Was war denn da los?

So einen saublöden Elfmeter hat es in der Bundesliga noch nie gegeben!

Trainer Thomas Reis eskaliert.
Trainer Thomas Reis eskaliert.
© imago images/Chai v.d. Laage, Gladys Chai von der Laage via www.imago-images.de, www.imago-images.de

07. November 2021 - 8:37 Uhr

Umgeschubst, er hat ihn einfach umgeschubst

Die Frage, ob an diesem Samstagnachmittag der dümmste Elfmeter der Bundesliga-Historie gegeben worden ist, die lässt sich natürlich nur subjektiv beantworten. Aber die subjektive Antwort lautet: Ja, der Strafstoß, den der VfL Bochum im Heimspiel "anne Castroper" gegen die TSG Hoffenheim bekam, war an historischer Dummheit nicht zu überbieten. Dem bis zu diesem Moment eigentlich überragenden Florian Grillitsch knallen in der 73. Minute komplett die Sicherungen durch. Der Österreicher schubst Bochums bulligen Angreifer Soma Novothny, der sieben Minuten zuvor mit seinem ersten Bundesligator das 1:0 erzielt hatte, mit Wut und Wucht um. Warum er das tat? Nun, der Ungar hatte sich nach zwei Duellen gestenreich beklagt und Elfmeter gefordert.

Was erlaube Florian Grillitsch?

06.11.2021, Nordrhein-Westfalen, Bochum: Fußball: Bundesliga, VfL Bochum - TSG 1899 Hoffenheim, 11. Spieltag, Vonovia Ruhrstadion: Hoffenheims Florian Grillitsch (l) und Hoffenheims Torwart Oliver Baumann nach dem 0:2. Foto: Bernd Thissen/dpa - WICHT
Mann des Spiels (auch wenn es bitter ist): Florian Grillitsch.
© dpa, Bernd Thissen, bt

Grillitsch passte das offenbar nicht. Und in seinem Zorn ließ er sich zum Foul hinreißen. Nach einem nur ganz kurzen Zögern gab Schiedsrichter Frank Willenborg schließlich doch Elfmeter für den VfL. "Völlig zurecht", wie unser Experte Alex Feuerherdt (Collinas Erben) urteilt. "Ich habe großen Respekt vor dieser Entscheidung von Willenborg. Nach dem Duell die Situation weiter wachsam im Auge zu haben und dieses Foul zu sehen, das ist schon stark." Und weil Novothny den Schuber nicht theatralisch ausnutzte, sondern durch die Wucht des Stoßes tatsächlich einfach umfiel, war es eben auch ein klares Foul. Oder eben eine historische Dämlichkeit. "Da muss man sich wirklich fragen: Was macht der Spieler da? An einen dümmeren Elfmeter in der Bundesliga kann ich mich nicht erinnern und ich bin auch schon länger dabei", findet auch Feuerherdt.

Bei Schulungen, so erklärt unser Experte, würde den Schiedsrichtern stets mit auf den Weg gegeben: "expect the unexpected" (erwarte das Unerwartete). Man könnte die Unparteiischen eben nicht auf alle Kuriositäten eines Spiels vorbereiten. Umso besser, wenn die Spielleiter dann so souverän und sicher reagieren. Und Willenborg tut sich da besonders hervor. Er sei stets ein wenig unterschätzt, befindet Feuerherdt. Er würde sich wünschen, dass der 42-Jährige auch mal ein großes Spiel bekommt. Kaum ein Schiedsrichter in der Bundesliga muss so selten auf den Videoassistenten zurückgreifen, wie Willenborg. In der vergangenen Saison gab es einen VAR-Einsatz in neun Spielen. Dass er nun ausgerechnet in Bochum, beim 1:0 (angezeigte Abseitsstellung des Linienrichters), wieder einmal die Unterstützung aus Köln benötigte, das passt eigentlich nicht zu ihm.

So skurril der Elfmeter zustande kam, so skurril setzte sich das Spiel fort. Denn am Punkt stand zur Ausführung kein Spieler bereit, sondern Torwart Manuel Riemann. Der war zuletzt beim vogelwilden Zweitrundensieg im DFB-Pokal gegen FC Augsburg (7:6 n. E.) als letzter Schütze im finalen Duell - Minuten zuvor extra für das Elfmeterschießen eingewechselt - angetreten. Und hatte getroffen. In Bochum hatte er damit weiter an seinem Mythos gearbeitet. Doch in seiner ersten ersehnten Bundesliga-Saison will es der Keeper offenbar allen und immer beweisen. Doch nicht immer führt dieser besessene Ehrgeiz des 33-Jährigen zu klugen Entscheidungen.

"Jetzt steht er ein bisschen als arroganter Depp da"

 Torwart Manuel Riemann VfL Bochum verschiesst den Elfmeter, links Torwart Oliver Baumann TSG Hoffenheim 06.11.2021, Fussball GER, Saison 2021/2022, 1. Bundesliga, 11. Spieltag, VfL Bochum - TSG Hoffenheim, Foto: Maik Hölter/TEAM2sportphoto ***DFL re
Torwart Manuel Riemann (VfL Bochum) verschiesst den Elfmeter.
© imago images/Team 2, Maik Hölter/TEAM2sportphoto via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Nun trat er eben wieder an. Er schickte den starken Milos Pantovic nach einer durchaus hitzigen Unterredung weg, der bereit gewesen war, die Verantwortung zu übernehmen. Doch dieses Mal landete der Ball nicht im Tor, sondern im Spätnachmittaghimmel über dem Ruhrstadion (76.). "Jetzt steht er ein bisschen als arroganter Depp da", fand Hoffenheims Christoph Baumgartner. "Wenn er ihn reingeschossen hätte, dann hätten alle gesagt, was für ein geiler Typ. Wir sollten das nicht zu groß machen. Ich würde nicht sagen, dass es respektlos war."

Tatsächlich ist Riemann, der als sehr guter Schütze bekannt ist, in der Liga kein Torwart-Einzeltäter aus elf Metern. Unvergessen ist der legendäre Hans-Jörg Butt, der für den Hamburger SV, Bayer Leverkusen und den FC Bayern insgesamt 37 Strafstöße verwandelte, aber auch achtmal vergab. Er war es vor elf Jahren auch gewesen, der als bislang letzter Torwart vom Punkt antrat. Am 30. Januar 2010 scheiterte er am Mainzer Heinz Müller.

Die Entscheidung in diesem Spiel, in dem die TSG in der ersten Halbzeit ein wenig besser war und über Andrej Kramaric, Ilhas Bebou und Grillitsch mehrere gute Abschlüsse hatte, wurde vertagt. Über weitere 21 Minuten. Bochum drückte weiter auf die Entscheidung, vergab aber über Takuma Asano (volley an die Latte) und Gerit Holtmann (freistehend an den Pfosten) zwei Riesendinger, ehe Pantovic noch seinen zauberhaften Moment hatte.

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Einfach mal aus 66 Metern aufs Tor geschossen...

06.11.2021, Nordrhein-Westfalen, Bochum: Fußball: Bundesliga, VfL Bochum - TSG 1899 Hoffenheim, 11. Spieltag, Vonovia Ruhrstadion: Bochums Milos Pantovic freut sich nach dem Spiel über seinen Treffer zum 2:0 in der Nachspielzeit. Foto: Bernd Thissen/
Milos Pantovic kann es nicht fassen. Er hatte tatsächlich ein Traumtor erzielt.
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Nach einer letzten Ecke der Hoffenheimer mit dem aufgerückten Torwart Oliver Baumann landete der Ball über Holtmann bei Pantovic, der sich an der linken Außenbahn nach vorne geschlichen hatte. Der Serbe verlangsamte aber sofort das Tempo, schaute und schoss. Von der Seitenlinie hatten ihn seine Teamkollegen bekniet, die Kugel aufs verwaiste Tor zu bringen. Im Notfall wäre da ja auch noch Holtmann, einer der schnellsten Spieler der Liga. Er sprintete mit zwei TSG-Spielern in der Mitte. Aber Pantovic entschied sich für die empfohlene Variante - und wurde belohnt. Sein halbhoch geschossener Ball schlug aus 66 Metern punktgenau neben dem linken Pfosten ein. Es war der erste Bundesliga-Treffer für den Edeljoker, der schon im Pokal Matchwinner neben Riemann war.

An der Seite rannten seine ausgewechselten und völlig enthemmten Kollegen ein paar Meter mit. Pantovic blieb stehen und schaute zu. Und als er sicher war, dass der Ball im Tor war, da breitete er die Arme aus und ließ sich feiern. Doch zu Euphorie neigte er nicht. Er habe "Vertrauen in seinen linken Fuß". Also habe er geschossen. Außerdem sei er im Moment ziemlich "gut drauf" und habe daher auch den Elfmeter schießen wollen. Dass ihm Riemann den Ball abnahm, kommentierte er ebenfalls nüchtern. Es sei besser, zwei würden sich streiten, als wenn sich alle verstecken. Noch vor seinem entscheidenden Treffer habe man die Meinungsverschiedenheit am Punkt ausgeräumt. Und am Ende sei es ja halt auch einfach nur so, fand Pantovic: "Es ist sehr wichtig, dass wir das Spiel gewonnen haben." Subjektiv betrachtet ist das völlig richtig. Der VfL steht als Aufsteiger nach nun 11 Spieltagen mit 13 Punkten vorübergehend auf Rang 12 (was für ein wildes Zahlenspiel). (tno)