Ein Drittel der Eltern ist mit der Leistung unzufrieden

Schule in der Corona-Krise: Sind Lehrer zu faul?

Tun Lehrer in der Corona-Krise genug für ihre Schüler? Ein Drittel der Eltern findet: Nein.
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04. Juni 2020 - 9:28 Uhr

von Rachel Kapuja

Wochenlang war an Unterricht in der Schule nicht zu denken, auch in den Kitas fand lange nur eine Notbetreuung statt. Eine lange Zeit, die das Leben für Kinder, Eltern und Lehrer auf den Kopf stellte. Und die Lehrer standen oft in der Kritik: Sie seien für die Schüler nicht erreichbar genug, würden sie mit dem Lernstoff alleine lassen.

Auch jetzt, wo zumindest wieder teilweise Präsenzunterricht stattfindet, halten manche Eltern die Lehrer für überfordert oder sogar schlicht zu faul. Aber ist das wirklich so?

„Arbeitsblätter sind keine Schule“

Keine Lust auf Homeschooling
Im Homeschooling Arbeitsblätter beackern, ohne Rückmeldung vom Lehrer zu bekommen: Viele Eltern und Kinder fühlen sich allein gelassen.
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Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL ist fast ein Drittel der Eltern in Deutschland der Meinung, dass Lehrer sich nicht ausreichend bemühen, ihre Schüler während der Coronakrise angemessen zu unterrichten. Der häufige Vorwurf: Die schwierige Situation werde für zusätzliche "Ferien" genutzt. Vor allem der Unwille, sich für digitale Lösungen fit zu machen, das stumpfe Verteilen von Aufgaben und der Mangel an Feedback scheinen oft Grund für den Frust zu sein.

"Arbeitsblätter sind keine Schule", steht etwa auf einem Plakat einer Elterninitiative, die gerade vor dem Berliner Senat demonstrierte. "Man geht arbeiten, kommt heim, bringt dem Kind seinen Schulstoff bei und das Ende ist, dass es sich nicht ein Lehrer angeschaut hat. Wozu machen wir uns die Arbeit?" klagt eine Mutter auf Facebook. Aber haben sich die Lehrkräfte in der Zeit ohne Präsenzunterricht wirklich einen faulen Lenz gemacht?

Gewerkschaft: „Lehrer-Bashing ist nicht fair“

Marlis Tepe ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und warnt vor einem "Lehrer-Bashing": "Das Verhalten einzelner Kolleginnen und Kollegen, die angeblich zu wenig für die Kinder gemacht haben, wird stellvertretend für alle herangezogen. Das ist nicht fair", sagt sie im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Viele Lehrer seien in der Corona-Krise am Limit. "Sie organisieren Präsenz- und Fernunterricht und müssen nebenbei Hygienepläne, Kontrollen und versetzte Pausenzeiten umsetzen und versuchen, zu allen Schülern und Schülerinnen den Kontakt aufrechtzuerhalten", sagte Tepe. Dazu kämen Technikprobleme und der Lehrkräftemangel.

„Jeder gibt auf seine Weise sein Bestes“

Simone Kettner kann man mangelndes Engagement wirklich nicht vorwerfen. Die Gesamtschullehrerin aus Hessen funktionierte ihren VW-Bus nach dem Lockdown Mitte März kurzerhand zum Schulmobil um. "Ich habe überlegt: Wie kann ich mit den Ressourcen, die ich habe, Schüler beim Lernen unterstützen? Es sollte keiner auf der Strecke bleiben, ich wollte jeden mitnehmen, keinen auf dem Weg des Lernens verlieren."

Kettner besucht ihre Schüler zwischen Online-Unterricht und Präsenzterminen in der Schule mit Sicherheitsabstand zu Hause. Die 53-Jährige hat den Eindruck, damit auch bei den Eltern für große Erleichterung zu sorgen. "Es ist nicht alles so weit weg und wabert so im ungewissen Raum, sondern man kann irgendwo andocken." Auch auf ihre Kollegen lässt sie nichts kommen: "Jeder gibt auf seine Art und Weise sein Bestes, und da sind sehr viele kreative Ideen dabei. Nur weil man manches nicht sieht, heißt das nicht, dass sie nichts tun."

Politik hat Lehrer und Schüler hängenlassen

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Von heute auf morgen alles digital: Nicht nur für Schüler eine Herausforderung
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Laut Forsa-Umfrage stimmt die Mehrheit der Deutschen Simone Kettner zu:

  • Immerhin 59 Prozent aller Befragten sind mit dem Engagement der Lehrer in der Corona-Zeit zufrieden.
  • Dass hingegen die Politik Schulen und Lehrer angesichts der besonderen Herausforderungen genug unterstützt, meinen nur 22 Prozent.
  • Die Mehrheit (62 Prozent) findet, Schulen und Lehrer würden von der Politik weitgehend alleingelassen.

Ein Ergebnis, mit dem wir Stefanie Hubig, Bildungsministerin Rheinland-Pfalz und Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), konfrontieren. Sie erklärt: „Wir leben immer noch in einer Ausnahmesituation. Deshalb habe ich Verständnis dafür, dass manche Menschen sich nicht ausreichend informiert fühlen, aber wir haben von Anfang an auch keine Blaupause für die Situation gehabt.“ Von einem Tag auf den anderen seien die Schulen zu gewesen und der Präsenzunterricht habe zu 100 Prozent in anderer Form umgesetzt werden müssen. „Manche Schulgemeinschaften haben sehr schnell sehr gute Lösungen gefunden, andere sind vielleicht weniger weit gegangen. Menschen sind unterschiedlich.“

Wie sehr wurde die Digitalisierung verschlafen?

Kritik wird allerdings nicht nur an der Kommunikation geübt, sondern neben dem ohnehin schon bestehenden drastischen Lehrermangel, der vor allem Haupt-, Real- und Grundschulen betrifft,  insbesondere auch an der verschlafenen Digitalisierung. CDU-Vorsitz-Kandidat Friedrich Merz sagt im RTL-Gespräch, die Wirtschaft habe in den Wochen des Shutdowns eine Zwangsdigitalisierung hingelegt. "Ich stelle mir die Frage, warum geht das eigentlich mit den Schulen nicht? Da sollte der größte Teil des Geldes hinfließen."

Auch Verena Pausder, Gründerin des Vereins "Digitale Bildung für alle", nahm Lehrkräfte und Schulleitungen in dieser Hinsicht kürzlich im ARD-Talk "Hart aber Fair" in Schutz: "Ein Upgrade auf die Lehrerinnen und Lehrer zu spielen und zu sagen 'Lieber Lehrer, du kannst das jetzt morgen – das geht nicht! Wieso haben wir dieses Thema nicht schon seit zehn Jahren in die Lehrerfortbildung einfließen lassen? Worauf haben wir gewartet – dass wir zwar alle digital arbeiten, aber unsere Kinder wird das nicht betreffen? Da haben wir einfach verschlafen!"

Stefanie Hubig erklärt, dass an dem Thema bereits gearbeitet werde: "Wir haben bereits vor Corona gesagt, wir müssen die Ausbildung ändern, und wir ändern sie schon. Wir haben mit der TU Kaiserslautern ein Leuchtturmprojekt, wo es genau darum geht, dass man digitales Lehren und Lernen als roten Faden durchzieht. Ich denke für uns wird aus dieser Krise bleiben, dass die Digitalisierung einen unglaublichen Schub gemacht hat, und den müssen wir erhalten."

„Nicht nur auf Sicherheit und feste Strukturen bedacht sein“

An Simone Kettners Schule hat sich die Betreuung der Schüler sowohl online als auch persönlich mittlerweile gut eingespielt, wie sie RTL erklärt. Aber auch sie betont, wie wichtig Kreativität und der Blick in die Zukunft ist:

"Ich glaube, dass wir zukünftig viele kreative Menschen brauchen, die nicht nur brav ihren Job machen, sondern auch auf originelle Art und Weise zu Lösungen finden – sei es in Umwelt oder Politik. Deswegen würde ich das nicht nur auf die Schule reduzieren. Ich glaube, es ist einfach gut, wenn man insgesamt kreativ denkt und nicht nur auf Sicherheit und feste Strukturen bedacht ist – weil die, wie wir sehen, ganz schnell erschüttert werden können."

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