Stress für Babys und Spätfolgen

Wenn Eltern immer aufs Handy schauen: So krank können Kinder davon werden

Eine Mutter schaut auf ihr Smartphone, während sie ihr Kind auf dem Arm hat.
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18. Mai 2020 - 9:49 Uhr

Neue Studie: Wie schlimm ist die Ablenkung der Eltern für Kinder wirklich?

Hallo, ist da jemand? Gerade die ersten Jahre im Leben eines Kindes sind extrem wichtig für die Bindung zu den Eltern - und auch für die Bindungsfähigkeit im späteren Leben. Doch wenn Mama oder Papa ständig am Handy sind, kann das gravierende Folgen haben - und das viel schneller, als vielen Eltern bewusst ist. Eine aktuelle Studie aus der Schweiz versucht herauszufinden, wie schlimm die Ablenkung der Eltern für Kinder wirklich ist.

Babys geraten in Stress, wenn sie keine Reaktion der Mutter erhalten

Eine junge Mutter schaut in der S-Bahn auf ihr Handy, während ihr Baby im Kinderwagen vergeblich ihren Blick sucht. Auf dem Spielplatz sitzen Eltern auf der Bank und sind mit ihren Handys beschäftigt, anstatt auf die Dreijährige zu schauen, die von der Rutsche aus zu ihnen hinüberblickt. Im Fastfood-Restaurant sitzt ein Kleinkind auf dem Hochstuhl und würde Papa gerne eine zermatschte Pommes abgeben, wenn der nicht vom Handy abgelenkt wäre. Solche Szenen spielen sich täglich in ganz Deutschland ab, inzwischen völlig normal.

Die Folgen für die Entwicklung und die Bindungsfähigkeit von kleinen Kindern sind nach Expertenmeinung erheblich. Beim sogenannten Still-Face-Experiment forderten Forscher die Mutter auf, mit plötzlich versteinertem Gesicht nicht mehr auf ihr Baby zu reagieren. Resultat: Die Babys gerieten in großen Stress und versuchten mit Strampeln, Armwedeln und schließlich Weinen die Zuwendung der Mutter wiederzubekommen.

"Ähnliche Reaktionen könnte der ständige Blick aufs Smartphone auslösen. Säuglinge könnten resignieren, weil die Lebendigkeit der Mimik fehlt und permanent dem Smartphone zugerichtet ist", schreiben Schweizer Forscherinnen, darunter Agnes von Wyl, in dem Aufsatz "Der Blick zum Säugling - gestört durch Smartphones?". Von Wyl forscht an der Züricher Hochschule für Angewandte Psychologie (ZHAW) und hat zur Untermauerung dieser Hypothese gerade eine Studie mit dem Titel 'Smart Start' abgeschlossen. "Die Hauptfragestellung ist, ob die Smartphone-Nutzung der Eltern einen Einfluss auf die Eltern-Kind-Interaktion und somit auf die Entwicklung des Kindes hat - insbesondere die Bindung", sagt sie.

Mit vier Monaten stellen Babys bereits fest, dass ihre Eltern sie ignorieren

"Wenn das Kind eine sichere Bindung hat, dann sucht es immer wieder den Kontakt", sagt Entwicklungspsychologin Sabina Pauen von der Universität Heidelberg. Hat die Mutter aber einen teilnahmslosen Blick - etwa weil sie psychisch krank ist oder das Kind wegen des Handys dauernd ignoriert - dann stelle man bei diesen Kindern schon im Alter von vier Monaten fest, dass sie den Blick vermeiden. "Sie lernen: Es ist unangenehm, wenn die Mutter nicht zurückschaut, also schaue ich lieber nicht hin", erklärt die Forscherin. "Schon ganz kleine Kinder resignieren dann."

Fütter- und Einschlafstörungen wegen Handynutzung der Mutter

Das sieht Till Reckert, Kinderarzt und Medienreferent im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ähnlich. "Die kleinen Kinder erleben etwas, dass sie mutmaßlich nicht verstehen: Die erwachsene Bezugsperson ist körperlich da, seelisch aber nicht." Er hat nach eigenen Worten "Sorgen, wenn die heute sehr früh an das Handy gewöhnte Generation Eltern wird". Denn je mehr das Handy "angewachsen" sei, desto eher behindere es bei der nötigen Präsenz für die Kindererziehung der nächsten Generation. So komme es zu Fütter- und Einschlafstörungen, wenn die Mutter digitale Medien während der Versorgung des Babys nutze - ein erster Hinweis auf eine Bindungsstörung.

"Das Thema wird total unterschätzt, wir brauchen unbedingt Aufklärung"

Auch Rainer Riedel, Direktor des Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung Köln und Mitverfasser der BLIKK-Studie, unterstreicht: "Säuglinge brauchen die Nähe der Eltern und deren Blickkontakt. Das ist unersetzlich, um unter anderem das Urvertrauen mit aufzubauen", sagt er. "Der allgegenwärtige Zugang zu digitalen Medien ist das größte In-Vivo-Experiment, das jemals stattgefunden hat. Wir wissen derzeit nicht, wie sich das auf uns Menschen in 20 oder 30 Jahren auswirken könnte."

Was tun? "Das Thema wird total unterschätzt, wir brauchen unbedingt Aufklärung", sagt Pauen. Wie Riedel schlägt auch sie vor, dass werdende Eltern bereits während der Schwangerschaft von Gynäkologen und Hebammen für das Thema sensibilisiert werden. Sonst könnten bei den Kindern später Konzentrationsstörungen, Empathiemangel oder Defizite bei der Aufmerksamkeitsentwicklung die Folge sein. "Und erst wenn es zu spät ist, kommen die Eltern dann zum Kinderarzt."

Tipps gegen Handysucht

Greifen auch Sie zu oft zum Smartphone? Diese 6 Tipps helfen bei Jugendlichen und Erwachsenen, die Handynutzung in den Griff zu bekommen. Oft genügt auch ein Check am Abend auf die Bildschirmzeit, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wieviel Zeit man tatsächlich am Handy verbringt. Der Fakten-Check reicht oft aus, um die Nutzungszeit freiwillig runterzuschrauben.