"Missstände und Machtmissbrauch im Hause Axel Springer"

Verlag stoppt Recherchen über Bild-Chef

Julian Reichelt, Chefredakteur "Bild", im Studio.. Foto: Jörg Carstensen/dpa
Julian Reichelt, Chefredakteur "Bild", im Studio.. Foto: Jörg Carstensen/dpa
© deutsche presse agentur

18. Oktober 2021 - 16:56 Uhr

New York Times berichtete

Eine deutsche Mediengruppe verhindert die Veröffentlichung eines Berichts über "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt. In dem Artikel sollten "Missstände und Machtmissbrauch im Hause Axel Springer" offengelegt werden. Bekannt wird dies, weil die "New York Times" darüber berichtet.

Die Entscheidung des Zeitungsverlegers Dirk Ippen, einen Bericht über Recherchen nicht zu veröffentlichen, in deren Mittelpunkt "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt steht, hat international für Aufsehen gesorgt.

Die Geschichte hat drei Ebenen:

  1. Die eine bezieht sich auf Reichelt und Fragen der Unternehmenskultur bei Axel Springer. Dazu recherchierte das Investigativ-Team der Verlagsgruppe Ippen über mehrere Monate. Der Artikel sollte am vergangenen Sonntag erscheinen; zur Ippen-Gruppe gehören unter anderem der "Münchner Merkur" und die "Frankfurter Rundschau".
  2. Auf der zweiten Ebene geht es um den Umgang mit den Rechercheergebnissen durch den Verleger: Am vergangenen Freitag untersagte Dirk Ippen die Veröffentlichung, worauf das vierköpfige Investigativ-Team "schockiert" reagierte. Das schreiben sie in einem zweiseitigen Brief an Ippen, der auf Twitter nachzulesen ist.
  3. Über einzelne Details der Recherche wie auch über die verhinderte Veröffentlichung berichtete am Sonntag stattdessen die "New York Times" - das ist die dritte Ebene. Ben Smith, Medien-Kolumnist der Zeitung, schreibt in seinem Artikel, er habe in den vergangenen Wochen Dokumente einsehen können, zu denen das Ippen-Team Zugang hatte.

"Sex, Journalismus und Firmengeld"

Das Recherche-Team, bestehend aus Daniel Drepper, Marcus Engert, Juliane Löffler und Katrin Langhans, kommt aus dem ehemaligen deutschen Ableger des US-Medienunternehmens Buzzfeed, der im vergangenen Jahr von der Ippen-Gruppe übernommen und als "Ippen Investigativ" in die Verlagsgruppe eingegliedert wurde. Einen Buzzfeed-Hintergrund hat auch "New York Times"-Kolumnist Smith. Für die "New York Times" ist das Thema weit mehr als eine regionale deutsche Geschichte: Spätestens seit Übernahme des US-Nachrichtenanbieters Politico im vergangenen August ist Springer auch auf dem Medienmarkt der USA eine relevante Größe.

"Die Dokumente, die ich gesehen habe, zeichnen das Bild einer Arbeitskultur, die Sex, Journalismus und Firmengeld vermischten", schreibt Smith. Das Ippen-Team betont in seinem Brief, es habe "nach allen Standards der investigativen Recherche gearbeitet und wasserdichte, zur Veröffentlichung geeignete, neue und exklusive Informationen recherchiert". Hunderte Dokumente seien "in umfangreichen Faktenchecks auch mit den Justiziaren" der Verlagsgruppe durchgesprochen worden.

"Besonders irritiert" zeigen sich die vier Journalistinnen und Journalisten darüber, "dass für den Stopp der Recherche keine juristischen oder redaktionellen Gründe angeführt" worden seien. "Hierzu möchten wir klarstellen: Unsere Recherche-Ergebnisse deuten auf Missstände und Machtmissbrauch im Hause Axel Springer und durch den mächtigsten Chefredakteur Deutschlands hin."

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Vorwürfe gegen Reichelt: Machtmissbrauch, Beziehungen, Drogen

Diese Vorwürfe gegen Reichelt standen bereits im vergangenen März im Zentrum eines Compliance-Verfahrens innerhalb der Verlagsgruppe Axel Springer. Nachdem dieses Verfahren durch einen Bericht des "Spiegel" bekannt wurde, ließ Reichelt sich von seinen Funktionen freistellen. Zwei Wochen später legte Springer die Ergebnisse des Verfahrens vor. Reichelts Beurlaubung wurde aufgehoben, gleichzeitig wurde ihm die Chefredakteurin der "Bild am Sonntag", Alexandra Würzbach, als gleichberechtigte Vorsitzende der "Bild"-Chefredaktionen an die Seite gestellt.

In einer Pressemitteilung erklärte die Verlagsgruppe damals, im Kern der Untersuchung sei es um "die Vorwürfe des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen sowie Drogenkonsum am Arbeitsplatz" gegangen. Hinweise darauf seien nicht gefunden worden: "Entgegen der in einigen Medien kolportierten Darstellung gab es keine Vorwürfe und auch im Untersuchungsverfahren keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung. Julian Reichelt hat die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, die oben genannten Vorwürfe jedoch bestritten und dies auch eidesstattlich versichert."

Die festgestellten "Fehler in der Amts- und Personalführung" seien nicht strafrechtlicher Natur, hieß es damals weiter, so dass es nicht gerechtfertigt wäre, Reichelt von seinem Posten als Chefredakteur abzuberufen. Auch Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner sowie Reichelt selbst sprachen in der Pressemitteilung davon, dass der "Bild"-Chef "Fehler gemacht" habe.

Ippen verweist auf "direkte Konkurrenzsituation"

Relativ bald nach dieser Rehabilitierung Reichelts muss das Ippen-Team mit seinen Recherchen begonnen haben. Im Medienportal Übermedien schreibt Stefan Niggemeier, "dem Vernehmen nach" zeigten die Recherchen ein Verhalten, "durch das die Entscheidung des Unternehmens, ihn wieder zum Chefredakteur zu machen, unverständlich und skandalös wirkt".

Bei der Entscheidung von Verleger Dirk Ippen gegen den Bericht habe offenbar ein grundsätzlicher Unwille eine Rolle gespielt, "sich kritisch mit einem anderen Medienunternehmen auseinanderzusetzen, mit dem man in Konkurrenz steht", so Niggemeier weiter. Er zitiert ein Statement des Verlags, in dem es heißt, es solle der Anschein vermieden werden, "eine publizistische Veröffentlichung mit dem wirtschaftlichen Interesse zu verbinden, dem Wettbewerber zu schaden". Der Verlag erklärte weiter: "Unter den derzeit recherchierenden Titeln die ersten zu sein, die die Vorwürfe bringen, scheidet nach der Überzeugung der Gruppe wegen der direkten Konkurrenzsituation einzelner Titel und Angebote zwischen Axel Springer und der Mediengruppe Ippen aus."

Zu den Hintergründen der Entscheidung des Verlegers schreibt das Investigativ-Team in seinem Brief: "Auch die Anrufe der Springer-Verantwortlichen bei der Ippen-Mediengruppe sollen nicht der Grund gewesen sein - sondern persönliche Geschmacksfragen". Ein Ippen-Sprecher sagte dagegen Niggemeier zufolge: "Wir können ganz klar sagen, dass es keine persönliche Einflussnahme von Springer auf die Entscheidung gab." (ntv.de/hvo)