Neues Feature soll Frust stoppenTinder bekämpft Dating-Müdigkeit mit KI: Macht „Chemistry” die Liebe wieder menschlicher?

Dating-Apps gehören mittlerweile für viele Menschen zum Alltag. Doch auch die mobilen Anwendungen für die Partnersuche sind ohne Künstliche Intelligenz nicht mehr denkbar. Das nervt einige der Nutzer aus verschiedenen Gründen sehr.
Partnersuche als Naturwissenschaft? Ausgerechnet Chemie („Chemistry“) nennt Tinder eine neue KI-gestützte Funktion in einigen Ländern gegen sogenannte Dating-Fatigue. Nutzende bekommen täglich „eine kuratierte Empfehlung“, statt sich „endlos durch Profile zu liken“.
„Wir nutzen KI, um relevantere Verbindungen herzustellen“, sagt Spencer Rascoff, CEO der Match Group, zu der Tinder gehört. Auch in der Schwulen-App Grindr, die einst das GPS-basierte Dating erfand, gibt es mehr Künstliche Intelligenz - aber auch Probleme, die manchem die Partnersuche verleiden.
Bei Tinder werden dank KI-Sprachmodellen Messages erkannt, die eine Grenze überschreiten. Neu ist eine Auto-Blur-Funktion, die potenziell respektlose Inhalte automatisch verschwimmen lässt. Die meist jungen Nutzenden können so entscheiden, ob sie eine Nachricht überhaupt sehen wollen. „Are You Sure?“ (Bist du sicher?) erinnert Sendende daran, respektvoll zu bleiben.
Eine repräsentative Bitkom-Umfrage bei Internet-Usern ab 16 ergab, dass 77 Prozent der befragten Frauen und 69 Prozent der Männer es „problematisch“ finden, „wenn KI zu sehr in den Bereich von Liebesbeziehungen vordringt“.
„Dating-Apps, den Raum der Intimität, darf man als gesellschaftliches Feld nicht unterschätzen“, sagt der Soziologe Thorsten Peetz über Tinder, Bumble und Co. „Online-Dating machen sehr viele Menschen, auch wenn sie vielleicht nicht darüber reden. Sie erleben dabei Anerkennung und die Erfüllung von Wünschen. Es ist für die Identität vieler Menschen sehr wichtig.“
KI spiele auch in Dating-Apps zunehmend eine Rolle, sagt Peetz, ein Experte für Bewertungsprozesse. „Leute nutzen sie, um Profiltexte zu generieren und um ihre Fotos zu bearbeiten. Außerdem treten neue Formen des Scamming auf. Leute nutzen KI in Form von Bots, besser gesagt: Agents, um sich Vertrauen zu erschleichen, womöglich eine Liebesbeziehung vorzutäuschen. Es geht dann meist darum, die Leute zu überreden, Geld irgendwohin zu überweisen.“
Es sei schwer zu sagen, wie weit das verbreitet sei. „Ich gehe aber davon aus, dass sich viele mit Bots konfrontiert sehen. So liest man auf Tinder bei Frauen öfter mal Sätze wie „Bitte keine Krypto-Bros“. Das sei wohl ein Zeichen, dass sie mit echten Männern schreiben wollten und nicht mit Bots, die es darauf anlegen, die Kommunikation auf andere Plattformen umzulenken.
„Die abtörnenden Probleme langweiliger ‚Was suchst du?‘-Fragen oder Dickpics ohne Vorwarnung gibt es ja außerdem noch“, sagt eine Tinder-Nutzerin Anfang vierzig in Hamburg. Frust erleben nicht nur Frauen, sondern auch Schwule mit der Vorreiter-App Grindr. Sie ist Teil der Popkultur - fast so wie Tinder mit dem Swipen (Wischen).
Beim Eurovision Song Contest löste sie einst Lacher aus. Als 2024 Moderatorin Petra Mede das Handy eines Manns in der Halle nahm, um damit die Eurovision-App angeblich zu erklären, hagelte es den markanten Benachrichtigungssound von Grindr. „Scheint, du hast eine wundervolle Woche hier in Malmö.“
Die Hauptprobleme von Grindr seien heute Display Advertising und Bots, sagt ein Grindr-Nutzer Mitte dreißig in Köln, der im Zusammenhang mit Promiskuität keinen Klarnamen zitiert sehen möchte. Werbung unterbreche einen bei fast jeder Interaktion. Für einen Dienst, der einst antrat, Nutzer schnell miteinander zu verbinden, gibt es gefühlt arg viele Störfaktoren. „Nervige Spiele, in denen man eine Prinzessin oder einen Welpen aus Lava retten soll oder so was.“ Dazu noch die Bots - gefälschte Profile, die Spam schicken, auf Websites Dritter verlinken.
Thomas in Wien beschwert sich über die hohen Preise, um die Unterbrechungen abzustellen und den eigentlichen Zweck der App genießen zu können (sprich: jemanden rasch für Casual Sex finden, wie er es ausdrückt).
Als er vor rund 15 Jahren Grindr zu nutzen anfing, habe er um die 3 Euro bezahlt, um einen Monat lang die werbefreie Version zu nutzen. Sie habe die Zahl der ansehbaren Männer im Profilraster verdoppelt. Heute kostet das Abo „Unlimited“ rund 24 Euro - pro Woche. Es schaltet alle Profile frei und ermöglicht etwa, Fotos zu versenden, die nach dem Öffnen verschwinden.
Geld, das in App-Abos geht, fehlt womöglich queeren Clubs und Bars. Manche Aktivistinnen und Aktivisten sehen deshalb die Politik in der Pflicht. Die Partei Die Linke fordert eine Digitalsteuer für große Tech-Konzerne. „Wer Grindr ohne Abo nutzt, wird von Werbung überrollt und kann kaum vernünftig kommunizieren. Man wird faktisch gezwungen, Geld auszugeben, während gleichzeitig Infrastruktur wegbricht“, sagte Maik Brückner kürzlich dem Berliner Magazin „Siegessäule“. Er ist Sprecher für Queerpolitik der Linksfraktion.
Als Grindr 2009 startete, machte die App das Kennenlernen unter Männern, die Sex mit Männern haben, enorm einfacher. Die schwule Dating-Kultur, die als lockerer gilt, kam seitdem immer mehr im Mainstream an. Heteros leben heute mitunter genauso sexpositiv, wie es viele Queers dem Klischee zufolge tun.
Manche Schwule sehen angesichts der gesellschaftlichen Akzeptanz und folglich größeren Offenheit kaum noch einen Grund, Grindr zu nutzen (oder ähnliche Apps wie Scruff, Hornet, Growlr).
Der Produktchef von Grindr, Austin Balance, sagt, das Kerngeschäft sei nicht mehr das Kennenlernen. Treffen und Cruising seien nur ein Teilbereich. Doch braucht man wirklich Grindr statt einer gewöhnlichen Social-Media-App, um etwa auf Reisen nach Tipps für Bars, gute Restaurants und Partys zu fragen?
Wer mehr Kink mag, weicht inzwischen ohnehin oft auf speziellere Portale aus, die webbasiert sind und den App Store oder Play Store umgehen. Für andere läuft es auch gut im Mainstream: „Gerade in Großstädten sind ja viele geoutet“, sagt ein Mittzwanziger in Berlin. „Ich seh‘ im Instagram-Profil eines attraktiven Typen eine Regenbogenflagge in der Bio und denke ‚Den kann ich mal kontaktieren und ganz easy anschreiben‘.“
Verwendete Quellen: Gregor Tholl, dpa


