Der geheime Sing-Plan der VögelWer zwitschert da eigentlich, wenn wir morgens wegen der Hitze die Wohnung lüften?

Wenn die Stadt noch schläft, beginnt draußen das Konzert.
Viele schlafen gerade mit offenem Fenster. Und plötzlich ist da dieses Konzert, das manche lieben und andere zur Verzweiflung bringt. Tatsächlich folgt der Gesang unserer häufigsten Stadtvögel einem erstaunlich genauen Zeitplan – lange bevor die Sonne aufgeht.
Eine festgelegte Reihenfolge, in der die Vögel starten
Es ist kurz nach drei Uhr. Die Straßen sind leer. Autos fahren kaum noch. Viele stehen jetzt auf, um zu lüften, damit sie ihre überhitzte Wohnung endlich wieder etwas abkühlen können. Und dann geht es los: Zuerst ist da nur eine einzelne Stimme. Wenig später antwortet ein anderer Vogel. Nach und nach kommen immer mehr dazu. Was wie ein chaotisches Durcheinander klingt, folgt tatsächlich einer erstaunlich festen Reihenfolge, wie der Naturschutzbund Deutschland e.V. schreibt.

Ornithologen nennen dieses Spektakel Morgenchor
Die Uhr richtet sich dabei nicht nach der Uhrzeit auf dem Nachttisch, sondern nach dem Sonnenaufgang. Mitte Juli geht die Sonne in Deutschland – je nach Region – ungefähr zwischen 5.20 Uhr und 5.45 Uhr auf. Deshalb verschiebt sich auch das Vogelkonzert im Laufe des Jahres jeden Tag ein wenig.
Der erste Sänger ist fast immer der Hausrotschwanz. Er beginnt oft schon 70 bis 90 Minuten vor Sonnenaufgang. Mitte Juli entspricht das ungefähr zwischen 3.55 Uhr und 4.15 Uhr. Sein Gesang klingt etwas kratziger als der vieler anderer Arten. Dazwischen hört man kurze Pausen und ein leises Knistern oder Schaben.
Der Hausrotschwanz singt besonders intensiv in den frühen Morgenstunden. Später am Tag wird es deutlich ruhiger. Ganz verstummen muss er aber nicht. Vor allem während der Brutzeit legt er immer wieder kleine Gesangseinlagen ein, um sein Revier zu verteidigen.
Einsatz für den prominentesten Gartenvogel
Etwa 45 bis 60 Minuten vor Sonnenaufgang übernehmen die Amseln. Mit ihren klaren, flötenden Melodien gehört sie zu den bekanntesten Stimmen deutscher Städte. Viele Menschen verbinden genau diesen Gesang mit Sommermorgen. Auch sie konzentriert ihren Gesang auf die ersten Stunden des Tages. Nach dem Vormittag wird sie deutlich leiser. Abends gibt es häufig noch einmal eine zweite kleine Gesangsphase.
Im Video: Ross Antony rettet Vogelküken
Immer mehr Stimmen kommen dazu
Nun wird das Konzert voller. Der Rotkehlchen, die Mönchsgrasmücke, der Zaunkönig und verschiedene Meisenarten stimmen nach und nach ein. Meist beginnt das 30 bis 45 Minuten vor Sonnenaufgang. Kurz vor Sonnenaufgang wird aus einzelnen Solisten ein richtiges Ensemble. Besonders auffällig sind jetzt außerdem:
Kohlmeise
Blaumeise
Buchfink
Grünfink
Star
Alle gehören zu den Vogelarten, die in Städten, Parks oder Wohngebieten fast überall vorkommen.
Warum ausgerechnet so früh?
In der Morgendämmerung ist es meist windstill. Die Luft trägt Schall besonders gut. Mit ihrem Gesang markieren die Männchen ihr Revier und werben gleichzeitig um Weibchen, beschreibt das Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. Dazu kommt: In den ersten Minuten des Tages können viele Vögel ohnehin noch nicht gut nach Nahrung suchen. Es ist schlicht zu dunkel. Die Zeit nutzen sie deshalb lieber zum Singen. Sobald genügend Licht da ist, wird das Frühstück wichtiger als das Konzert.
Der berühmte Morgenchor dauert meist ein bis zwei Stunden. Danach nimmt der Gesang deutlich ab. Viele Arten singen tagsüber nur noch gelegentlich oder nur dann, wenn sie ihr Revier verteidigen müssen. Erst am Abend wird es bei einigen Arten noch einmal etwas musikalischer. Deshalb wirkt das Konzert zwischen etwa 3 Uhr und 7 Uhr morgens auch so intensiv.
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Und wann zwitschert der Spatz?

Der Spatz beginnt in der Regel erst kurz vor oder direkt zum Sonnenaufgang, also ungefähr 10 bis 20 Minuten vorher bis wenige Minuten danach. Mitte Juli wäre das etwa zwischen 5:10 und 5:40 Uhr, je nach Region. Der Grund ist einfach: Anders als Amseln oder Hausrotschwänze nutzt der Spatz den Gesang kaum zur „musikalischen” Reviermarkierung. Sein typisches „tschilp, tschilp” dient vor allem der Kommunikation innerhalb seiner Kolonie. Spatzen leben sehr gesellig und unterhalten sich praktisch ständig miteinander.
Vogelgezwitscher vermindert Stress
Wer wegen der Hitze nachts mit offenem Fenster schläft, erlebt den Morgenchor oft viel intensiver als sonst. Für manche ist das eine unfreiwillige Weckfunktion. Gerade Amseln oder Hausrotschwänze können erstaunlich laut werden. Andere empfinden genau dieselben Klänge als beruhigend.
Verschieden wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass Naturgeräusche Stress mindern, die Stimmung verbessern und das Gefühl von Erholung fördern können. Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf haben herausgefunden: „Vogelgesang kann nachweislich Ängstlichkeit und irrationale Gedanken mildern.”
Vogelstimmen wirken oft angenehmer als Verkehrslärm oder andere Alltagsgeräusche. Vielleicht ist das frühe Zwitschern also nicht nur der Beginn eines neuen Sommertages, sondern auch eine kleine Erinnerung daran, dass draußen längst Leben erwacht, während viele von uns noch versuchen, ein paar Minuten Schlaf zu finden.
Verwendete Quellen: NABU, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie


