Nach Skandalfall in Arizona

Wie kann eine Frau im Wachkoma ein Kind zur Welt bringen?

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8. Januar 2019 - 18:44 Uhr

Niemand will die Schwangerschaft bemerkt haben

Dieser Fall sorgt weltweit für Entsetzen: Eine Patientin, die in einem Pflegeheim in Arizona (USA) betreut wird, brachte auf einmal ein Baby zur Welt – obwohl sie bereits seit mehr als zehn Jahren im Wachkoma liegt. Die Polizei ermittelt nun im Fall einer mutmaßlichen Vergewaltigung. Das Pflegepersonal gibt an, von der Schwangerschaft nichts bemerkt zu haben. Wir haben eine Fachärztin gefragt: Wie kann eine Frau in diesem Zustand ein Kind gebären?

Fachärztin klärt auf

Dr. Andrea von Helden ist Chefärztin des Zentrums für Schwerst-Schädel-Hirnverletzte im Vivantes Klinikum Spandau in Berlin. Die Einrichtung ist auf die Frührehabilitation schwerster neurologischer Schädigungen spezialisiert, die unter anderem beim sogenannten Wachkoma vorliegen. In unserem Interview erklärt sie, was in diesem Zustand im menschlichen Körper vorgeht - und wie es möglich sein kann, dass Patientinnen währenddessen sogar ein Baby zur Welt bringen.

​Frau Dr. von Helden, was funktioniert beim Status "Wachkoma" noch, und was nicht?

Dr. von Helden: Der Begriff "Wachkoma" – im engeren Sinn kein medizinischer Begriff – beschreibt einen Zustand nach schwerer Hirnschädigung, in dem der Mensch zwar zeitweise "wach" ist, also die Augen öffnet, aber durch seine Bewusstlosigkeit keinen Kontakt zur Umwelt aufnehmen kann.

Meist erholt sich der Hirnstamm soweit, dass die Patienten wieder einen stabilen Kreislauf haben und lernen, selbständig zu atmen und zu schlucken. Darüber hinaus sind sie jedoch komplett gelähmt und pflegebedürftig. Ein Teil der Patienten entwickelt allerdings zumindest einen sogenannten minimalen Bewusstseinszustand, in dem sie etwas Kontakt aufnehmen können.

​Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Frau im Wachkoma schwanger ist, ohne dass es jemand bemerkt?

Dr. von Helden: Frauen in Extremsituationen haben oft über lange Zeit keine Monatsblutung. Aber bei der intensiven Pflege, die diese schwerst behinderten Menschen benötigen, ist es doch sehr verwunderlich, dass niemand die körperlichen Veränderungen bemerkt hat.

​Bei der Frau aus Arizona wurde offenbar nur Geburtshilfe geleistet, ansonsten brachte sie das Kind offenbar eigenständig zur Welt – ohne Kaiserschnitt. Ist das überhaupt möglich? Wie wird generell bei einer Schwangerschaft im Wachkoma vorgegangen?

Dr. von Helden: Die Hormone, die von der Plazenta ausgeschüttet werden, spielen eine große Rolle, aber es ist schon ein sehr ungewöhnlicher Verlauf. Eine Schwangerschaft bei einer Frau im Wachkoma ist naturgemäß ohne die Zustimmung der Frau entstanden und ist glücklicherweise extrem selten.

​Bekommt die Frau in so einem Fall von der Schwangerschaft und der Geburt etwas mit? Hat sie Schmerzen? 

Dr. von Helden: Eigentlich ist die Definition des echten Wachkomas gerade, dass der Patient nichts mitbekommt. Deshalb wird das Syndrom seit einiger Zeit medizinisch "Syndrom der reaktionslosen Wachheit" genannt. Aber inzwischen weiß man wie gesagt auch, dass ein Teil der Patienten doch etwas wahrnimmt.

​Könnte so ein Ereignis die Frau vielleicht auch aufwecken?

Dr. von Helden: Nein – denn sie schläft ja nicht, sondern kann Informationen entweder nicht aufnehmen beziehungsweise wahrnehmen oder kann es uns bei kompletter Lähmung nicht zeigen. Aber wie die Frau die Situation empfindet, können wir nicht sagen. In jeder Hinsicht ist es jedoch ein erschütternder Fall von Missbrauch und unzureichendem Schutz einer maximal hilflosen Person.

Im Fall der Frau aus Arizona wird mittlerweile per DNA-Probe nach dem Täter gesucht.