Heute vor 22 Jahren

Der legendäre Torfall von Madrid

Eingestürztes Tor in Madrid
© dpa, frm

01. April 2020 - 14:57 Uhr

Günther Jauch & Marcel Reif in der Klemme

Mehr als 12 Millionen Zuschauer erleben am 1. April 1998 Fernsehgeschichte bei RTL. Kurz vor dem Champions-League-Halbfinale gegen Dortmund fällt in Madrid ein Tor um. Und es dauert, bis Ersatz gefunden ist. Studio-Moderator Günther Jauch und Kommentator Marcel Reif stecken in der Klemme.

Von Sebastian Fuhrmann

Die Bühne ist vorbereitet für den Tanz des Weißen Balletts. So nennen die Fans von Real Madrid ihre Mannschaft, weil sie so elegant spielt. Die Champions-League-Hymne kündigt die Darsteller des Abends an, auf dem Mittelkreis lassen Helfer die Plane flattern, wie sie es vor jedem Spiel in der Königsklasse tun. Es ist 20.43 Uhr, zwei Minuten vor Anpfiff. Am Rande der großen Show, nahe der billigen Plätze, kommt es in diesem Moment zur Katastrophe. Das Tor vor der Tribüne der Heimfans fällt nach hinten um, weil einige auf das Fangnetz gestiegen waren, an dem auch das Tor befestigt war.

Die Szene ist der Beginn eines unterhaltsamen Fernseh-Spektakels, das mehr als 12 Millionen Zuschauer sehen, und für das die Gastgeber Jauch und Reif später den Bayerischen Fernsehpreis erhalten sollten. Auf dem Rasen? Realsatire. Jauch und Reif greifen sie auf.

Bühne frei!

Jauch steigt ein: "Für alle die, die nicht rechtzeitig eingeschaltet haben: Sie haben etwas verpasst. Das erste Tor ist schon gefallen." Er hat da noch gut lachen, denn was folgen sollte, weiß er noch nicht. 76 Minuten wird es dauern, bis ein neues Tor steht und der Halbfinal-Kracher gegen Borussia Dortmund beginnen kann. Eine Zeit fast so lang wie ein Spiel, die er und Kommentator Reif irgendwie füllen müssen - nur eben ohne Spiel. Es ist eine Live-Sendung. "Warum habe ich bloß keinen richtigen Beruf gelernt?", sollte Reif später fragen. Die Zuschauer erleben Jauch an diesem Abend noch, wie er mit einem Bein auf einem Stuhl steht, ein Maßband in einer, das Mikro in der anderen Hand hält und vorturnt, wie hoch denn das neue Tor sein müsste: "Und jetzt noch einmal einen Meter dazu." Die Bühne, die für das Weiße Ballett gedacht war, ist an diesem Abend eins für die Farben Blau und Ocker.

Der niederländische Schiedsrichter Mario van der Ende und UEFA-Offizielle inspizieren am 1.4.1998 im Santiago-Bernabeu-Stadion von Madrid das gerade aufgestellte neue Fußballtor, und 90.000 schauen zu. Es muß das von gewalttätigen Hooligans zerstörte
Die Erlösung: Der Schiedsrichter prüft das Ersatztor.
© B2800 epa AFP, B2800 afp Alberto Martin

Auftritt der Ersthelfer

Zunächst ist der Plan, das Tor irgendwie zu reparieren. Es dauert nicht lange, bis ein Mann mit grauem Haarkranz über den Platz eilt. Er trägt Jeans, ein blaues Hemd und eine goldene Uhr am linken Handgelenk. "Achtung, er nimmt den Hammer weg", sagt Reif. Jauch fragt: "Was hat er links? Einen Meißel?" Reif: "Was heißt das? Wenn er jetzt hinten in seinem Kämmerchen ein Tor baut, dann ist er der Held von Madrid." Soweit sollte es nicht kommen. Augenblicke später betreten drei Männer im Blaumann den Platz. Reif: "Die Blauen kommen, Achtung, die Blauen sind wieder da." Die Helfer rollen das Netz auf. Jauch: "Das schöne Netz."

Gewusel im Strafraum

Rudelbildung im Strafraum. Immer mehr Fachmänner und die, die es sein oder werden wollen, stehen auf dem Heiligen Rasen des Estadio Santiago Bernabeu. "Jetzt erleben wir hier ein bisschen Heimwerker-Kurs", sagt Reif. Ein Helfer treibt ein Kantholz in das Loch, in dem normalerweise der Pfosten steht. Die Hoffnung ist, das alte Tor einfach drüber stülpen zu können. Wasser kommt aus dem Loch. "Jetzt steht da auch noch Wasser. Die sind bis aufs Grundwasser schon gekommen", kommentiert Reif. "Oder ist es Öl?"

Irgendwann machen sich Männer am Tornetz zu schaffen, das auf dem Boden liegt. Langsam weicht bei Reif die Zuversicht: "Das macht mich ganz betroffen." Das Gewimmel der Helfer kommentiert er mit den Worten: "Zählt mal durch. Die, die arbeiten, und die, die drumherum stehen." Jauch entgegnet: "Naja, aber das ist auf jeder normalen deutschen Baustelle so."

Ein Hund. Ein Hund?!

Es wird voller und voller im Strafraum. Bald stehen mehrheitlich Männer in quadratischen Anzügen auf dem Rasen. Einer mit einem feineren Stöffchen als der Nächste, Ocker ist 1998 offensichtlich in. Ein Mann mit Akten-Kladde rennt durchs Bild. "Der scheint ganz wichtig. Das ist einer von der Uefa", ruft Reif. Er klingt zuversichtlich. Jauch: "Oder er ist ganz unwichtig und trägt einfach etwas hin und her. Reif: "Wenn er ein Tor tragen würde, das wär nicht schlecht…" Es wird immer skurriler. Irgendwann ist ein Mann mit einem Rottweiler an der Leine zu sehen. Der Hund schnuppert herum. Jemand im Studio bellt. Es hört sich nach Jauch an: "Such das Tor!" Reif unterbricht. Jauch: "Er sucht's aber. Er hat die Witterung aufgenommen."

Die Erlösung

Nach einer Stunde tragen Helfer ein neues Tor ins Stadion. Der Legende nach hatten es die Fans von einem Trainingsplatz der Madrilenen besorgt und mit einem Kastenwagen zum Stadion gebracht. Während der Übertragung hatten Reif und Jauch noch gemutmaßt, wo denn ein neues Tor herkommen könnte. Vom Stadtrivalen Atlético? Sicher nicht. Dann gäbe es da noch Zweitligist Rayo Vallecano, das man bemühen könnte.

Mit allerlei Hilfsmitteln wie Schnüren und Kabelbindern wird das Netz festgemacht. Der Schiedsrichter schaut sich die Skulptur aus Alu und Nylon noch einmal genau an, bevor er das Spiel anpfeift. Dortmund verliert 0:2.

Wie RTL-Redakteur Marc Bätz den Torfall im Estadio Santiago Bernabeu erlebte? Hier entlang.