Auch besser für Autofahrer

Vorbild Niederlande: So macht Fahrradfahren in der Stadt richtig Spaß!

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19. September 2019 - 16:44 Uhr

von Ingo Jacobs

"Fahrradfahren? In Köln? Ich bin doch nicht lebensmüde", sagt TV-Satiriker Jan Böhmermann. Seit 30 Jahren lebe ich in Köln und seit 30 Jahren bewege ich mich in dieser Stadt vor allen Dingen mit dem Fahrrad. Und in vielen Bereichen der Stadt ist es purer Stress. Der reinste Überlebenskampf - selbst bei defensiver Fahrweise. Warum ist das so - und warum wird das nicht oder nur so langsam geändert, frage mittlerweile nicht nur ich mich!?

Immer mehr Radfahrer - trotz schlechter Infrastruktur

Denn Köln eignet sich, wie so viele andere Städte in Deutschland, ganz wunderbar zum Radfahren: In der Rheinebene gibt es keine Hügel und kaum eine tägliche Strecke ist weiter als 10 Kilometer. Und Fahrradfahren ist gut für die Gesundheit, es spart Geld, es spart Platz und ist dazu auch noch emissionsfrei. Alles spricht also dafür, kürzere Distanzen mit dem Drahtesel zu bewältigen. Auch das Verkehrsministerium hat die Zeichen der Zeit längst schon erkannt: "Das Fahrrad liegt in Deutschland mehr denn je im Trend. Immer mehr Menschen verzichten vor allem bei Distanzen von bis zu 15 Kilometern auf ihr Auto und nehmen stattdessen das Fahrrad."

Die Verkehrsplanung ist veraltet und den neuen Anforderungen nicht gewachsen

In den Ballungsräumen nehmen die Aktivitäten hinsichtlich Fahrradinfrastruktur merkbar zu. Statt aber auf den neuesten Kenntnisstand zu setzen, wenden die meisten Verkehrsplaner immer noch Techniken aus den 1970ern an, sagen viele Kritiker. Ein Radschutzstreifen wird links neben parkende Autos gepinselt - und fertig ist die neue Radstrecke. Aber besonders sicher und einladend ist das nicht!

Warum, fragen sich viele Radfahrer, holen sich deutsche Planer nicht die Expertise da, wo sie offensichtlich ist: in den Niederlanden. Nicht umsonst gelten sie als das Fahrradparadies schlechthin. Aber es ist viel mehr als nur das: Es ist ein Infrastruktur-Paradies, auch für andere Fortbewegungsarten. Warum das so ist, habe ich mir von dem niederländischen Radverkehrsexperte Sjors van Duren erklären lassen.

„Die Niederlande sind auch das beste Land für Autofahrer!"

Sjors van Duren
Sjors van Duren ist Experte für nachhaltige Mobilität bei der Beratungsfirma Royal HaskoningDHV. Er weiß, worauf es bei der Planung einer guten Infrastruktur, auf der sich alle Verkehrsteilnehmer wohlfühlen, ankommt.
© Sjors van Duren

Herr van Duren, was sind die Grundzutaten für eine für alle Verkehrsteilnehmer sichere und angenehme Infrastruktur?

Der Grundsatz ist: Sicherheit für alle Nutzer! Selbstverständlich müssen unterschiedlich große Massen und Geschwindigkeiten getrennt werden. Als erstes muss dann definiert werden: Wo macht man das Autofahren leicht? Danach definiert man den Rest des Netzes: Wo macht man das Wohnen, Leben, Spazierengehen, Wandern leicht und wo verlangsamt man dafür das Autofahren? Als nächstes muss das Hauptnetz für den Radverkehr definiert werden: Wo wird mehr Raum für den Radverkehr gewährt, für eine bequeme, sichere und schnelle Fahrt? Dann muss über politische Entscheidungen die Finanzierung für den Ausbau dieses Radnetzes langfristig gesichert werden. Danach kann entworfen werden. Wichtig ist, dass die Entwürfe berücksichtigen, wie sich Radfahrer im Verkehr verhalten. Ein Fahrrad ist kein Auto und ein Fahrradfahrer ist kein Autofahrer! Das Verhältnis zum Raum, in dem man sich befindet, ist ganz anders.

Viele Menschen haben Vorbehalte gegen den Ausbau der Fahrradinfrastruktur, weil sie den Wegfall von PKW-Stellplätzen befürchten. Wohin mit all den PKW - Autos können ja schlecht grundsätzlich verboten werden?

Das Auto muss nicht überall weg. Um ein sicheres Netz für Radfahrer anzulegen, muss Raum geschaffen werden. Und das meint auch nicht, dass alle Parkplätze in den Straßen verschwinden. Es läuft darauf hinaus, dass Autobesitzer weiter laufen müssen, um zu ihrem Fahrzeug zu kommen. Aber: Der öffentliche Raum gehört uns allen, nicht nur den Anwohnern und Besitzern von ein, zwei oder drei Autos!

Verweist man in Diskussionen auf das niederländische Modell, bekommt man in Deutschland oft zu hören: Das geht bei uns aber nicht! Sehen Sie in Deutschland irgendwelche Gründe, warum und wo es tatsächlich nicht wie in den Niederlanden funktionieren könnte?

Nein, eigentlich keine. Mit Pedelecs kann jeder jeden Hügel überwinden. Das Wetter ist fast gleich. Die Umgebungsbedingungen müssen geändert werden, damit es auch in Deutschland funktioniert. Und das ist ein Frage des politischen Willens. Was wird entschieden: Bauen wir Städte, um bequem Auto zu fahren oder bauen wir Städte für ein angenehmes, aktives, gesundes Leben?

Zurzeit herrscht in Deutschland eher ein Klima von Krieg zwischen Radfahrern und Autofahrern – auf den Straßen und auch als Thema in der Presse. Können Automobil und Fahrrad in friedlicher Koexistenz leben – oder muss man sie möglichst räumlich trennen?

Natürlich gibt es in den Niederlanden auch Ärger zwischen Radfahrern und Autos. Aber eben viel weniger: Weil auf den Hauptstraßen Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer gut getrennt werden. Das bedeutet immer: Sicheres und bequemes Fahren für die Radler auf genügend breiten Radwegen und weniger Stress für die Autofahrer. Die Niederländer sind übrigens wegen der guten Radinfrastruktur und wegen der klaren Trennung auf Hauptstraßen auch das weltweit beste Land für Autofahrer. Denn: Die meisten Autofahrten in Ballungsgebieten sind unter 7,5 km - in den Niederlanden und auch in Deutschland. Jeder Radfahrer ist ein Autofahrer weniger im Stau. Der Radfahrer sorgt so für mehr Frieden auf den Hauptstraßen - weil weniger Autos im Stau stehen.