Fußball-NationalmannschaftPrüfstein Paraguay: Nagelsmann auf der Suche nach dem Flow

Der Bundestrainer steht bei der WM vor ganz wichtigen Stunden.
Der Bundestrainer steht bei der WM vor ganz wichtigen Stunden.
Federico Gambarini/dpa

Nach der Niederlage gegen Ecuador sucht der Bundestrainer den verlorenen WM-Lauf. Paraguay wird zur ersten K.-o.-Prüfung der Nationalmannschaft. Der Druck steigt - und Experten geben Ratschläge.

Einen Tag früher als zunächst befürchtet hatte Julian Nagelsmann doch schon Gewissheit. Europameister Spanien sorgte mit seinem Sieg gegen Uruguay in der großen WM-Rechnerei um die Zuordnung der Gruppendritten für Klarheit beim Bundestrainer. Der erste K.-o.-Gegner der Fußball-Nationalmannschaft beim XXL-Turnier heißt am Montag (22.30 Uhr/ZDF und MagentaTV) in Foxborough Paraguay.

Im DFB-Quartier in Winston-Salem ging es um eine konzentrierte Arbeits-Atmosphäre. Der Flow, der beim 1:2 gegen Ecuador abhandenkam, soll schnell wieder her. „Das Allerwichtigste ist Geduld. Wir haben in Führung die Kontrolle verloren. Wir müssen ruhiger bleiben“, forderte Nagelsmann für die nächste WM-Aufgabe, die auf keinen Fall zur letzten im Turnier werden soll.

Dass Rudi Völler als Gesprächspartner für die heutige Medienrunde in den Hörsaal der Wake Forest University angekündigt wurde, war ein Signal. Der DFB-Sportdirektor ist wieder einmal der Prellbock in komplizierten Stunden. Und er hat auch mit Paraguay schon eine persönliche WM-Erfahrung - und zwar eine gute.

Die Stimmung

Keine Entspannung. Kein Tag am Pool. Natürlich diktiert auch der enge Zeitplan die Abläufe im DFB-Quartier. Aber das klassische Frei am zweiten Tag nach einem Spiel wurde gestrichen. Stattdessen geschlossenes Training hinter den riesigen schwarz-rot-goldenen Banderolen als Sichtschutz im Spry Stadium. Nagelsmann hat keine Zeit zu verlieren.

Jetzt zählt mehr denn je sein Familien-Motto als Leitmotiv der DFB-Elf. Zusammenstehen. Die Kritik von außen akzeptieren, aber nicht überbewerten. „Wir müssen die Dinge ansprechen, die wir nicht gut gemacht haben. Das wird der Trainer auch sicherlich tun. Und dann müssen wir unsere Schlüsse daraus ziehen“, sagte Kapitän Joshua Kimmich.

Der Gegner

Paraguay. Da werden natürlich auch bei Völler Erinnerungen wach. 2002 waren die Südamerikaner auch der erste deutsche K.-o-Gegner. Im Jeju World Cup Stadium von Seogwipo in Südkorea erzielte Oliver Neuville in der 88. Minute den erlösenden Siegtreffer im WM-Achtelfinale. Ein klassischer Arbeitssieg. Endstation war damals erst im Finale von Yokohama gegen Brasilien (0:2).

Das zweite Duell war ein Testspiel. Ein 3:3 in Kaiserslautern im August 2013. Tore von Ilkay Gündogan, Thomas Müller und Lars Bender bewahrten den damaligen Bundestrainer Joachim Löw vor einem Fehlstart in die WM-Saison. Auch damals ging die Reise weit - und wurde elf Monate später mit dem Titel in Brasilien gekrönt.

Bei dieser WM hinterließ Paraguay noch keinen erwähnenswert guten Eindruck. Dem 1:4 gegen Gastgeber USA folgte ein 1:0 gegen die Türkei sowie ein wohl kalkuliertes 0:0 gegen Australien. Aufreger war die Rote Karte für Miguel Almirón gegen die Türkei. Er musste vom Platz, weil er sich bei einem Wortwechsel mit einem Gegenspieler den Mund zuhielt. Das ist nach neuester FIFA-Regel verboten. Gegen Deutschland ist der Offensivakteur aber wieder spielberechtigt.

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Das Personal

Gegen Ecuador setzte Nagelsmann auf personelle Kontinuität, gab erst mit seinen Einwechslungen Spielern in Nebenrollen WM-Minuten. Und jetzt? Schwer vorstellbar, warum der Bundestrainer von seiner Leitlinie abrücken sollte. Manuel Neuer genießt im Tor totales Vertrauen. Kimmich bleibt hinten rechts. Felix Nmecha und vor allem Aleksandar Pavlovic müssen sich zentral richtig beweisen. Und Deniz Undav bleibt der Joker. Wenn Nathaniel Brown nach seinen Adduktorenproblemen rechtzeitig fit wird, wäre das ein Plus. David Raum konnte ihn als linker Außenverteidiger nicht adäquat vertreten.

Die Physis

Nach Ecuador kommt in Paraguay schon wieder ein Team, dass sich über die Kampfkraft definiert. Wird die Physis wieder zum DFB-Problem? „Fußball muss gewürzt werden mit Leidenschaft, Intensität und Emotionalität. Wenn es für dich einfach nur Kicken ist, dann wirst du nicht weit kommen“, warnte Jürgen Klopp als MagentaTV-Experte vor einem frühen Scheitern.

Nagelsmann sieht keine generelle schnelle Abhilfe, was die Robustheit angeht. Er nannte aber einen Ausweg. „Körperlichkeit ist schwer zu trainieren, weil die Spieler eine gewisse Konstitution haben. Da muss man den Ball in der einen oder anderen Situation früher wegspielen, um einem direkten Zweikampf aus dem Weg zu gehen“, forderte der Bundestrainer.

Jamal Musial, Florian Wirtz, Leroy Sané - da ist mehr Technik als Kampf im Spiel. „Wir sind halt keine physische Mannschaft“, sagte Toni Kroos. Der Weltmeister von 2014 hatte einen dringenden Rat: „Es muss eklig sein, gegen uns zu spielen, dass wir in der Lage sind gut und eklig zu verteidigen. Das machen wir noch nicht“, sagte er in seiner TikTok-Live-Show „Kroos und Kroos: Die WM unter der Lupe“.