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RTL-Reportage: Die bitteren Schicksale der Stricher-Jungs

RTL-Reportage: Die bitteren Schicksale der Stricher-Jungs

Ein Parkhausschild am Kölner Heumarkt
In Köln bewegen sich die Stricher, die selbst lieber 'Jungs' genannt werden wollen, am Heumarkt. Sie treffen hier in einschlägigen Kneipen ihre Freier.

Im totalen gesellschaftlichen Abseits, mitten in Köln

Sturzbetrunken torkelt ein weit über 60-Jähriger am Tresen einer Kölner Stricher-Kneipe entlang. In der einen Hand hält er ein halbleeres Bierglas, die andere hakt er bei einem jungen Mann ein. Orientierungslos und geblendet von den bunten Disko-Strahlern bestellt er ein Bier, bezahlt mit einem seiner drei Hunderteuroscheine, die er in Klarsichtfolie eingewickelt hat. Seine wenigen grauen Haare, die ihm geblieben sind, sein hervorstehender Bauch und seine fade Haut lassen ihn zwischen grellen Lichtern und Popmusik etwas fehl am Platz erscheinen. Doch ist er an diesem Ort genau richtig, um zu finden, was er sucht.

In einer Ecke kauert der junge Ivo [Name geändert, Anm.d.Red.]. Er nippt an seiner Weinschorle, zurrt sich sein enges T-Shirt zurecht, zieht kräftig an seiner Zigarette. "Heute Abend interessiert sich keiner für mich", sagt er resigniert. Dabei ist die Kneipe berstend voll. Ivo hält ständig Ausschau nach Kunden. Er kam aus Bulgarien nach Deutschland, suchte erfolglos nach Arbeit und endete durch Freunde in der Prostitution, erzählt er. Seit drei Tagen hat er nicht geschlafen, ist hundemüde. Eine eigene Wohnung hat er nicht, schläft entweder bei Freunden oder bei Freiern. Drogen und Alkohol helfen ihm beim Wachbleiben. 23 Jahre alt ist Ivo, sieht aber aus wie unschuldige 18 - ein Vorteil an diesem Ort, an dem man seine Unschuld schnell verlieren kann.

Von Massenvergewaltigung bis HIV-Infektion

Denn es kann brutal zugehen in der Stricher-Szene. "Viele Geschichten sind an Tragik kaum zu überbieten", sagt Sabine Reinke. Sie ist Geschäftsführerin von 'Looks e.V.', einem Kölner Verein, der sich um die Aufklärung und Bedürfnisse von männlichen Prostituierten kümmert. Als Stricher bezeichnen sich diese ungern, nennen sich lieber 'Jungs', sagt sie. Die Szene hält sich in Köln vor allem in der Altstadt auf. Ihr Team verteilt Kondome an die männlichen Prostituierten, redet mit ihnen, hier am Rande der Gesellschaft, hinter dem sich vor allem eins zu verbergen scheint: Einsamkeit.

Reinke erinnert sich an einen Jungen, der an einem Freitagnachmittag urplötzlich vor ihrer Tür stand. "Er war vollkommen fertig und sagte, er müsse mir unbedingt etwas erzählen. In dem Gespräch berichtete er mir, dass er Opfer einer Massenvergewaltigung geworden ist." Ein Freier hatte ihn in seiner Wohnung eingesperrt und dann einige Freunde angerufen. "Mehrere Tage wurde der Junge von verschiedenen Männern vergewaltigt, Zigaretten wurden auf seiner Haut ausgedrückt. Er hat mir die Narben gezeigt", erinnert sich Reinke und starrt aus dem Fenster. Die Geschichte treibt ihr die Tränen in die Augen. Aufgrund dieser Vergewaltigungen wurde der junge Mann mit HIV infiziert, sagt sie und schüttelt den Kopf.

Es sei nie zu einer Anzeige gegen die Vergewaltiger gekommen, da das Opfer dies nicht wollte. Reinke unterliegt der Schweigepflicht und kann nichts gegen den Willen ihrer Klienten tun. Das Vertrauensverhältnis zu ihren Jungs ist für sie oberstes Gebot, auch wenn solche Situationen für sie schwer auszuhalten sind.

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"Keiner der Jungs hatte eine intakte Familie"

Die Gründe, warum sich junge Männer in die Prostitution begeben, unterscheiden sich selten voneinander. Fast alle hatten schon vor ihrem Eintritt in die Szene tiefgreifende Probleme. "Ich kenne keinen Klienten, der aus einer intakten Familien kommt", sagt Reinke. Alle hätten entweder erziehungsunfähige Eltern oder seien im Heim aufgewachsen. Nur wenige der Jungs seien krankenversichert, noch weniger hätten einen Schulabschluss. Dafür gebe es umso mehr, die keine eigene Wohnung haben. Manche gingen auch nur mit einem Freier mit, um irgendwo zu schlafen.

"Nicht wenige Jungs sind, bevor sie in die Szene gelangen, Opfer von Pädophilen geworden", erklärt Reinke. Viele von ihnen erlebten sich innerhalb dieser Übergriffe aber nicht als Opfer, denn sie hätten auch Aufmerksamkeit und Wertschätzung von den Tätern erfahren, die dabei ganz perfide vorgehen. Wenn die Jungen dann zu alt für den Pädophilen geworden sind, sucht sich dieser ein neues Opfer.

"Später wollen Missbrauchsopfer oft die positiven Erlebnisse, also die Wertschätzung des Pädophilen, wiederholen; sie unterdrücken die negativen Aspekte in der Beziehung zu dem Täter und gelangen auf diesem Weg in die Prostitution", sagt Reinke. Dabei sei die Beschaffungs-Prostitution, um den eigenen Drogenkonsum zu finanzieren, wie die Öffentlichkeit es aus dem Film 'Kinder vom Bahnhof Zoo' kennt, die Ausnahme. Drogen würden eher benutzt um sich für die sexuellen Akte zu überwinden, und dann handele es sich auch meist um weiche Drogen. Ein größeres Problem sei die Spielsucht. "Oft wird das Geld, das die Jungs verdienen, als dreckig empfunden und muss dann auch schnell wieder ausgegeben werden", erklärt Reinke. Bei den meisten Jungs bleibe vom Verdienst nicht viel übrig.

Auffällig viele männliche Prostituierte haben einen Migrationshintergrund. Der Anteil liegt bei 75 Prozent und erhöht sich seit der EU-Osterweiterung stetig. Gerade Roma aus Rumänien sind bettelarm und finden aufgrund ihrer geringen Bildung keinen Job. Nicht wenige von ihnen sind verheiratet und ernähren durch die Prostitution ihre Familien in der Heimat.

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Träume von der spießigen, heilen Welt

Gasse gegenüber einer Stricher-Kneipe
Im Schutz der Dunkelheit bewegt sich ein Stricher auf eine Kneipe in der Kölner Altstadt zu, wo er sich mit Freiern trifft. In Deutschland gehen zigtausende Jungs anschaffen.

Der Ausstieg aus der Szene ist nicht einfach, wird aber in vielen Fällen durch das fortschreitende Alter erzwungen. Ab 25 gilt man in der Szene als alt. Reinke erinnert sich an einen Aussteiger, der ihr sehr am Herzen lag. "Er war heterosexuell und aufgrund seiner Familienumstände in die Szene gerutscht. Eigentlich war er innerlich zerbrochen", erinnert sie sich. Von ihm seien die massivsten und bizarrsten Sexpraktiken gefordert worden. Sein großer Traum war eine eigene Familie. "Ich sah ihn irgendwann immer weniger in der Szene. In unserem Büro tauchte er nicht mehr auf. Viele Jahre später habe ich von ihm eine Mail bekommen. Er schrieb mir, dass sich sein großer Traum erfüllt habe. Er habe eine tolle Frau kennengelernt und werde zum zweiten Mal Vater. Ohne uns hätte er es nicht geschafft, hat er geschrieben."

Auch wenn die Lebensumstände der männlichen Prostituierten von der bürgerlichen Mitte weit entfernt sind, so unterscheiden sich ihre Träume und Ziele in keinster Weise von denen des Durchschnittsbürgers. "Viele der Jungs sind viel spießiger als Menschen in der Mitte der Gesellschaft. Sie träumen alle von einer Wohnung, Arbeit und einer eigenen, intakten Familie, die sie nie hatten. Viele wollen den Traumprinzen finden und aus der Szene fliehen", sagt Reinke.

Lesen Sie auf Seite 3: Auch Personen des öffentlichen Lebens gehören zum Kundenkreis

Auch Personen des öffentlichen Lebens gehören zum Kundenkreis

Stricher vor Auto
Ein Stricher steigt in der Kölner Altstadt in ein Auto ein. Das ist nicht ungefährlich, denn wenn die 'Jungs' Gewalt erfahren, geschieht dies meist in den Autos oder Wohnungen der Freier.

Es ist leicht, die Freier für das Elend der Jungs verantwortlich zu machen. Schließlich bestimmen sie über die Regeln des gnadenlosen Fleischmarktes, auf den diese sich begeben. Meist leiden aber auch sie, zu alt geworden für die Schnelllebigkeit der Schwulen-Szene, unter Einsamkeit und Isolation. Einige von ihnen kommen aus umliegenden Dörfern, sind ungeoutet. Auch Prominente gehören zum Kundenkreis. "Ich weiß da einige Namen, aber öffentlich machen werde ich diese nicht. Vor der Bettkante sollte die Öffentlichkeit dann auch aufhören", sagt Reinke. Das sei Privatsache. Wütend mache es sie, wenn Freier Sex ohne Kondom forderten, denn damit nutzten sie die Notlage der Jungs brutalst aus. Viele der Jungs seien nun mal auf das Geld angewiesen.

Mittlerweile hat ein älterer Mann Ivo angesprochen. Die beiden sitzen am Tresen. Sie verstehen sich gut, auch wenn die laute Musik ihre Unterhaltung erschwert. Sie lachen und das sehr herzhaft. Ivo wird an diesem Abend Erfolg haben und mit dem Freier, der ihm noch eine Cola spendiert, nach Hause gehen. Mit seinem Schicksal ist er nicht allein, deutschlandweit gehen zigtausende männliche Prostituierte anschaffen.

Das Opfer der Massenvergewaltigung, das sich Sabine Reinke damals anvertraute, hat mittlerweile den Sprung aus der Prostitution geschafft. Er lebt jetzt "mit einem sehr netten Mann" in einer anderen Stadt zusammen und scheint einigermaßen glücklich zu sein, erzählt Reinke und lächelt.

Von Michael Kelber