Die beiden Trainer-Exporte im Vergleich

Tuchel oder Klopp - Wer ist wirklich die Nummer 1 der deutschen Coaches?

Jürgen Klopp (l.) und Thomas Tuchel haben einen sehr ähnlichen Werdegang.
Jürgen Klopp (l.) und Thomas Tuchel haben einen sehr ähnlichen Werdegang.
© imago/Horstmüller, imago sportfotodienst

31. Mai 2021 - 12:28 Uhr

Ein Duell auf Augenhöhe - eigentlich

Von Sebastian Hochrainer

Sie sind Trainer, aus Deutschland, haben Erfolg, nahezu den gleichen Werdegang – und doch trennen sie Welten. Jürgen Klopp und Thomas Tuchel sind die besten Coach-Exporte unseres Landes. Doch während "Kloppo" der überall gefeierte Held ist, kommt Tuchel auf all seinen Stationen deutlich schlechter weg – trotz ähnlicher oder noch größerer, oder schnellerer Erfolge. Vielleicht ändert ja nun der Sieg in der Champions League mit dem FC Chelsea etwas an seinem Standing. Ein Versuch, herauszufinden, welcher der beiden Trainer wirklich der bessere ist.

Die Anfänge

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Thomas Tuchel und Jürgen Klopp waren erfolgreiche Mainz-Trainer.
© imago/Jan Huebner, Huebner/Ulrich, imago sportfotodienst

Am 28. Februar 2001 startete die Trainer-Karriere von Jürgen Klopp. Christian Heidel entschied sich an Karneval, seinen Ex-Spieler von Mainz 05 zum Coach zu machen. Zunächst ging es um den Klassenerhalt in der zweiten Liga – geschafft. Dann wurde es dramatisch. Zweimal scheiterten die Kloppo-Mainzer im letzten Moment am Bundesliga-Aufstieg, 2004 schafften sie es dann doch in die Beletage – als keiner mehr dran glaubte. Klopps erster ganz großer Erfolg. Dann schaffte er zweimal den Klassenerhalt in der Bundesliga, im dritten Jahr ging es wieder runter in Liga zwei. In seiner achten Saison als Trainer wurde Klopp in der 2. Liga schon wieder Vierter – aber in die Bundesliga ging es für ihn trotzdem. Borussia Dortmund verpflichtete ihn.

Tuchel hatte keinen Kaltstart wie Klopp. Er war Jugendtrainer in Stuttgart und Augsburg, ehe er die U19 von Mainz übernahm. Am 3. August 2009 löste er dann Jörn Andersen, der die 05er gerade erst in die Bundesliga geführt hatte, bei den Profis ab – wieder eine enorm mutige Entscheidung von Heidel, die sich auszahlte. Denn Tuchel und die Mainzer rockten die Bundesliga. In seinem ersten Jahr wurde er gleich Neunter, in der Folge-Saison ging es dann sogar als Fünfter nach Europa – unglaublich für damalige Mainz-Verhältnisse. Die Bruchweg-Boys, ein Trio bestehend aus Andre Schürrle, Lewis Holtby und Adam Szalai, sorgten dafür, dass das Tuchel-Team sogar zeitweise ganz oben stand. Es folgten zwei 13. Plätze, dann wieder ein starker siebter Rang. Und dann brauchte Tuchel eine Pause. Er machte ein Sabbat-Jahr, bildete sich weiter, führte unter anderem legendäre Fachgespräche mit Pep Guardiola.

Klopp und Tuchel – diesen beiden Männern wird Mainz auf ewig dankbar sein. Klopp brachte den Club erstmals in die Bundesliga, Tuchel etablierte sie später da und schaffte es sogar nach Europa. Zwar hat Klopp seinem späteren Nach-Nachfolger erst die Möglichkeit dafür geschaffen, aber Tuchel war auch verhältnismäßig der erfolgreichere Mann in Mainz.

Der BVB

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (l) und Trainer Jürgen Klopp vom Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund feiern am Sonntag (15.05.2011) auf einem Umzugswagen mit einem Autokorso die Meisterschaft in Dortmund. Der BVB ist deutscher Fußball-Meiste
Hans-Joachim Watze (l.) trauert noch heute seinem Kumpel Jürgen Klopp nach.
© dpa, Bernd Thissen

Auf sieben Jahre Mainz folgten für Klopp sieben Jahre Dortmund – und was für welche. Der BVB lag am Boden, war ganz weit weg von dem Glamour der Vergangenheit. Und dann kam da dieser Trainer aus Mainz und verzauberte eine ganze Region. Hans-Joachim Watzke macht heute noch keinen Hehl daraus, dass Klopp sein Liebling war und er, wenn es nach ihm ginge, immer wieder zurückkehren (und zwar bestimmt auf Lebenszeit) könnte. Warum? Klopp führte Dortmund wieder nach oben, in seinem dritten Jahr wurde er Meister, im vierten Jahr schon wieder. In der Saison 2011/12 war es sogar das Double. 2013 hätte es beinahe den noch größeren Wurf gegeben, aber der BVB verlor das Finale der Champions League knapp gegen den FC Bayern. Nach zwei Vizemeisterschaften kam dann mal die Klopp-Krise, Dortmund spielte 2014/15 lange gegen den Abstieg, schaffte aber noch die Kurve und wurde Siebter. Kloppo wollte aber nicht mehr und erklärte sein Ende beim BVB.

Sein Nachfolger? Thomas Tuchel. Und der hatte ein gewaltiges Problem: Klopp. Denn der BVB war so verzaubert von den vergangenen sieben Jahren, dass er nicht wirklich einen anderen Typen akzeptierte. Tuchel war nicht der Charisma-Bolzen, keiner, der die Massen anpeitschte und mitriss, kein Sprücheklopfer. Tuchel setzte auf die Gesundheit der Spieler, auf Taktik, lieferte in Pressekonferenzen Analysen, war immer freundlich – aber kein Menschenfänger. Aber es funktionierte. Tuchel machte den BVB wieder zum Vizemeister, in der zweiten Saison wurde er Dritter, aber aber vor allem holte er seinen ersten Titel, den DFB-Pokal. Reichte den BVB-Bossen aber nicht, Tuchel musste Abschied nehmen – auch weil die Meinungsverschiedenheiten nach dem Terroranschlag auf den BVB-Bus den Zwist zwischen Club und Trainer verschärften – nach zwei erfolgreichen Jahren, aber ohne besonders viele weinende Augen. Vor allem nicht bei Watzke, der noch immer nur an seinen Kloppo dachte.

Tuchel hatte nie die Chance, eine Ära wie Klopp beim BVB zu prägen. In zwei Saisons hat er sich sportlich nichts zu schulden kommen lassen, er ist nach wie vor der BVB-Trainer mit dem besten Punkteschnitt. Aber es war nie die "echte Liebe", weil die Liebe auch nie eine Chance hatte. So war Klopp in Dortmund der erfolgreichere Mann. Auch weil er dafür verantwortlich ist, dass der BVB nachhaltig wieder zu den Spitzenclubs in Deutschland gehört.

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Das Ausland

 Manchester City v Chelsea - UEFA Champions League - Final - Estadio do Dragao Chelsea manager Thomas Tuchel celebrates with the trophy after the UEFA Champions League final match held at Estadio do Dragao in Porto, Portugal. Picture date: Saturday M
Tuchel holte mit dem FC Chelsea den Henkelpott.
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Klopp wollte nach dem BVB auch eine Pause machen. Doch dann kam die Gelegenheit, die er sich so sehr gewünscht hatte. Der FC Liverpool wollte ihn und Kloppo konnte nicht "nein" sagen. Er wollte an der Linie im Anfield stehen und zigtausende Menschen "You'll never walk alone" grölen hören. Und er wollte die Reds wie zuvor den BVB wie der dahin bringen, wo sie mal waren. An die Spitze. Und das schaffte er – natürlich. Es brauchte etwas Anlaufzeit: erste Saison Platz, dann zweimal Vierter. Dann aber kam der große Durchbruch. 2019 wurde Liverpool Champions-League-Sieger und hatte eine Meister-Ausbeute in der Premier League. 97 Punkte reichten aber tatsächlich nicht aus für den Titel. Den gab es dann aber ein Jahr später. Und zwar den ersten nach 30 Jahren. Spätestens da war Klopp nicht nur der Held von Mainz und Dortmund, sondern auch der von Liverpool. In dieser Saison lief es aber nicht wieder nicht so prächtig. Im Endspurt quälten sich die Reds in der Premier League in die Champions League, in der Königsklasse war im Viertelfinale Schluss.

Nach den BVB-Jahren nahm sich Tuchel wieder lange Zeit für seine nächste Aufgabe. Wieder nutzte er das Jahr für sich, auch um sich sprachlich zu entwickeln. Und so gab er seine erste Pressekonferenz bei Paris St. Germain in geschliffenem Französisch. Im Sommer 2018 übernahm er dort. Aber wieder stimmte es nicht zwischen den Bossen und ihm. Nach zweieinhalb Jahren war an Weihnachten 2020 wieder Schluss. Es gab persönliche Differenzen, aber auch sportlich waren die Verantwortlichen nicht zufrieden, weil Tuchel noch nicht den Henkelpott nach Paris holen konnte, sondern im Finale an den Bayern scheiterte. Die beiden Meisterschaften waren eben auch nur Pflichtprogramm – das sein Nachfolger Mauricio Pocchettino übrigens wie den avisierten Champions-League-Titel verpasste.

So ging Tuchel im Januar zum FC Chelsea – der Jackpot für Club und Trainer. Aus dem Mittelmaß führte er sie mit taktischen Meisterleistungen zurück, es war nahezu unmöglich, gegen Chelsea Tore zu schießen. Das war es auch für Manchester City im Finale der Champions League. Tuchel schaffte also mit Chelsea das, was er mit Paris nicht schaffte. Welch eine Genugtuung. Und vorher sorgte er schon dafür, dass die Männer von der Stamford Bridge auch über die Premier League den Einzug in den Wettbewerb nächstes Jahr geschafft haben.

Das Fazit

Klopp hat mit seinen drei Clubs großen Aufstiege geschafft. Ohne ihn wären Mainz, Dortmund und Liverpool nicht dort, wo sie jetzt sind. Er hat es geschafft, die emotionalen Umfelder zu mobilisieren, die Vereine ordentlich aufgepäppelt und aufgemöbelt. Das hat er aber auch geschafft, weil ihm immer die Zeit dazu gegeben wurde. In Mainz stieg er ab, in Dortmund spielte er um den Abstieg, in Liverpool dauerte es, bis zu den ersten Erfolgen – das nahmen die Bosse hin, weil Klopp so ein Menschenfänger ist und ihr Vertrauen gewinnen konnte.

Tuchel hatte diese Zeit nie, und trotzdem war er erfolgreich. Europa mit Mainz, Pokalsieg mit Dortmund, Meisterschaften mit Paris und nun die Henkelpott-Krönung mit Chelsea. Und das, ohne ein Menschenfänger zu sein. Tuchel ist einfach ein großartiger Trainer, aber eben auch einer, der Probleme bekommt, wenn Bosse eine Kumpel-Stimmung haben wollen. Er ist eben ein ganz anderer Typ als Klopp. Sie trennen Welten. Sportlich jedoch nicht. Da kann es nur ein Ergebnis beim Vergleich zwischen Tuchel und Klopp geben: Unentschieden!