Mutter Claudia klagt Klinik an

Team Wallraff: Der Fall Melissa Beck (20) - vier Stunden nach der Entlassung aus der Psychiatrie ist sie tot

22. März 2019 - 16:34 Uhr

Günter Wallraff rollt den Fall Melissa Beck neu auf

Was im schlimmsten Fall passieren kann, wenn Ärzte nicht oder nicht richtig helfen können, zeigt der Fall von Melissa Beck. Die damals 20-Jährige hatte Suizidgedanken und kam in die Psychiatrie. Vier Wochen war Melissa insgesamt in der Klinik. Am Tag ihrer Entlassung hatte sie immer noch Suizidgedanken, vier Stunden nach ihrer Entlassung war sie tot. Die junge Frau hatte sich in ihrem Zimmer erhängt.

Klinikärzte wurden nicht wegen fahrlässiger Tötung angeklagt

Mutter Claudia Beck sind zwei Kisten voller Erinnerungsstücke an ihre Tochter Melissa geblieben. Der Staatsanwalt verdächtigte die Klinikärzte der fahrlässigen Tötung, doch es konnte ihnen keine strafbare Handlung nachgewiesen werden. Claudia Beck findet dennoch keine Ruhe. Sie glaubt, dass ihrer Tochter besser hätte geholfen werden können, wenn man sich mehr mit ihr befasst hätte. Sie hat einen Antrag auf Klageerzwingung gestellt. Das Landgericht soll den Fall wieder aufnehmen und erneut prüfen.

Aber was war passiert? Melissa Beck kam am 8. Juni 2014 im desolaten Zustand nach Hause. Sie war ganz dunkel angezogen, Stiefel, Haare nicht gewaschen, leerer Blick, fast nicht mehr ansprechbar. "Und da ihr Vater an einer bipolaren Störung erkrankt war, bin ich zu einer niedergelassenen Psychiaterin", erinnert sich Claudia Beck im Gespräch mit Günter Wallraff.

Bei einer bipolaren Störung leidet der Patient unter extremen Stimmungsschwankungen. Glück und Euphorie wechseln sich ab mit tiefer Traurigkeit. Es besteht ein hohes Selbstmordrisiko.

Melissa hatte auch nach der Klinik Suizidgedanken

Die Fachärztin ließ Melissa sofort als Notfall einweisen. Auf dem Einweisungsschein stand: "lebensüberdrüssig". Die Psychiaterin ging davon aus, dass Melissa in der Klinik sofort medikamentös behandelt würde. Doch es kam anders.

"Der Oberarzt hat gesagt, er macht gar nichts und Tabletten schon gleich gar nicht. Sie sei erst mal eine Psychotherapiekandidatin... Drei Wochen lang bekam Melissa nichts", erinnert sich Claudia Beck. Erst eine Woche vor ihrer Entlassung verordnete der Oberarzt ein Medikament.

"Und dann kam sie, wie ein Häufchen Elend und hat mir eine Patienteninformation über das Medikament vorgelegt. Da stand groß drüber "Vorsicht", kontraindiziert bei bipolarer Störung. Aber genau darunter litt sie", sagt Claudia Beck. Melissa nahm das Medikament trotzdem.

Am 8. August, genau einen Monat nach der Einweisung, wurde Melissa Beck entlassen. "Am Vortag der Entlassung, da hatte sie das letzte Gespräch mit der Psychologin und dann hat sie ihr gesagt "Ich habe weiter Suizidgedanken"... das steht deutlich in der Krankenakte.", sagt Mutter Claudia.

In einem ihrer letzten Tagebucheinträge schrieb Melissa: "Meine Stimmung ändert sich von Sekunde zu Sekunde, ich kann mir nicht mehr trauen. Bitte lass mich gehen. Ich gehöre nicht auf diese Welt."

Nach Melissas Entlassung aus der Psychiatrie wollte Mutter Claudia in das Zimmer ihrer Tochter. Die Zimmertür stand einen Spalt breit offen, aber sie ließ sich nicht öffnen. Claudia Beck rief sofort die Feuerwehr zur Hilfe. Die Rettungskräfte verschafften sich Zugang zum Zimmer. "Und dann stand die Welt still. Man versteht überhaupt nicht – was ist da passiert?", sagt Claudia Beck.

Vier Stunden nach ihrer Entlassung aus der Psychiatrie war Melissa tot.

Wenn Sie selbst unter Depressionen leiden und Suizidgedanken haben, finden Sie Hilfe unter folgender kostenloser Hotline: 0800-1110111 oder 0800 3344533​.

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