses Jahr zwar nicht geschlagen, aber ich habe sie bis an ihre Grenzen gebracht“, sagte Zverev nach dem 7:6 (9:7), 6:7 (2:7), 3:6, 4:6 im Wimbledon-Finale gegen Sinner. „Wenn ich also näher an sie herankomme, wenn ich mit ihnen um die großen Turniere konkurrieren und sie gewinnen kann, wäre das großartig.“ In der Weltrangliste verdrängte der Hamburger den verletzten Alcaraz. Sein Ziel bleibt, die Nummer eins der Tennis-Welt zu werden.

„War irgendwie immer der Dritte“

Den Champions-Tanz des traditionsreichen Londoner Rasenklassikers am Sonntagabend musste der 29-Jährige dem Weltranglisten-Ersten Sinner überlassen. Der 24-jährige Südtiroler aus Sexten meldete sich nach seinem körperlichen Einbruch und dem Zweitrunden-Aus im heißen Paris erfolgreich zurück.

Bei den French Open hatte Zverev die Grand-Slam-Dominanz von Alcaraz und Sinner aufgebrochen, die sich die neun Grand-Slam-Titel zuvor aufgeteilt hatten. Seinen Erfolg von Paris bestätigte der Tokio-Olympiasieger mit seinem mit Abstand besten Wimbledon-Abschneiden. Ein Jahr nach seinem Erstrunden-Aus an der Church Road stieg er zum ersten deutschen männlichen Finalisten seit Boris Becker 1995 auf. Die Ergebnisse sprechen für ihn. Zverev tritt bei den Grand-Slam-Turnieren in dieser Saison am erfolgreichsten auf.

„Es gab immer so eine Art Diskussion darüber, wer der Dritte sein würde, die Suche nach dem Dritten. In den letzten paar Jahren war ich irgendwie immer der Dritte, aber ich war einfach weit weg von den beiden“, sagte Zverev.

Doch in diesem Finale am Sonntag war dies der beste deutsche Tennisspieler nicht. Zverev spielte eindrucksvoll aggressiv, wie es früher nicht seinem Naturell entsprochen hatte, und setzte Sinner unter Druck. „Er ist immer noch der beste Spieler der Welt“, sagte Zverev zwar. Aber er musste nicht getröstet werden wie nach seinem klar verlorenen Finale gegen Sinner bei den Australian Open 2025.

Man müsse momentan eher von den großen Zwei sprechen, von Sinner und Zverev, meinte die frühere Top-Ten-Spielerin und Prime-Video-Expertin Andrea Petkovic schon vor dem Endspiel. Denn seit mittlerweile Mitte April fehlt Alcaraz wegen seiner Handgelenksverletzung auf der Tour.

Der 23-Jährige verpasste die French Open und Wimbledon. Die Trainingsbilder, die auftauchen, deuten nicht auf ein baldiges Comeback hin und lassen sogar einen US-Open-Start fraglich erscheinen. Zverev würde jetzt die Position des verletzten Alcaraz einnehmen, um Sinner zu seiner besten Leistung zu treiben, sagte Ex-Wimbledonsieger Michael Stich als Prime-Experte.

Vielleicht hätte Zverev den nun zweimaligen Wimbledon-Champion Sinner noch mehr an die Grenze bringen können, wäre er nicht Mitte des dritten Satzes bei seinem einzigen Breakball des gesamten Matches gestürzt. Sein rechtes Knie sei „ein bisschen angeschwollen“, berichtete der 29-Jährige, der als einer der fittesten Spieler auf der Tour gilt. Es habe ihn beim Aufschlag ein wenig eingeschränkt. Bei seinem größten Trumpf.

Der Wandel wirkt

Zverevs Wandel hin zu einem Spieler, der deutlich offensiver spielt und seine Vorhand stark verbessert hat, fruchtet. Hinzu kommt das Selbstverständnis, das er mit dem erlösenden ersten Grand-Slam-Titel bei den French Open gewonnen hat. „Er macht große Fortschritte. Sein Spiel wird immer besser“, lobte Sinner.

Jahrelang hatte Zverev Kritik begleitet, dass er sich nicht weit hinter die Grundlinie drängen lassen dürfe und aggressiver spielen müsse. Vor dieser Saison hatten ihn die enteilten Konkurrenten Alcaraz und Sinner dazu angetrieben, sein Spiel umzustellen. Warum erst dann?

Anzeige:
Empfehlungen unserer Partner

Petkovic: Zverev ist bei sich angekommen

„Ich glaube, bei Sascha war es einfach so, dass er erst mal lernen musste, wer ist er, wer ist er als Mann, wie viel Selbstbewusstsein hat er, was kann er, was kann er nicht“, sagte Petkovic. „Und jetzt scheint er bei sich angekommen zu sein.“ Auch ohne Umstellung war Zverev früh mit seinem Spiel erfolgreich, wurde 2021 Olympiasieger, gewann 2018 und 2021 die ATP Finals.

Auch ohne Wandel erreichte er viel, aber eben keinen Grand-Slam-Titel. „Ich glaube, dass immer die Bereitschaft gefehlt hat, etwas Neues auszuprobieren, mit der Angst, dass es ja auch schiefgehen kann“, sagte deswegen Stich.

Jetzt sieht sich Zverev auf dem richtigen Weg. Noch sei sein neuer Spielstil nicht perfekt. Um Wimbledon oder die anderen großen Trophäen zu gewinnen, müsse er „einfach weitermachen wie bisher“. Die US Open als nächste Grand-Slam-Chance beginnen am 30. August.