Rassistische Hetze in England

Was wäre, wenn Sané verschossen hätte?

Sané ist zum Glück nicht in der gleichen Situation wie Rashford.
Sané ist zum Glück nicht in der gleichen Situation wie Rashford.
© imago images/Matthias Koch, Matthias Koch via www.imago-images.de, www.imago-images.de

13. Juli 2021 - 22:54 Uhr

Von Tobias Nordmann

Drei junge englische Fußballer verschießen im Final-Drama der EM gegen Italien ihre Elfmeter. Was danach passiert, ist an Widerlichkeit nicht zu überbieten. Die schwarzen Spieler werden rassistisch übelst beleidigt. Die Empörung ist groß. Doch auch in Deutschland wäre so etwas möglich.

Gegen die drei jungen, schwarzen Nationalspieler entlud sich eine erbarmungslose Wut

Marcus Rashford hat auch Liebe erfahren. Und es wird immer mehr. Ein kleiner "Lovestorm" fegt über ihn, über Jadon Sancho und Bukayo Saka hinweg. Über das Trio, was in England so viel Hass erfahren hatte. Das ist eine gute Nachricht nach der englischen "Nacht der Schande". In der Nacht von Sonntag auf Montag war der Hass eskaliert. Der rassistische Hass, dessen Ziel Rashford wurde. Er hatte seinen Strafstoß im EM-Finale gegen Italien an den Pfosten gesetzt, von dort sprang der Ball ins Aus. Nach dem 23-Jährigen vergaben auch Sancho und Saka. Italien war Europameister. Italien feierte. England weinte. England eskalierte. England schockte sich selbst. Und die Welt. Gegen die drei jungen, schwarzen Nationalspieler entlud sich eine erbarmungslose Wut.

Ein Wandgemälde in Withington, aus dem Rashford stammt und das ihn zeigt, wurde zunächst mit Schimpfworten beschmiert. Dies wurde anschließend aber von vielen Fans mit unterstützenden Botschaften und Herzen überdeckt. Via Instagram bedankte sich der Fußballer von Manchester United mit einer langen, emotionalen Nachricht: "Ich bin Marcus Rashford, 23 Jahre alt, schwarzer Mann aus Withington und Wythenshawe, South Manchester. Wenn ich nichts anderes habe, habe ich dies. Für alle freundlichen Nachrichten, danke. Ich werde stärker zurückkommen. Wir werden stärker zurückkommen." Eine großartige Reaktion auf den Hass. Souverän gegen all die Wut.

Soccer Football - Stand Up to Racism Demonstration at the Marcus Rashford mural after it was defaced following the Euro 2020 Final between Italy and England - Withington, Manchester, Britain - July 13, 2021 Benjamin Wheeler stands in front of the Mar
Ein Wandgemälde in Withington, aus dem Rashford stammt und das ihn zeigt, wurde zunächst mit Schimpfworten beschmiert. Jetzt hängen da Fan-Botschaften.
© REUTERS, PETER POWELL, ao

Erinnerungen an "Fall Mesut Özil"

Es war eine Wut, die sich rund um Wembley offenbarte. Aber noch viel mehr in den sozialen Medien, wo sich eine absurde Anzahl von Menschenfeinden (zum Glück immer noch die Minderheit) wild aufputschte. Im Schutze der (vermeintlichen) Anonymität des Internets enthemmte sich ihre Wut aufs Leben. "Menschen haben die sozialen Medien und sie tragen Hass in ihren Herzen. Eine fatale Kombination", sagte der englische Autor Musa Okwonga bei ntv.de. Es war die Wut wegen einer Niederlage in einem Fußball-Spiel. Eine schmerzhafte Niederlage, ohne Frage. England muss weiter auf einen Titel warten, Wembley 1966 bleibt der einzige Triumph. Aber rechtfertigen Schmerz und Sehnsucht eine solche Eskalation? Es ist eine rhetorische Frage. Nichts rechtfertigt das, was sich einige Menschen in der Nacht geleistet haben. Beleidigungen, Drohungen, schlicht: Gewalt.

Die Empörung ist nicht groß, sie ist riesig. Prinz William etwa ist "angewidert von den rassistischen Beschimpfungen." Auch Premierminister Boris Johnson klagte: "Dieses England-Team verdient es, als Helden verehrt und nicht rassistisch beschimpft zu werden. Die Verantwortlichen für diese entsetzlichen Beschimpfungen sollten sich schämen." Nun wirken diese Sätze von Johnson etwas eigenartig, denn zuletzt hatte er immer wieder Verständnis für Menschen gezeigt, die ihren Unmut über das Knien der Spieler gegen Rassismus sowie die Bewegung "Black Lives Matter" äußerten.

Nun macht es einem diese englische "Nacht der Schande" leicht, sich zu empören, die Vorfälle zu verurteilen, die eigene Fassungslosigkeit auszudrücken. Nur mit dem Finger sollte man besser nicht nach England zeigen. Es ist gerade drei Jahre her, dass die öffentliche Meinung am "Fall Mesut Özil" in (mindestens) zwei Teile zerbrach. Die legitime Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Fotos mit dem wegen seiner aggressiven, repressiven und autoritären Politik international umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan driftete rasend schnell ab in persönliche, oftmals rassistische Attacken.

Tief gekränkt zog sich der Spielmacher nach dem WM-Debakel 2018 in Russland aus dem DFB-Team zurück. Mit einer knallharten Abrechnung, mit dem Vorwurf, vom Verband nicht genügend unterstützt worden zu sein. Einen guten Umgang mit dem "Fall Özil" fand Deutschland nicht. Zu keiner Zeit. Bis heute nicht. Özil ist noch immer eine gnadenlose Reizfigur.

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Sané - bemüht, aber unglücklich

Zu einer solchen ist bei der gerade beendeten Europameisterschaft auch Leroy Sané geworden. Er wollte sich der Welt auf höchstem Niveau beweisen. Wollte für sein Land ein Unterschiedsspieler werden. Zwischen Anspruch und gezeigten Leistungen klaffte eine wahnsinnige Differenz. Sané war bemüht, aber unglücklich. Man darf das kritisieren. Natürlich. Ein Fußballer muss das aushalten. Aber auch in die Debatte um Sané mischten sich in den sozialen Medien die Menschenfeinde ein, die das Thema auf die rassistische Ebene eskalierten. Weil sie nicht argumentieren wollten, sondern nur ein Ziel für ihre Menschenfeindlichkeit suchten. Es war allerdings in der Quantität kein Vergleich mit den Attacken gegen die drei jungen Engländer nun.

Oft wurde beim Thema weggeschaut. Das ist anders geworden. Der Kampf gegen Rassismus ist vom Fußball endlich angenommen. Die knienden Engländer sind zum Symbol geworden. Die anfänglichen Pfiffe der eigenen Fans weniger. Weil eben nicht mehr alles hingenommen wird. Weil die, die früher weggeschaut haben, nun häufiger hinschauen und sich wehren. Es wird Antonio Rüdiger gefallen. Der Nationalspieler kämpft seit Jahren vehement gegen Rassismus, ist als schwarzer Fußballer oft genug selbst beleidigt worden. Im Interview mit DFB.de sagte er noch im April dieses Jahres: "Für diese Leute habe ich ganz klare Worte: Sie sind Mittäter, ganz einfach. Meines Erachtens sollten diese Leute mitbestraft werden. Wer Rassismus deckt oder schweigend toleriert, der ist auch Teil des Problems."

Man möchte sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Deutschland im EM-Finale drei Elfmeter verschossen hätte. Wenn die Schützen beispielsweise die Namen von Sané, von İlkay Gündoğan (beide wurde 2019 beim Länderspiel in Wolfsburg von deutschen Fans auf der Tribüne rassistisch angegangen), von Rüdiger, oder Serge Gnabry getragen hätten.

Frühes DFB-Aus als glückliche Fügung?

Die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestufte AfD (ob das zulässig ist, entscheidet das Verwaltungsgericht Köln erst im kommenden Jahr) hat mit ihrer "Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen"-Attitüde das Terrain für Attacken geebnet. Übrigens nicht nur beim Umgang mit rassistischen Aussagen, auch beim Thema Diversität zeigt sich so mancher Rechtspopulist gerne mal als Gegner einer offenen und inklusiven Gesellschaft. Gerade erst bei der EM geschehen, als Uwe Junge sich über Manuel Neuers Regenbogenbinde auf absurde Weise echauffierte. Von der Parteispitze kassierte er, angesichts der Äußerungen ihrer Vertreter durchaus überraschend, eine Ausschlussdrohung.

Womöglich ist eine glückliche Fügung für Deutschland gewesen, dass sich das Kollektiv nach dem frühen EM-Aus gegen England für Joachim Löw als Schuldigen entschieden hatte. Und ein bisschen noch für Thomas Müller. Der aber ist im Land so beliebt, dass man eher Mitleid mit ihm hatte, als dass man es ihm übel nahm. Anders lief's in Frankreich. Der Knockout im Achtelfinale gegen die Schweiz wurde Megastar Kylian Mbappé angelastet. Der hatte tatsächlich ein schwaches Turnier gespielt und den entscheidenden Elfmeter vergeben. Aber auch hier: Fundierte Kritik wurde von einem stumpfen Rassismus überlagert. Wo ist die Kausalität zwischen Hautfarbe und Fehlschuss? Es gibt keinen. Und es ist so bitter, dass man so eine Antwort überhaupt aussprechen (aufschreiben) muss.

Marcus Rashford bekannte am Montagabend, am Tag nach seinem bitteren Fehlschuss: "Ich kann mir Kritik an meiner Leistung den ganzen Tag lang anhören, mein Elfmeter war nicht gut genug, er hätte reingehen sollen, aber ich werde mich niemals dafür entschuldigen, wer ich bin und wo ich herkomme." So ist es. Und so sollte es immer sein.

(tno)

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