Das Leben als Bereitschaftspflege-Mutter

Wenn Mama nicht mehr kann: Irem (28) ist Ersatz-Mutter für Babys

Irem Gündüz ist Bereitschaftspflege-Mama für Babys.
© Irem Gündüz

11. Dezember 2020 - 13:53 Uhr

Bereitschaftspflege-Mutter: Der unbändige Wunsch, Liebe zu geben

Die 28-jährige Irem Gündüz aus München verlor bereits als Kind beide Eltern und wuchs bei ihrer strengen Oma auf. Damals wünschte sie sich nichts sehnlicher, als in eine Pflegefamilie zu kommen, in der sie Liebe und Geborgenheit erfahren darf. Der Wunsch erfüllte sich für Irem nicht – doch genau das spornt die junge Frau heute an, ihre Liebe und Fürsorge an kleine Schützlinge weiterzugeben, die sonst auf sich alleine gestellt wären. Seit 2015 arbeitet Irem als Bereitschaftspflegemutter für Neugeborene. Sie nimmt Babys bei sich auf, wenn Mama und Papa sich nicht selbst um sie kümmern können. Uns erzählt sie von ihrem Leben als Ersatz-Mama auf Abruf.

Wenn Mama und Papa sich nicht kümmern können, springt Irem ein

"Ich wusste schon immer: Wenn ich groß bin, möchte ich etwas machen, mit dem ich Kindern wie mir helfen kann", erzählt uns Irem Gündüz. Die junge Frau ist selbst dreifache Mutter und lebt mit ihren Töchtern und ihrem Lebensgefährten bei München. Die jüngste Tochter wurde vor einem Jahr geboren. Wegen des neuen Familienzuwachses und eines Umzugs wird die Familie und ihre Lebensumstände zurzeit erneut vom Jugendamt geprüft – schließlich soll sichergestellt werden, dass die kleinen Schützlinge in gute Hände kommen.

Ab Januar könnte es aber wieder soweit sein: Dann kann bei Irem täglich das Telefon klingeln, wenn ein Neugeborenes ihre Hilfe braucht. Die Umstände, aus denen heraus die Winzlinge zu ihr kommen, können ganz unterschiedlich sein. "Es gibt zum Beispiel Mamas, die alleinerziehend sind, die plötzlich operiert werden müssen und die niemanden haben, wo das Kind hin kann", erklärt uns die Pflegemama. "Das wäre die mildeste Form. Die Mamas holen sich dann Hilfe beim Jugendamt und dann kommt das Kind für ein paar Tage zur Pflegefamilie." Manche Eltern können ihre Babys aufgrund von Suchterkrankungen nicht mehr selbst betreuen, aber auch sogenannte "Klappenbabys" oder Kinder, die zu Hause Gewalt erfahren haben, können in Irems Obhut kommen.

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Irem Gündüz mit Familie
Patchwork-Familie: Irem wohnt gemeinsam mit ihrem Lebenspartner, der gemeinsamen Tochter sowie Irems zwei Töchtern aus erster Ehe bei München.
© Noemi Verolla Photography

Ersatz-Mutter Irem: „Das ist jedes Mal, wie selber ein Kind zu kriegen!“

Wenn so ein Kind dann zu ihr nach Hause komme, sei das jedes Mal wieder "ein krasses Gefühl", schwärmt Irem. "Wie selber ein Kind zu kriegen!" Dann stehe für sie an oberster Stelle, den Kindern Liebe und Bindung zu vermitteln, denn genau das bräuchten die Kleinen in so einer Situation am meisten, erklärt die Münchenerin. "Wenn so ein Baby zu einem nach Hause kommt, dann muss man sich zu 1000 Prozent so darauf einlassen, als ob es das eigene wäre – alles andere ergibt keinen Sinn."

Das heißt im Klartext: Wickeln und füttern zu jeder Tages- und Nachtzeit, Kuscheln, in den Schlaf wiegen, Spazierengehen oder Arztgänge – eben alles, was eine "richtige" Mama auch machen würde. Hat der Schützling Durchfall, schläft er nicht durch, weint er viel? Für das Jugendamt muss die Pflegemutter all das genau dokumentieren. Auch den Eltern – sofern sie noch teilhaben wollen oder können – gibt Irem Updates, wie es ihren Babys geht oder ermöglicht Treffen zwischen Eltern und Kind.

Irem: "Ich wusste, dass ich etwas bewegen möchte“

Irem ist ausgebildete Trageberaterin und arbeitete schon vor ihrer Zeit in der Pflegebereitschaft lange mit Eltern und Babys zusammen. Dadurch lernte sie damals eine Pflegemama kennen, die ihr von dem besonderen Job erzählte. "Das war so eine Erleuchtung für mich!", erinnert sich Irem an den Moment, als ihr klar wurde, dass sie genau diesen Weg auch einschlagen wollte. "Ich wusste da noch nicht, wo ich anfangen soll, aber ich wusste, dass ich etwas bewegen möchte", sagt sie. "Als mein damaliger Mann an diesem Tag heimkam, sagte ich zu ihm: 'Ich MUSS das machen! Wir rufen jetzt sofort beim Jugendamt an!" Gesagt, getan. Die Prüfung des Jugendamtes dauerte etwa ein Jahr, dann konnte die Familie ihren ersten Schützling bei sich aufnehmen.

Ohne einen Partner an ihrer Seite, der sie in allem unterstützt, könnte sich Irem das Ganze jedoch nicht vorstellen. Denn das Leben als Pflege-Mama auf Abruf erfordert absolute Flexibilität. Wenn der Anruf kommt, dass ein Kind ihre Hilfe braucht, muss sie alles stehen und liegen lassen können. Nebenher noch einen anderen Beruf ausüben? Schwer vorstellbar. Auch die Vergütung für den Bereitschaftspflegedienst entspräche eher einer Aufwandsentschädigung als einem richtigen Gehalt, erzählt sie uns. Daher müsse man schon finanziell gut aufgestellt sein. Das Leben als Bereitschaftspflegemutter muss man sich leisten können.

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Auf ihrem Instagram-Account "mamamitlocke_" berichtet Irem über den Alltag als Bereitschafts-Mama mit drei eigenen Kindern.

Erst Muttergefühle, dann Abschiednehmen

Irems Job bedeutet aber auch immer: loslassen müssen. Denn ab dem Zeitpunkt, wo sie einen neuen Schützling das erste Mal im Arm hält, weiß sie: Die kleine Maus muss ich bald wieder abgeben. Oberstes Ziel ist es, dass die Neugeborenen so schnell wie möglich aus der Bereitschaftspflege in eine Familie gegeben werden können, in der sie permanent bleiben – am besten natürlich zurück zu den eigenen Eltern. "Die Eltern-Kind-Beziehung ist immer das höchste Gut", erklärt uns die Pflegemutter. "Das Ziel ist es, die Familiensituation so zu begleiten, dass es irgendwann ein Happy End gibt." So ein Happy End könne allerdings auch eine Adoption oder eine permanente Pflegefamilie einschließen.

Doch wie fühlt es sich an, so ein kleines Wesen, um das man sich mütterlich gekümmert hat, wieder loszulassen, wollen wir von ihr wissen. Klar, das sei ganz schön hart, gibt Irem zu. Aber sie habe mittlerweile ihr eigenes kleines Abschiedsritual entwickelt. Wenn sie ein Kind abgegeben habe, stelle sie sich erst einmal unter die Dusche. "Ich reinige mich und meine Seele, heule ein bisschen und dann komme ich raus und öffne mein Herz wieder. Damit ich am nächsten Tag wieder bereit bin, falls eine neue Anfrage reinkommt."