Kristian B. (63) soll das Land beleidigt haben

Deutscher Zahnarzt in der Türkei schuldig gesprochen - 16 Monate auf Bewährung

Er wollte einen Kurzurlaub in der Türkei machen, jetzt darf er nicht mehr nach Hause: Der 63-jährige Zahnarzt aus Wuppertal wartet in Antalya auf seinen Prozess.
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09. Dezember 2020 - 8:36 Uhr

Deutscher Zahnarzt Kristian B. vor Gericht - RTL-Reporterin vor Ort

Kristian B. wollte einen entspannten Kurzurlaub an der türkischen Riviera machen. Bei seiner Einreise geriet der Zahnarzt aus Wuppertal am Gepäckband des Flughafens in Antalya offenbar in einen Streit mit Türken. Dabei soll der 63-Jährige die Türkei als undemokratisch bezeichnet und den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan verhöhnt haben. Deshalb sei der Mediziner am 4. November festgenommen worden. Nun hat ihn ein Richter am Dienstag schuldig gesprochen. B. ist zu 16 Monaten und 20 Tagen auf Bewährung verurteilt worden – ohne Auflagen. Der Richter hat ihm sein gutes Verhalten zu Gute gehalten, berichtet RTL-Reporterin Kavita Sharma aus Antalya.

Zahnarzt vor Gericht: Er liebe die Türkei und die Türken

Artikel 299 des Strafgesetzbuches sieht für Präsidentenbeleidigung bis zu vier Jahre Haft vor.
Artikel 299 des Strafgesetzbuches sieht für Präsidentenbeleidigung bis zu vier Jahre Haft vor.
© AP, BO

Ob er die Vorwürfe gegen ihn kennen würde, fragt der türkische Richter den deutschen Zahnarzt gleich zu Beginn der Verhandlung. Er kenne sie, aber akzeptiere sie nicht, antwortet B. Dann wird der Richter konkreter. Er fragt, ob B. die Türkei ein "beschissenes Land" genannt und alle Muslime als "Mörder" bezeichnet habe? Der Zahnarzt verneint und betont, dass er schon öfter in der Türkei gewesen sei und das Land liebe. Muslime habe er niemals als "Mörder" bezeichnet, auch habe er den türkischen Präsidenten Erdogan in dem Zusammenhang nicht genannt. 3.000 seiner Patienten seien Muslime, erklärt der 63-Jährige.

Hintergrund des Streits sei die Missachtung des Corona-Mindestabstands gewesen. Viele Passagiere hätten die Abstandsregeln am Gebäckband missachtet, verteidigt sich der Arzt. Da er aufgrund seines Alters zur Risikogruppe gehöre, habe er um die Einhaltung der Regeln gebeten.

Vor Gericht stellt eine Zeugin die Situation aber anders dar. Sie habe beobachtet, wie ein Mann seinen Koffer vom Gepäckband nehmen wollte, der Zahnarzt aber den Weg blockierte und den Mann auf die Abstandregel aufmerksam machte. Dann sei es zum Streit gekommen. B. habe den Mann als "Scheiß Türke" bezeichnet und die bereits genannten Vorwürfe ausgesprochen, dass alle Muslime "Mörder" seien und Erdogan einer der größten sei. Dann habe sie die Polizei gerufen. Auch der betroffene Passagier sagt aus und bestätigt, dass B. sich aggressiv verhalten hat. Die Beleidigungen kann er aber nicht bestätigen.

In der Türkei schuldig gesprochen: Arzt darf nach Deutschland zurückkehren

RTL-Reporterin Kavita Sharma ist vor Ort und berichtet über die Verurteilung des Arztes aus Wuppertal.
RTL-Reporterin Kavita Sharma ist vor Ort und berichtet über die Verurteilung des Arztes aus Wuppertal.
© RTL

Der Arzt bestreitet die Vorwürfe wiederholt, berichtet RTL-Reporterin Sharma. Vor dem Gepäckband sei nur Platz für zwei Personen gewesen und die Frau habe sich zwischendrängeln wollen. Dennoch hat ihn der Richter nach einem Monat Untersuchungshaft zu einer Strafe von insgesamt 16 Monaten und 20 Tagen, die zur Bewährung für fünf Jahre ausgesetzt wurde, verurteilt. B. wurde demnach für Präsidentenbeleidigung und Herabwürdigung eines Teil des Volkes verurteilt.

Bei der Verlesung des Urteils habe der Mediziner ruhig gewirkt, berichtet RTL-Reporterin Sharma. Während des Prozesses habe er allerdings einen nervösen Eindruck gemacht, er habe sehr schnell gesprochen. Sein Anwalt Ahmet Ünal Ersoy sagte, sein Mandat sei vom Urteil überrascht worden. Da es aber keine Auflage zur Haftentlassung gebe, werde er so bald wie möglich nach Deutschland zurückkehren und dort weiter als Zahnarzt arbeiten.