Eine Reportage aus Dortmund

Wie Kinder unter der Situation im Vereinssport in der Corona-Pandemie leiden

Kinder leiden unter dem Corona-Lockdown.
Kinder leiden unter dem Corona-Lockdown.
© Sport intern

01. Mai 2021 - 13:19 Uhr

Von Tobias Nordmann

Die Corona-Pandemie trifft auch den Vereinssport hart. Die Auswirkungen sind dabei sehr unterschiedlich. Manche Vereine kämpfen um ihre Existenz, andere sorgen sich vor allem um die jungen Sportlerinnen und Sportler und deren Entwicklung. Ein Ortsbesuch.

Der TSC Eintracht Dortmund kämpft

Man muss sich nicht einmal anstrengen, um die sonoren Geräusche der nahen Bundesstraße 54 zu hören. Ein Auto nach dem nächsten rauscht an diesem Freitagnachmittag über die Ein- und Ausfallstraße aus und nach Dortmund. Ungewöhnlich ist das nicht. Das typische Pendeln ins Wochenende. So gewöhnlich das also ist, so sehr fremdelt Dr. Alexander Kiel mit der Ruhe, die ihn umgibt. Seit Wochen. Nein, seit Monaten. Die Corona-Pandemie hat den Sport auf der gewaltigen Vereinsanlage fast komplett zum Stillstand kommen lassen.

Bis zu 8000 Sportler haben sich in normalen Zeiten, in Zeiten ohne Corona, wöchentlich auf den Plätzen und in den Hallen des TSC Eintracht Dortmund bewegt. Aktuell sind es gerade einmal 250. Die meisten von ihnen verteilen sich allein oder zu zweit in kleine Fitness-Boxen. Ein bisschen Auspowern gegen den Pandemie-Frust. Ein bisschen Musik gegen die Stille. Die Aussichten auf mehr? Mehr Bewegung, mehr Lärm, mehr Freude auf den Plätzen? Schlecht. Sehr schlecht sogar. Wegen der bundesweiten Corona-Notbremse. Die hatte zuletzt all die zarten Hoffnungen auf Lockerungen im Amateurbereich unabhängig von den Inzidenz-Werten zerhauen.

Vereinssport zur Bewegungslosigkeit verdammt

Die Nicht-Beachtung des Breitensports sorgte bereits Ende März, als es schon einmal um Lockerungen ging, für Enttäuschung beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). "Die aktuelle Beschlusslage stellt auch für den gesamten Sport nochmals einen herben Rückschlag dar. Nach ersten wichtigen Öffnungsschritten wird nun der gesamte Vereinssport erneut zur Bewegungslosigkeit verdammt", erklärte DOSB-Präsident Alfons Hörmann vergangene Woche. "Das tut richtig weh und wird die schon jetzt erkennbaren Schäden im gesamten Sportsystem nun von Woche zu Woche nochmals weiter erhöhen."

Wie drastisch die Zahlen sind, hatte das Statistische Bundesamt im Februar für das Jahr 2020 ermittelt: Rund 7,3 Millionen Mädchen und Jungen bis zum Alter von 18 Jahren konnten der Auswertung zufolge wegen der Auswirkungen der Pandemie nicht mehr in ihren Vereinen trainieren. Auch die vor allem in der Gesundheitsprävention aktiven Senioren sind besonders stark vom Sport-Lockdown betroffen. Von den 22,5 Millionen Menschen in Deutschland, die älter als 60 sind, waren laut Mitteilung 20,8 Prozent oder 4,7 Millionen in einem Sportklub.

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Spielstätten des TSC Eintracht Dortmund
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© tsc-eintracht-dortmund.de

Pandemie trifft größere Vereine härter

Der TSC Eintracht gehört zu den größten Vereinen in puncto aktive Mitglieder in Nordrhein-Westfalen. Aktuelle Sorgen um die Existenz treiben den Club nicht durch die Pandemie. Andere Vereine trifft es deutlich härter. "Unsere Mitglieder halten uns echt die Treue. Das ist schon erheblich", sagt Kiel. Aber es ist dennoch so: In Folge der Pandemie hat der Großverein zwölf Prozent seiner Mitglieder verloren. Damit liegt der TSC knapp unter dem Durchschnitt der 188 Großvereine in Deutschland (13,02 Prozent). Nicht etwa durch Austritte, die Zahl bleibt über den Mehrjahresvergleich stabil, sondern weil die Neueintritte wegbrechen.

Überraschenderweise trifft die Pandemie größere Vereine oft härter als kleinere. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Zum einen sind die Beiträge oft höher, durch die Unterhaltung und Pflege der eigenen, großen Anlagen. Zudem gibt es mehr hauptamtliche Trainer, was die Kosten generell erhöht. Und dann sind da noch hochpreisige Angebote wie ein Fitnessstudio oder das Kinderschwimmen. "Da zahlt man dann eben nicht vier oder fünf Euro im Monat, sondern eher 20. Da überlegen dann eben einige", erklärt Kiel. Klar, die Pandemie zwingt ja auch einige Menschen in die Kurzarbeit oder gar in existenzielle Nöte. Da wird dann eben sehr genau entschieden, welche Ausgabe verzichtbar ist. Welcher Kurs gespart werden kann.

Was Alexander Kiel aber ganz wichtig ist: Die Sportvereine wollen sich nicht in die Rolle des Pandemie-Opfers begeben. Aber sie wollen eben auf ihre Belange hinweisen. Auch weil Sport als emotionales Ventil für Menschen wichtig ist. Weil Bewegung auch eine gute Prävention gegen so schwere Corona-Infektionen sein kann. So belegen es immer wieder Studien.

"Ich mache mir Sorgen, dass einige auf der Strecke bleiben"

Ein Bereich, der komplett eingebrochen ist: das Kinderschwimmen. Bis zu 150 von den Jüngsten haben sich sonst wöchentlich in den Becken getummelt. Nun niemand. Die Bäder sind zu. Wann sie wieder öffnen, nicht absehbar. Wie so vieles in der Pandemie. Ein anderer Bereich, der ebenfalls fast gänzlich weggebrochen ist: das Eltern- und Kindturnen. Es ist eine Abteilung, die ohnehin einer großen Fluktuation unterliegt. Nun aber fehlen die Eintritte. Wenn Alexander Kiel beim Gang über die schwarze Leichtathletikbahn oder den blauen Kunstrasenplatz direkt neben der B54 redet, dann landet er immer wieder beim Kinder- und Jugendsport. Nicht nur als Vorsitzender des TSC Eintracht umtreibt ihn dieses Thema sehr, auch als Vater.

"Ich mache mir schon Sorgen, dass da einige auf der Strecke bleiben", sagt Kiel. Es ist eine diffuse Sorge, die mehrere Bereiche betrifft. Es geht nicht nur um Bewegungsimpulse. Es geht für viele Kinder auch darum, die Sprache zu lernen. Denn der Verein ist mit seinen Angeboten auch in der Nordstadt präsent. Einem Stadtteil mit vielen sozialen Spannungen und Problemen. Es geht im Kinder- und Jugendsport auch um Zuverlässigkeit, ums Team, um eine Motivations- und Kritikkultur. Und um die Persönlichkeitsentwicklung.

Wie es nun weitergeht? Alexander Kiel und sein Team arbeiten weiter an Lösungen für die Mitglieder. Sie arbeiten an Konzepten, dass zum 1. Juni Outdoorsport wieder in sehr großen Teilen möglich ist. Dabei setzt er auch auf die Hilfe der Politik. "Ich würde mir etwas mehr Mut von den Verantwortlichen wünschen", sagt Kiel. So kenne er keine Studie, die eine erhöhte Ansteckungsgefahr bei Aktivitäten im Freien belege. Im Gegenteil. Tatsächlich hatte ja eine Studie vor wenigen Wochen erst aufgezeigt, wie gering das Risiko einer Infektion draußen ist. Anders sieht es dagegen mit Sport in der Halle aus. Kiel: "Da wäre ich sehr vorsichtig, da fehlen mir noch die Erkenntnisse." Zum 1. September, so hofft der Klubvorsitzende, soll es mit den Sportarten unterm Dach aber dennoch wieder losgehen.

Wunsch an die Politik: Klarheit!

Eine Lösung: Das eigene Corona-Testzentrum, das diese Woche eröffnet worden ist. In den auch der Bürgertest möglich ist. In Zukunft könnte das Zentrum dann die Eintrittskarte für die Sportler in die Halle bedeuten. Könnte. Denn nichts ist in diesen Tagen so unzuverlässig wie die Ansagen aus der Politik. Ein Beispiel: Rund um Ostern gab es drei Entscheidungen in sechs Tagen. Ein Irrsinn, den auch der Verein seinen Mitgliedern nur sehr schwer vermitteln kann. Übrigens: Ein knallharter Lockdown würde den Verein weniger hart treffen als die vielen aufgeweichten Entscheidungen. Dann würden bestimmte Dinge wie die Pflege der Anlagen stärker runtergefahren.

Auch in dieser Richtung hat Kiel noch einen klaren Wunsch an die Politik: Mehr Klarheit, mehr Zuverlässigkeit in den Entscheidungen. "Deutschland hat starke Finanzen, eine starke Demokratie und eine starke Wissenschaft. Aber in dieser Krise sind wir als Land an unsere Grenzen gestoßen", sagt er.

Wie absurd die Regeln der Politik sind, erzählt eine Geschichte aus dem Jugendfußball. In kleinen Parzellen dürfen sich die Jungs und Mädchen zu zweit den Ball zuschieben. Kontakt ist nicht erlaubt. Was auch nicht erlaubt ist: Ansagen vom Trainer. Egal, ob der Abstand eingehalten und die Maske getragen wird. So ist es eben ruhig auf der Anlage. Zu ruhig. "Ich will die Anlage abends nach Feierabend wieder verlassen und die Leute beim Sport sehen und nicht alles in der Stille hinter mir abschließen", sagt Kiel. Was man hört: Autos.