Blick hinter die Notrufnummer 112Tag des Notrufs: Wie die Leitstelle der Feuerwehr Bochum Leben rettet

von Niklas Bönsch

Wer in Bochum die 112 wählt, landet in der Leitstelle der Feuerwehr. Dort entscheiden Sekunden, Fragen und Routine darüber, wie schnell Hilfe ankommt – und ob aus einem Telefonat ein lebensrettender Einsatz wird.

Erste Anlaufstelle im Notfall

In der Leitstelle der Feuerwehr Bochum laufen alle Notrufe zusammen. Disponent Dennis Halagiera beschreibt den Arbeitsplatz im vierten Stock der Hauptfeuer- und Rettungswache als den Ort, „an dem der Einsatz beginnt“. Im Jahr 2024 gingen durchschnittlich fast 8.000 Notrufe pro Monat ein. Tatsächlich führten aber nur weniger als die Hälfte der Anrufe zu Einsätzen von Feuerwehr oder Rettungsdienst. Viele Menschen wählen die 112 auch dann, wenn keine akute Lebensgefahr besteht – aus Unsicherheit oder Unkenntnis. In solchen Fällen verweisen die Disponenten häufig auf den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder andere Alternativen, bleiben sachlich und fokussiert, denn ihre eigentliche Aufgabe ist die Koordination echter Notfälle.

Struktur statt fünf W-Fragen

Früher lernten viele Kinder die klassischen fünf W-Fragen für den Notruf, heute arbeiten Leitstellen strukturierter. In Bochum gilt: Zuerst muss der Einsatzort klar sein – „Wo ist der Notfall?“ –, dann folgen gezielte Rückfragen. Wenn Anrufende abschweifen, unterbrechen die Disponenten bewusst, um schnell an die wichtigsten Informationen zu kommen. Unterstützt werden sie von einer Software zur standardisierten Notrufabfrage. Die führt durch festgelegte Fragen und schlägt passende Einsatzmittel vor. Manche Mitarbeiter arbeiten lieber „Freestyle“, doch die Inhalte bleiben dieselben: Lage einschätzen, Prioritäten setzen, Hilfe passend und schnell auf den Weg bringen.

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Technik als Helfer

Neben standardisierten Abläufen hilft moderne Technik, den Alltag zu bewältigen. Ein automatisches Übersetzungsmodul ermöglicht es, Notrufe in Fremdsprachen in Echtzeit zu übertragen, etwa aus dem Ukrainischen oder Polnischen ins Deutsche. So können Disponenten auch ohne gemeinsame Sprache klare Anweisungen geben. Ein weiterer Fortschritt ist der Umbau der Leitstelle, beschlossen im Jahr 2018. Kosten: rund 7,3 Millionen Euro. Statt in einem lauten, runden Raum arbeiten die Disponenten heute in einem größeren, akustisch deutlich ruhigeren Umfeld. Das erleichtert die Konzentration.

Zwischen Fehlalarm, Verkehrsunfall und Reanimation

Der Arbeitsalltag in der Leitstelle ist geprägt von Gegensätzen: Neben skurrilen Anrufen – etwa wenn jemand den Marktleiter eines Supermarktes sprechen möchte oder die Notrufnummern verwechselt – stehen Einsätze, bei denen jede Sekunde zählt. Wenn etwa ein Verkehrsunfall mit angeblich eingeklemmten Personen gemeldet wird. Dann fährt die Konzentration hoch, mehrere Fahrzeuge werden alarmiert. Dass sich später herausstellt, dass niemand eingeklemmt war, stört die Disponenten nicht. Das Motto: lieber zu viele Kräfte vor Ort als zu wenige. Besonders belastend sind Reanimationen am Telefon. Dann geben Disponenten wie Philip Telöken klare Anweisungen zur Herzdruckmassage und bleiben in der Leitung, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Bundesweiter Notruf wegen tödlichem Unfall

Die Notrufnummer 112 gibt es in Deutschland seit den fünfziger Jahren, bundesweit einheitlich seit 1973 und inzwischen europaweit. Auslöser für den Ausbau des Systems war unter anderem der Fall des achtjährigen Björn Steiger, der nach einem Verkehrsunfall zu spät Hilfe bekam und verstarb. Seine Eltern gründeten daraufhin eine Stiftung und setzten sich für eine zentrale Notrufnummer ein. Trotzdem kennt laut Umfragen noch immer nicht jeder Mensch die 112. Für Disponenten wie Dennis Halagiera bleibt der Job dennoch erfüllend: Wenn er erlebt, dass durch seine Anweisungen Menschen gerettet werden können, weiß er, dass sich die langen Schichten und der Stress lohnen.