Nach fünf Jahren beginnt endlich der Prozess

International anerkannter HIV-Arzt soll Männer sexuell missbraucht haben

Dr. Karl J. wird sexueller Missbrauch vorgeworfen
Dr. Karl J. wird sexueller Missbrauch vorgeworfen
© RTL

19. April 2021 - 11:56 Uhr

Seit 27 Jahren in Berlin tätig

Der 62-jährige Dr. Karl J. gilt in seinem Kampf gegen AIDS und HIV als absoluter Experte und ist international anerkannt. Seit 27 Jahren führt er in Berlin eine Praxis, die eine bekannte Anlaufstelle in der Schwulen- und Lesben-Community ist. Seit heute steht er aber vor Gericht. Er soll mindestens fünf Männer bei der Untersuchung sexuell missbraucht haben.

Behandlung bis zum Samenerguss

Für die Verteidigung ist die Sache klar: Die Anklagevorwürfe sind falsch, alle Untersuchungen und Therapien hatten einen medizinischen Hintergrund. So steht es in einem Schreiben, das RTL vorliegt. So habe Dr. Karl J. beispielsweise durch das Abtasten von Hoden schon bei über 50 Patienten frühzeitig Krebs entdeckt und dadurch die Behandlung ermöglicht.

Doch die Vorwürfe lassen bei der medizinischen Notwendigkeit Zweifel aufkommen. Laut RBB soll der 62-Jährige Männer geküsst haben, ihnen Komplimente für die Geschlechtsteile gemacht haben, in einigen Fällen sogar solange die Prostata massiert haben, bis Patienten eine Erektion bekamen, um sie anschließend zum Samenerguss zu bringen. Auch soll er sich in einem Fall selbst ausgezogen haben.

Taten drohen zu verjähren

Die Aufmerksamkeit für den Fall ist groß, im Berliner Amtsgericht ist heute die Hölle los. RTL-Gerichtsreporterin Franca Pörsch berichtet: "Er hat sich zum Auftakt nicht im Saal vorführen lassen, sondern ist mit seinen beiden Anwälten erst kurz vor Beginn schnellen Schrittes in den Saal gegangen." Schon in den vergangenen Jahren waren Dr. Karl J. und seine Anwälte mehrfach gegen mediale Berichterstattung vorgegangen.

Auch mehrere der Opfer sind vor Ort. Sie mussten lange darauf warten, gehört zu werden. Denn die Fälle passierten zwischen 2011 und 2013. Schon 2016 hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Doch erst jetzt, fünf Jahre später, kommt es endlich zum Prozess. Vier der Opfer treten als Nebenkläger auf. Die Anwältin sagt gegenüber Queer.de: "Für meine Mandanten bedeutet die seit der Anzeigenerstattung bereits verstrichene Zeit und insbesondere die mehrfach erfolgte Verlegung des Beginns der Hauptverhandlung eine fortlaufende psychische Belastung."

Zumal die Gefahr besteht, dass die frühen Vorwürfe verjähren. Ein Urteil wird für den 14. Juni erwartet.