Wie geht man mit der Trauer um das verstorbene Enkelkind um?

Wenn Großeltern Abschied nehmen müssen

Chrissy Teigens Mutter Pepper trauert um ihr verstorbenes Enkelkind.
© Instagram, pepperthai2

02. Oktober 2020 - 20:26 Uhr

Verwaiste Großeltern werden häufig übersehen

Nach einem grausamen Schicksalsschlag haben sich Chrissy Teigen (34) und Ehemann John Legend (41) mit einem bewegenden Instagram-Post an die Öffentlichkeit gewandt: Sie trauern um ihren Sohn Jack, den Chrissy im sechsten Schwangerschaftsmonat verloren hat. Auch Chrissys Mutter Pepper ist am Boden zerstört. Sie hat sich mit einem emotionalen Video von ihrem verstorbenen Enkelsohn verabschiedet und damit Aufmerksamkeit für die große Trauer geschaffen, die auch Großeltern beim Verlust des Enkelkindes empfinden. "Tatsächlich sind sogenannte 'verwaiste Großeltern' eine häufig vergessene und übersehene Menschengruppe, die sehr häufig mit starker emotionaler Not zu kämpfen hat", sagt Diplom-Psychologe Rolf Schmiel. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was Großeltern bei der Bewältigung der Trauer um das verstorbene Enkelkind hilft und wie sie ihren eigenen trauernden Kindern am besten beistehen können.

Trauernde Großeltern erleben eine Doppelbelastung

Bei Großeltern, die ein Enkelkind verlieren – sei es bei einer Fehlgeburt oder auch im späteren Kindesalter – gebe es häufig eine Doppelbelastung, sagt Rolf Schmiel. "Sie weinen zum einen um das verstorbene Enkelkind, aber nehmen natürlich auch die Not des eigenen Kindes wahr. Das sind zwei Situationen, die emotional massiv bedrückend sind." Dabei könne es passieren, dass Großeltern ihre eigene Not zu stark wegschieben oder sogar verstecken, um das Kind nicht noch mehr zu belasten. "Das ist aber aus psychologischer Sicht ein gefährlicher Drahtseilakt", mahnt Schmiel. In der Phase der Trauer seien echte Gefühle nicht nur erlaubt, es könne sogar umgekehrt für Irritationen sorgen, wenn Großeltern sich zu sehr zusammenreißen. Denn dabei könnte bei den Eltern der Eindruck entstehen, der Tod des Enkels nehme Oma oder Opa nicht so sehr mit.

Das heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass es nicht in Ordnung ist, still und für sich alleine zu trauern. "Jeder Mensch trauert anders.", betont der Psychologe.

3 Tipps zur gemeinsamen Trauerbewältigung

Trauerstrategien nicht bewerten

Ein wichtiger Tipp des Psychologen an trauernde Familien: "Wenn jemand in der Familie mit Trauer anders umgeht, bitte nicht bewerten!" Die Strategien, wie Menschen mit dem Verlust eines Menschen umgehen, seien sehr unterschiedlich. "Der eine steht massiv zu seinen Gefühlen und läuft schluchzend durch den Supermarkt, der andere drückt seine Gefühle weg", erklärt Rolf Schmiel. Für beide Trauer-Typen sei Verständnis sehr wichtig.

Raum zum Trauern schaffen

"Das Wichtigste ist, einen Raum zu schaffen, wo Menschen sich öffnen können", so der Psychologe. Gerade Menschen, die ihre Gefühle wegdrücken, fehle häufig der Platz, um sich zu öffnen. Besonders Väter und Großväter würden in diesem Zusammenhang häufig vergessen, sagt Rolf Schmiel. Auch sie treffe der Verlust eines (Enkel-)Kindes besonders hart, nur gebe es bei ihnen häufiger Schamgefühle, mit ihrer Trauer offen umzugehen.

Stille zulassen

Verschlossenen Trauernden könne es helfen, auch mal Zeit und Raum für Stille zuzulassen, rät der Psychologe. Ein häufiger, wenn auch gut gemeinter Fehler, den Freunde oder Angehörige in der Trauerbegleitung also machen, sei zu fragen: 'Wie geht es dir?' "Dann sagt der andere meist relativ wenig, weil er noch im Prozess ist", so Schmiel. Auch die eigene Trauergeschichte zu erzählen, sei nicht immer die richtige Herangehensweise. "Da kann Schweigen und Anteilnahme viel mehr bewirken. Vor Corona habe ich immer gesagt: 'Eine ehrliche, liebevolle Umarmung bringt mehr als tausend Worte."

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Diese Rituale können Großeltern helfen, ihre Trauer zu verarbeiten

Ein Weg, den Rolf Schmiel in seiner Erfahrung als Psychologe als besonders hilfreich für Trauernde erlebt hat, ist, dem toten Kind einen Brief zu schreiben. "In diesen Brief hinein kann man all seine Traurigkeit und all die Liebe, die man für dieses kleine Wesen hat, hineinlegen." Auch sich Zeit für sich selbst zu nehmen oder in der Natur Kraft zu suchen, empfiehlt der Experte. Vielleicht bei einer Wanderung alleine oder mit Freunden. So könne man der Trauer Raum lassen und wieder zu sich finden. "Eine andere Möglichkeit ist auch, gestalterisch tätig zu werden." Das sei besonders für jene geeignet, die einen Hang zum Malen, Musizieren oder anderen Arten von Kunstfertigkeit haben.

Und: Auch in der Trauer sollte es erlaubt sein, sich zu freuen oder zu lachen. "Wir ehren einen verstorbenen Menschen nicht damit, dass wir nie wieder lachen. Denn dieser hätte sich nicht für uns gewünscht, dass wir durch seinen Tod die Lebensfreude verlieren", meint Rolf Schmiel.

Wie können Großeltern dem eigenen Kind in dieser furchtbaren Zeit am besten beistehen? 

Für Großeltern, die sich nicht sicher seien, wie sie ihrem trauernden Kind in der schweren Zeit am besten beistehen können, hat der Psychologe einen praktischen Rat: Nachfragen. Schon die einfache Frage: "Was kann ich für dich tun?" könne helfen – allerdings nur, wenn man es dann auch aushält, das zu tun, was das trauernde Kind sich wünscht. Auch der Wunsch nach Ruhe und Distanz müsse dann ernst genommen und respektiert werden, so der Psychologe. "Häufig meinen wir, in solchen Situationen wieder sehr bemutternd sein zu müssen. Doch nicht immer ist viel gemacht auch gut gemacht." Wenn der Kontakt zu den eigenen Kindern gerade nicht möglich ist, sei es für Großeltern gut, sich mit der eigenen Trauer an den Freundeskreis, andere Verwandte oder an Therapeuten zu wenden.

Wenn der Schmerz zu groß wird: Hilfe suchen!

Der Verlust von Kindern, gerade bei Fehlgeburten, sei leider ein erschütternd häufiges Phänomen, erklärt Rolf Schmiel, so dass es auch für Großeltern viele Möglichkeiten gebe, sich Hilfe zu suchen. In den meisten größeren Städten gebe es neben Therapeuten auch Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen für verwaiste Großeltern. Das Problem sei dabei eher ein anderes: "Die meisten schämen sich, sie zu nutzen. Es gibt da einen passenden Therapeutensatz: 'Scham verhindert Heilung.' Und zwar in dem Moment, wo ich denke: 'Ich darf mich nicht so wichtig nehmen in meiner Trauer, für andere ist das viel wichtiger'", so Schmiel. "Wenn der Schmerz da ist, lass dir helfen!"

Anlaufstellen für trauernde Familien und Großeltern