Coming-out

„Plötzlich“ homosexuell - wie sage ich es meinem Partner oder meiner Partnerin?

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9. Oktober 2019 - 17:05 Uhr

Das gesamte bisherige Leben gerät ins Wanken

"Ich habe mir etwas vorgemacht": Der ehemalige "Bachelorette"-Kandidat Rafi Rachek möchte nach seinem Coming-out endlich er selbst sein. Immer wieder kommt es vor, dass Männer oder Frauen selbst nach jahrelangen Beziehungen oder sogar einer Ehe mit dem anderen Geschlecht bemerken, dass sie sich eigentlich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen.

Bei Betroffenen sorgt es meist vor allem für einen Schock, wenn der Partner oder die Partnerin sich plötzlich als homosexuell outet. Das bisherige Leben der Beteiligten gerät ins Wanken, sogar ganze Familien können daran zerbrechen. Für betroffene Männer und Frauen ist es ein großer Schritt, mit dem bisherigen Partner oder der bisherigen Partnerin darüber zu sprechen.

"Ein schwuler Mann kann ein liebevoller Ehemann für seine Frau sein"

Diplompsychologin Anja Wermann weiß, warum es Homosexuellen oft schwer fällt, zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen: "Gesellschaftlicher Druck, Scham und Angst vor Ausgrenzung zwingen viele dazu, ihre Sexualität zu verstecken". Männer, die in einer Beziehung mit einer Frau sind, brauchen meist ihre Zeit, bis sie bemerken, dass sie sich eher zu Männern hingezogen fühlen: "Ein schwuler Mann kann ein liebevoller Ehemann für seine Frau sein, also sie wertschätzen, gut behandeln, ein guter Vater sein. Bei der Sexualität wird es dann schwieriger, etwas vorzuspielen oder sich selber etwas vorzutäuschen." Genau so gilt das auch für Frauen. Auf Dauer gelingt das laut Anja Wermann nicht - die starke Selbstverleugnung könne über Jahrzehnte gesehen schwierig sein.

Nicht dem Partner oder der Partnerin die Schuld geben!

Wenn es darum geht, mit dem Partner oder der Partnerin darüber zu reden, gilt laut Paartherapeutin Sigrid Sonnenholzer vor allem: "Geben Sie Ihrem Partner oder ihrer Partnerin nicht das Gefühl, dass die Beziehung nur vorgespielt war. Erklären Sie, dass Sie eine Seite an sich entdeckt haben, die auch Ihnen neu ist." Meist entdecken Männer und Frauen diese Seite an sich durch eine Person: "Es gibt Frauen, die dachten, sie seien zufrieden mit ihrer Ehe und dann lernen sie eine andere Frau kennen, die ihnen die Welt eröffnet, in die sie eigentlich wollen."

Das A und O ist hier: Kommunikation. Es hilft nicht, um den heißen Brei herumzureden und nicht hundertprozentig zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen. Deshalb ist ein offenes und ehrliches Gespräch wichtig. Wenn der Mann oder die Frau sich seiner oder ihrer sexuellen Orientierung sicher ist, sollte es sofort thematisiert werden. Die Situation sollte dabei so nachvollziehbar wie möglich erläutert werden, sodass der Partner oder die Partnerin möglicherweise mehr Verständnis dafür aufbringen kann.

Bei Kindern ist die Art und Weise der Vermittlung wichtig

Sind Kinder im Spiel, ist die Art und Weise der Vermittlung wichtig: "Wenn die Kinder schon älter sind, da wäre es zum Beispiel spannend zu gucken, gibt's zum Beispiel Stars, die sich als homosexuell geoutet haben und den Kindern oder Jugendlichen bekannt sind. Das kann man als Anknüpfungspunkt nehmen", so Wermann. Den Kindern sollte von Anfang an vermittelt werden, dass Homosexualität genau so normal ist wie Heterosexualität. So kann es leichter für sie sein, die Situation zu akzeptieren und problemlos damit zu leben.