Fußball-WMUnd darauf einen Whiskey: Mexiko siegt wie im Rausch

Mexikos Team feiert einen berauschenden WM-Abend.
Mexikos Team feiert einen berauschenden WM-Abend.
Ricardo Mazalan/AP/dpa

Mexiko rastet aus. Die Nationalmannschaft bricht einen 40 Jahre alten Fluch. „Und wenn doch!“, heißt es im WM-Mitgastgeberland mit Blick auf den Titel. Ein Deutschland-Schreck ist nun auch raus.

Über die Lautsprecher dröhnte „El Rey“, der König. Auf den immer noch vollen Rängen der mexikanischen WM-Festung sangen die 80.000 Fans aus vollen Kehlen, auf der Prachtstraße Reforma feierten rund eine Million Menschen ihre Fußball-Helden nach dem ersten Sieg in einem Weltmeisterschafts-K.-o.-Spiel seit 40 Jahren. „Wir hatten schon große Siege, aber keinen wie diesen“, sagte Trainer Javier Aguirre und wollte sich nach einem rundum gelungenen Abend noch ein Glas Whiskey gönnen.

Seismische Ausschläge beim Jubel in Mexiko-Stadt

Der WM-Mitgastgeber darf nach einem phasenweise berauschenden Auftritt gegen Deutschland-Bezwinger Ecuador mehr denn je von einem unvergesslichen WM-Sommer mit womöglich einem goldenen Sehnsuchtspokal träumen. Der vierte Sieg im vierten WM-Spiel und wieder ohne Gegentor. 2:0 stand es nach teils mitreißenden 90 Minuten plus Nachspielzeit.

Medienberichten zufolge schlugen sogar Seismographen in der Metropole beim Treffer von Julián Quiñones in der 22. Minute aus. „Die harte Arbeit, der Zusammenhalt, unsere Familie – wir wissen, wie wir bisher gespielt haben“, sagte der in Kolumbien geborene Quiñones: „Wir wollten unsere Familie, unsere Fans und alle Mexikaner, die uns immer unterstützt haben, nicht enttäuschen.“ Für den Endstand sorgte Raúl Jiménez (31.).

„Es mussten 40 lange Jahre voller Frust, schmerzhafter Rückschläge und Enttäuschungen vergehen, bis die mexikanische Nationalmannschaft endlich ein K.-o.-Spiel bei einer FIFA-Weltmeisterschaft gewinnen konnte“, schrieb die mexikanische Zeitung „Esto“.

1986 hatte Mexiko zuletzt ein Alles-oder-Nichts-Spiel gewonnen. Es war am 15. Juni 1986, ebenfalls im Aztekenstadion, Mexiko besiegte Bulgarien 2:0 im Achtelfinale. In der Runde der besten Acht war Schluss gegen Deutschland im Elfmeterschießen von Monterrey.

Nächster Gegner Thomas Tuchel?

Nun wartet im Achtelfinale womöglich mit England und Thomas Tuchel ein Schwergewicht des europäischen Fußballs auf die Mexikaner. Oder die Demokratische Republik Kongo. Die Erwartungen in Mexiko aber steigen mit jedem Sieg. Längst heißt es überall: „Und wenn doch!“ Wenn Mexiko Weltmeister würde? Zum ersten Mal?

Selbst Fußball-Größen wie Zlatan Ibrahimovic oder Thierry Henry waren hoch angetan vom Auftritt der Mexikaner. „Sie haben vom ersten Moment an gezeigt, wer der Boss im Ring ist. Mit den beiden Toren war das Spiel durch. Das war Mexikos beste Leistung“, urteilte Schwedens einstiger Superstar Ibrahimovic als Experte des Senders Fox Sports. „Wow. Die ersten 30 Minuten waren einfach nur wow. Das ist genau das, wie du das Publikum mitnehmen willst“, meinte Frankreichs ehemaliger Welt- und Europameister Henry.

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Erst Gewitter, dann wirbelt Wunder-Teenager Mora

Mexiko ließ sich weder von der einstündigen Verspätung nach einem schweren Gewitter aus dem Konzept bringen, noch von der einmal mehr gewaltigen Atmosphäre im ausverkauften Aztekenstadion mit 80.824 Zuschauern zu sehr antreiben.

Gilberto Mora, Mexikos 17 Jahre alter Wunder-Teenager, wirbelte. Die Mannschaft spielte sich Chancen heraus, kontrollierte den Ball und ließ Ecuador, das durch ein 2:1 im letzten Gruppenspiel gegen Deutschland gerade noch den Sprung in die K.-o.-Runde geschafft hatte, fast keine Chance. In der zweiten Halbzeit bewiesen die Mexikaner, die bei dieser WM in bisher vier Spielen kein Gegentor kassiert haben, auch Verwalter-Qualitäten.

Als dann der Abpfiff ertönte, wollten die Spieler gar nicht vom Platz. Sie genossen jeden Schritt ihrer Ehrenrunde. „Wir sind bereit für alles, was wir uns vornehmen“, sagte Mittelfeldspieler Erik Lira.

„Diese Erfahrung, die ich seit etwa einem Monat mache, werde ich für den Rest meines Lebens in Erinnerung behalten. Das hätte ich mir nie träumen lassen“, betonte der Profi von CD Cruz Azul und machte auch noch den Fans eine Liebeserklärung: „Wir profitieren ziemlich stark von unserem Heimvorteil: Man steht auf dem Platz, schaut nach draußen und sieht bedingungslose Unterstützung. Das liebe ich.“