„Team Wallraff"-Reporter decken auf

Tod in Eifeler „Case Project": Was geschah mit der geistig behinderten Carola?

4. Dezember 2019 - 20:17 Uhr

Behandlung der psychisch erkrankten Bewohner grenzte an Folter und Psychoterror

Hunderte von Zuschriften erreichten das "Team Wallraff" unmittelbar nach Ausstrahlung der Sendung "Hinter geschlossenen Türen – Undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe". Vor allem die Behandlung der psychisch erkrankten Bewohner in der Einrichtung "Case Project" grenzte an Folter und Psychoterror. Die Bilder, die RTL-Reporter in der Einrichtung aufnehmen konnten, gingen unter die Haut - und lösten Diskussionen aus.

Mehr als 16 ehemalige Bewohner und ehemalige Mitarbeiter der Einrichtung "Case Project" haben sich nach der "Team Wallraff"-Reportage gemeldet. Alle wollten, dass endlich etwas in der Einrichtung passiert. Und alle haben den RTL-Reportern erzählt: "Es war noch viel schlimmer!". Wie schlimm die Zustände für manche Patienten und Mitarbeiter waren, zeigt unser Video.

Die beiden ehemaligen Mitarbeiter Tobias und Helge (Namen verändert) haben gegenüber "Team Wallraff" über einen Vorfall berichtet, der sogar mit dem Tod einer Bewohnerin endete.

Todesfall im Eifeler „Case Project"

Carola lebte aufgrund einer geistigen Behinderung seit Jahren in der Einrichtung "Case Project" in Wanderath. An einem Nachmittag im Frühjahr 2016 klagte die 28-Jährige über Unwohlsein und wirkte offensichtlich krank. Der damalige Praktikant Tobias erinnert sich: "Sie hat kaum noch Luft gekriegt. Ich wollte ihr ein Glas Wasser geben, weil sie danach gefragt hatte." Dann jedoch sei die Einrichtungsleiterin hinzugekommen und habe Carola auf den Boden gedrückt. Sie behauptete laut Tobias, dass Carola nur simuliere und forderte ihn auf, der offensichtlich erkrankten Frau das Glas Wasser ins Gesicht zu schütten.

Anschließend wies die Leiterin Tobias und einen zweiten Praktikanten an, Carola über die Treppe in den Deeskalationsraum zu bringen. Den Aufzug sollten sie dabei nicht benutzen, sondern die geschätzt 90 Kilo schwere Frau über mehrere Etagen hinweg in den Keller befördern.

Später am Abend beobachteten Zeugen, wie Carola auf der Matratze liegend aus dem Raum rausgezogen wurde in den Flur des Kellers. Tobias: "Da lag dann die Carola, bewegungslos, ohne irgendwas auf einer Gummimatratze und wurde dann wiederbelebt. Von einem Mitarbeiter, der meint, er wäre medizinisch gut ausgebildet. Ich habe den Mitarbeiter auf die Seite geschoben und habe gesagt, ich mache das jetzt, weil ich dementsprechend ausgebildet bin. Da wurde ich angeschrien, ich soll sehen, dass ich davonkomme."

Anscheinend war ihr Körper übersät mit blauen Flecken, aber auch dafür hatte man eine Erklärung. Der Betreuer Helge gegenüber "Team Wallraff": "Dass sie voller blauer Flecken sei, ist nur gesagt worden, sie wäre auf dem Weg in die Wäschekammer gewesen und die Treppe runtergestürzt."

Carola starb, vermutlich in dem verschlossenen Deeskalationsraum. Die sichtbar Kranke wurde laut der Ausagen ehemaliger Mitarbeiter nicht ärztlich behandelt, sondern unbeaufsichtigt eingesperrt. Offiziell hieß es, Carola sei eines natürlichen Todes gestorben. Nicht im Deeskalationsraum, sondern im Flur davor.

Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt nach "Team Wallraff"-Reportage

RTL hat dem Landesamt für Jugend und Soziales in Rheinland-Pfalz das unverpixelte Material gezeigt und alle zuvor angefertigten 16 eidesstattlichen Versicherungen der ehemaligen Mitarbeiter und Bewohner der Einrichtung "Case Project", in denen über die Strafaktionen und über den Tod berichtet wird, übergeben. Unter dem Druck der "Team Wallraff"-Enthüllungen hat der Träger reagiert und die Jugendgruppe der Einrichtung komplett geschlossen.

"Team Wallraff" ließ auch der Staatsanwaltschaft Koblenz alle 16 eidesstattlichen Versicherungen zukommen. Die Staatsanwaltschaft bestätigte auf Anfrage, es gebe derzeit "ein Ermittlungsverfahren gegen eine 49-jährige Frau und einen 62 Jahre alten Mann wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung und der Körperverletzung."

Die Ermittlungen würden jedoch nicht bedeuten, dass sich die Beschuldigten tatsächlich strafbar gemacht haben oder für ihre spätere Verurteilung eine überwiegende Wahrscheinlichkeit besteht. Für die Beschuldigten gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung.

Den Erwachsenenbereich des "Case Projects" in Wanderath kann man derzeit nicht schließen, für die rund 30 Bewohner ist er ihr Zuhause. Eine externe Beratungsfirma arbeitet jetzt an einem neuen Konzept für die Einrichtung. Der Deeskalationsraum wurde direkt geschlossen. Er ist jetzt ein normaler Lagerraum.

„Team Wallraff“-Doku bei TVNOW

Die ganze Dokumentation zu den Recherchen des "Team Wallraff" und wie Patienten und Mitarbeiter die Zustände erlebt haben, sehen Sie in voller Länge bei TVNOW.