Sexuelle Funktionsstörung, die heilbar ist

Vaginismus: Woher kommen die Schmerzen beim Sex?

29. Januar 2020 - 21:56 Uhr

Vaginismus: Schmerzen machen Sex unmöglich

"Stell Dich doch nicht so an!", "Trink dich mal locker!", "Das bildest du dir doch nur ein!" Dies sind nur einige der Vorwürfe, die Frauen zu hören bekommen, die unter der immer noch relativ unbekannten Krankheit "Vaginismus" leiden. Erkrankt eine Frau an Vaginismus, bedeutet das, dass beim Sex eine unwillkürliche Verkrampfung der Scheiden- sowie Beckenbodenmuskulatur stattfindet. Wir haben uns mit Unterstützung der Psychologin Andrea Schaal genauer mit der sexuellen Funktionsstörung beschäftigt.

Welche Gründe es für Schmerzen beim Sex noch geben kann, zeigen wir im Video oben.

von Ines Schröder

"Beim Versuch etwas in die Vagina einzuführen, kommt es zu einer spastischen Muskelverkrampfung, auf die die Frau keinerlei Einfluss nehmen kann", erklärt Andrea Schaal. Die Schmerzen, die durch den Vaginismus ausgelöst werden, entstehen allerdings erst dann, wenn die Frau versucht, gegen den Willen ihres Körpers den Widerstand der Verkrampfung zu überwinden. In den meisten Fällen weiß die Frau nicht, was mit ihrem Körper los ist, da die sexuelle Reaktionsfähigkeit meist nicht beeinträchtigt ist. Berührungen des Partners werden wahrgenommen und die Fähigkeit, einen Orgasmus zu bekommen, besteht ohne jegliche Einschränkung.

Vaginismus beeinträchtigt Frauen oft auch bei der Menstruation

Unter Vaginismus leidende Frauen können schnell in eine Art Depression verfallen, da sie sich Nähe und Intimität zu ihrem Partner wünschen, dieser aber nicht nachgehen können. Oft ist es der Frau nicht einmal mehr möglich, einen Tampon in die Vagina einzuführen. Der Versuch führt zu starken Schmerzen und beeinträchtigt die Frau somit nicht nur beim Geschlechtsverkehr, sondern auch bei ihrer Menstruation.

Unkontrollierte Angst als Ursache für Schmerzen

"Die Ursachen für Vaginismus können unterschiedlich sein. Zunächst einmal sollte geklärt sein, ob körperliche Gründe ausgeschlossen werden können. Ist dies der Fall, sollte sich die Betroffene in jedem Fall psychologische Unterstützung suchen", sagt Andrea Schaal. Viele der Frauen, die unter Vaginismus leiden, empfinden Sex als etwas Gefährliches, Unangenehmes oder Schmerzhaftes. Häufig liegt dem ein Erlebnis aus der Vergangenheit zugrunde: Ein schmerzhafter oder ungeschickter Geschlechtsakt, unangenehme gynäkologische Untersuchungen oder gar ein sexueller Übergriff. Weitere Gründe können ein sexualfeindlicher Erziehungsstil der Eltern, partnerschaftliche Gründe, sowie die Angst vor einer Schwangerschaft oder Geburt sein.

Vaginismus ist heilbar

Dennoch ist Vaginismus eine Krankheit, die man mithilfe von Experten behandeln und heilen kann. Je früher Vaginismus erkannt wird, desto besser stehen die Chancen auf eine langfristige Heilung. Leider überhören betroffene Frauen häufig die Signale ihres Körpers und versuchen, gegen ihn zu arbeiten. Die Psychologin Andrea Schaal spricht in diesem Fall von einer eigenen Vergewaltigung: "Um den Partner nicht zu verlieren oder um einem eventuellen Streit aus dem Weg zu gehen, missachtet die Frau die Signale, mit denen ihr Körper sie schützen will."

Oft weiß die Betroffene nicht, warum ihr Körper mit dieser Abwehrhaltung reagiert. Dies liegt daran, dass sich der Körper an alles erinnern kann. Auch an das, was der Kopf schon längst vergessen hat. Vaginismus hat somit definitiv nichts mit Einbildung zu tun. Er ist eine ernstzunehmende Krankheit, die in jedem Fall behandelt werden sollte.

Heilmethode verspricht Sex ohne Schmerzen

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Bei Vaginismus versprechen bestimmte Heilmethoden eine Linderung der Beschwerden.
© Getty Images/iStockphoto, nd3000

Eine Therapie bei einem Sexualtherapeuten ist nach einer ärztlichen Untersuchung durchaus empfehlenswert. Eine vielversprechende Behandlungsmethode ist die langsame Gewöhnung. Hierbei wird beispielsweise zunächst nur die Hand auf den Unterleib gelegt, um der Frau ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Wenn die Betroffene damit gut umgehen kann, beginnt die Therapie mit sogenannten "Hägerstäben", die in die Vagina eingeführt werden. Hierbei soll der Frau geholfen werden, sich an das Einführen sehr kleiner Gegenstände in die Vagina zu gewöhnen, bis sie irgendwann dazu in der Lage ist, ohne Schmerzen oder Ängste Geschlechtsverkehr zu haben. Diese Methode ist nach wissenschaftlichen Untersuchungen am erfolgreichsten und verursacht die geringsten Schmerzen.

Allen Frauen, die unter Vaginismus oder unter nicht zu deutenden Schmerzen leiden, empfiehlt Andrea Schaal, absolut sorgsam mit sich umzugehen: "Schmerzen sind immer ein Zeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist." Denken Sie also daran: Vaginismus ist zu 100 Prozent heilbar. Vor allem hat jede Frau das Recht darauf, ehrlich sein zu können und eine gute emotionale, verständnisvolle Behandlung durch den Partner zu erfahren.